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Besser als Zug und Zürich: Fünf Gründe für den Firmen-Boom im Aargau

Früher in Baselland zu Hause, neu in Möriken-Wildegg (Bild).

Die «Belux AG» ist ein Beispiel für eine Zuzüger-Firma.

Früher in Baselland zu Hause, neu in Möriken-Wildegg (Bild).

Der Aargau ist der populärste Kanton für Firmen in der Schweiz. Wie die Wirtschaft davon profitiert, warum der Kanton Aargau das ‹Technologie Valley› der Schweiz ist und welche Herausforderungen lauern.

Kein anderer Kanton ist beliebter als der Aargau, wenn es um Zuzüge von Schweizer Firmen geht. Das geht aus einer Analyse des Wirtschaftsinformationsdienstes Crif hervor. Dieser untersuchte alle registrierten Unternehmen im Handelsregister, die zwischen 2008 und August 2016 innerhalb der Schweiz umgezogen sind.

Insgesamt haben 2474 Firmen ihr Domizil in den Aargau verlegt, 2141 sind weggezogen. Das ergibt einen Nettozuwachs von 333 – eine Zahl, von der andere nur träumen können. Beispielsweise der Kanton Zug, der am meisten Federn lassen musste: Unter dem Strich verlor die Steueroase der Schweiz über 1000 Unternehmen – viele davon in den Aargau. Die meisten Neuzuzügler verdankt der Aargau aber dem Kanton Zürich: 930 Betriebe sind in den letzten acht Jahren über die Kantonsgrenze gekommen.

Es sind vorwiegend kleine KMUs oder Einzelunternehmen, die für den Firmen-Boom verantwortlich sind, sagt die Leiterin der Standortförderung des Kantons Aargau Annelise Alig. «Vor allem Finanzdienstleister, Immobilientreuhänder, Online-Plattformen oder IT-Unternehmen drängen in den Aargau.» Sie seien mobil und können den Umzug ohne grosse Umstände vollziehen.

Aber was macht den Kanton Aargau so populär für diese Firmen? Fünf Gründe stehen im Vordergrund.

1. Erreichbarkeit: Der Aargau wird nicht umsonst auch als Autobahnkanton bezeichnet. Die gute Anbindung ans Schweizer Strassennetz ist ein grosser Vorteil. Die Städte Basel, Zürich, Luzern und Bern sind in einer Stunde erreichbar. Damit verbunden ist ein grosses Einzugsgebiet an qualifizierten Fachkräften, die einen relativ kurzen Weg in den Aargau haben und somit leichter rekrutierbar sind. Auch für Kunden, Zulieferer und Kooperationspartner sind kurze Wege interessant.

2. Büromietkosten: Steuertechnisch kann der Aargau im Vergleich mit anderen Kantonen zwar nicht mithalten, dafür sind die Mieten deutlich tiefer als in Zug, Schwyz oder Zürich. «Je kleiner die Firma, desto geringer ist oft auch der Gewinn und umso relevanter sind die Mietkosten», erklärt Annelise Alig.

3. Produktionsflächen: Wenn ein Unternehmen wächst, braucht sie automatisch mehr Platz. Dieser ist begehrt und deshalb oft schwierig zu finden. Produktionsfirmen stossen in den umliegenden Kantonen oft an Grenzen. «In den ländlichen Gebieten des Aargaus hat es im Gegensatz zu Basel oder Zürich noch reichlich Platz», so Alig.

4. Innovation: Der Aargau trumpft gleich mit vier Institutionen auf: Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), der Technopark, das Hightech Zentrum und der Park Innovaare beim Paul Scherrer Institut (PSI). «Die FHNW ermöglicht den Firmen Zugang zu jungen Talenten, was sehr wertvoll ist», sagt Alig. Und im Bereich der technologisch ausgerichteten Jungunternehmen wie der Sintratec AG oder Power-Blox AG werden zunehmend der Techno- und der Innovationspark beim PSI wahrgenommen, was gemäss Alig ebenfalls zu Zuzügen führt.

5. Lebenskosten: «Als Unternehmer erhält man im Aargau mehr für sein Geld», ist Alig überzeugt. Damit meint sie nicht nur die vergleichsweise tiefen Büromietkosten oder den Zugang zu den Talenten, sondern auch private Bedürfnisse wie beispielsweise ein Restaurantbesuch, der im Durchschnitt einiges günstiger ist als etwa in Zürich.

Wenn aber vor allem kleine KMU-Betriebe für den Firmen-Boom im Aargau verantwortlich sind, dürfte der Effekt für die Wirtschaft relativ klein ausfallen, oder? «Jede zugezogene Firma schafft Arbeitsplätze im Aargau. Obwohl es hauptsächlich KMUs sind, ist der Einfluss nicht zu unterschätzen», sagt Alig. Es seien aber auch grössere Firmen in den Aargau gekommen wie beispielsweise Solvias nach Kaiseraugst mit rund 250 Arbeitsplätzen.

Beispiele: Drei Firmen und warum sie in den Aargau umgezogen sind: "Auslöser war ein Stau im Gubrist"

Der positive Effekt spiegelt sich in der Zahl der Arbeitslosen wieder. Alig: «Wir haben eine Arbeitslosenquote die unter dem Schweizer Durchschnitt liegt, das kommt nicht von ungefähr.» Die Privatpersonen würden aber nicht nur von den zusätzlichen Arbeitsplätzen profitieren. «Je mehr Steuereinnahmen der Kanton erzielt, desto mehr öffentliche Leistungen kann er mitfinanzieren.»

Finanzloch und Digitalisierung

Wie die Zukunft aussehen wird, ist für die Leiterin der kantonalen Standortförderung schwierig abzuschätzen. Der Technopark oder das Hightech Zentrum stimmen sie aber zuversichtlich. Viele IT-Unternehmen sind in den letzten Monaten dank diesen Institutionen gekommen. Mutiert der Kanton Aargau nun zum Silicon Valley der Schweiz? «Wir haben tatsächlich eine gute Dynamik entwickelt. Ich würde den Aargau aber eher als ‹Technologie-Valley› bezeichnen», so Alig.

Damit der Traum vom Silicon, beziehungsweise Technologie-Valley der Schweiz nicht schon bald ausgeträumt ist, müssen die kommenden Aufgaben gemeistert werden. Alig bezeichnet das klaffende Finanzloch des Aargaus als «eine der grossen aktuellen Herausforderungen». Auch wie die zahlreichen KMU-Betriebe mit der Digitalisierung umgehen werden, wird mitentscheiden, wie wettbewerbsfähig die Aargauer Wirtschaft in Zukunft sein wird.

Autor

Nicola Imfeld

Nicola  Imfeld

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