Verfehlen kann man sie nicht. Gross stehen die schwarzen Buchstaben auf dem Wegweiser: «GOPS». Ausgeschrieben bedeutet das: Geschützte Operationsstelle. Es geht um eine Kurve, rechts der Besucherparkplatz des Freiämter Kreisspitals in Muri. Eine gepflegte Rabatte. Links ein Bau aus Sichtbeton, der aus der Erde lugt wie eine moderne Hobbithöhle. Das Eingangstor steht halb offen. Darüber sind eine Satellitenschüssel und ein Flutlicht montiert. Auf dem Vorplatz wird den Asylsuchenden ein grüner Allwetterteppich ausgerollt, flankiert von eingetopftem Thuja.

Ein breiter Gang führt ins Innere. Mannshoch wurde ein Schweizerkreuz auf die Tür eines Verschlags gemalt, daneben steht ein Pallettenrolli. Es geht durch eine weitere Tür, der Gang wird schmaler, der Beton ist jetzt gelb gestrichen. Der Schleusenraum erinnert an den Zweck, für den das Notspital gebaut wurde, und an den damaligen Zeitgeist: Unter einer Notsituation stellte sich niemand syrische Familien in tuckernden Booten vor, sondern sowjetische Bomben aus schnellen Flugzeugen.

Es ist ein anderes Leben für die Flüchtlinge hier unter dem Boden. Aber es ist ein Leben, mit schützendem Dach über dem Kopf, mit Warmwasser und WLAN. Um das zu zeigen, luden gestern das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) und das Betreuungsunternehmen ORS Service AG Medienvertreter zu einer Besichtigung. DGS-Sprecher Balz Bruder betont sogleich: «Das ist eine temporäre Infrastruktur. Wir betreiben sie so lange wie nötig und so kurz wie möglich.» Er räumt aber auch ein: «Im Moment können wir nicht mit gutem Gewissen sagen, dass die Gops Ende Februar oder März wieder zugehen.» Dass der Zustrom von Flüchtlingen abnehme, sei nicht absehbar. «Und Sie werden heute sehen, dass es nicht so wahnsinnig schlimm ist, wie man sich das vorstellen könnte.»

Mit Jobs Sackgeld verdienen

Nach der Schleuse öffnet sich die Anlage. Mehrere Türen, grüne Lüftungsrohre, ein grosses Whiteboard, auf dem die Bewohner gezeichnet und geschrieben haben. Zwei Asylbewerber huschen vorbei. Sie sind gekleidet in Trainer und T-Shirts. Es ist warm hier, ein bisschen riecht es nach Schweiss. Sie folgen einem Wegweiser: «Untergeschoss».

Eine Treppe führt weiter hinunter, zu Schlafsälen und Gemeinschaftsbad, Küche und Waschküche. 150 alleinreisende Männer leben hier. 60 Prozent Afghanen, 20 Prozent Syrer und Iraki, der Rest verteilt sich auf verschiedene Länder. Jeder hat sein Bett, seinen nummerierten Spind, ein Kühlschrankabteil und eine Box für Lebensmittel. Damit das Zusammenleben funktioniert, braucht es Regeln.

Niemand kennt diese besser als Sandro Vescovi, Zentrumsleiter der ORS Service AG. «Es gibt ein Eintrittsgespräch. Wir geben die Hausordnung in der Muttersprache ab. Und einen Situationsplan, der zeigt, wo der Lidl ist und wo der Arzt.» Einmal am Tag wird die Unterkunft gereinigt, die Küche zweimal – von den Bewohnern. Andere Männer waschen Wäsche für alle, helfen dem Förster, den Wald schön und dem Gemeindearbeiter, die Strassen sauber von Abfall und Schnee zu halten. «Das sind beliebte Jobs», sagt Vescovi: «Sie geben zu den 10 Franken für den Grundbedarf zusätzlich 4 bis 7 Franken Taschengeld. Plus Erfolgsmomente.» Wenn einer gegen die Regeln verstösst, kann vorübergehend gekürzt werden. Laut Vescovi funktioniert das System: «Der Betrieb ist ruhig angelaufen.»

Sport statt Schlägereien

In vier Notspitälern kann der Kanton 715 Menschen unterbringen. Baden machte im August den Anfang, im Oktober wurde Muri, im November Laufenburg eröffnet. Im Dezember folgt Aarau, bei dem es hiess, man würde nur «bei äusserstem Bedarf» aufmachen.

So leben Asylbewerber im Untergrund (Tele M1, November 2015)

So leben Asylbewerber im Untergrund

Weil der Kanton Aargau oberirdisch für Asylsuchende keinen Platz mehr findet, sucht er unter dem Boden für Unterbringungsmöglichkeiten. So beispielsweise unter dem Spital Muri. Wie leben die Asylbewerber dort?

Es ist ruhig in der Unterkunft. Zwei Männer kochen. Viele sind am Arbeiten oder im Deutschunterricht, einige in den oberirdischen Containern mit Töggelikasten und Billardtisch. In einem dunklen Raum hängt ein Flachbildschirm an der Wand. Moustafa aus Syrien hockt auf einem Stuhl, sein Smartphone hängt an der Steckdose. Um die Energie, die sich in den Männern unter Tage anstaut, loszuwerden, gibt es Sportangebote. Und: Die Murianer helfen. Nachbarn holen oft Flüchtlinge zum Spazieren ab. Probleme wie Schlägereien, Diebstahl oder Drogen habe es bislang nicht gegeben, sagt Vescovi. «Dass es so ruhig ist, fällt uns aber nicht in den Schoss. Das ist harte Arbeit.»