Bei der Jahresrevision im AKW Leibstadt wurden im August an acht Brennelementen oxidierte Stellen entdeckt. Rund zwei Monate länger als geplant werde der Reaktor deshalb stillstehen, teilten die Kraftwerks-Verantwortlichen damals mit. Anfang Oktober teilte die Kernkraftwerk Leibstadt AG mit, dass mehr Brennelemente betroffen seien und die Untersuchungen mehr Zeit in Anspruch nehmen: Erst im Februar 2017 sollte das leistungsstärkste und neueste Atomkraftwerk der Schweiz wieder ans Netz gehen, hiess es.

An diesem Termin halte man weiterhin fest, sagt Karin Giacomuzzi, Leiterin Kommunikation beim Kernkraftwerk Leibstadt. Dies, obwohl die Probleme mit den Brennelementen offenbar deutlich grösser sind als ursprünglich angenommen. Giacomuzzi sagt auf Anfrage der az, von rund 200 bisher untersuchten Elementen hätten deren 45 kritische Befunde aufgewiesen. Der Reaktor in Leibstadt enthält 648 Brennelemente mit jeweils 96 Brennstäben. Mehr als jedes fünfte Brennelement wies also beschädigte Brennstäbe auf – auf den gesamten Reaktor lasse sich dieses Verhältnis jedoch nicht übertragen, sagt Giacomuzzi: «Wir haben Elemente an allen Positionen im Reaktorkern untersucht und festgestellt, dass nur diejenigen Befunde aufweisen, die an den hochbelasteten Positionen im Kern stehen.» Die Inspektion habe sich in der Folge auf die Überprüfung dieser Elemente konzentriert. Deshalb geht man in Leibstadt von insgesamt 45 Brennelementen mit Befunden aus.

Nur jüngste Elemente betroffen

Die Korrosion von Brennstabhüllrohren ist laut einem Bericht der Atomaufsichtsbehörde Ensi ein normaler Prozess, der in jedem Reaktor stattfindet. Die Oxidation sei unter anderem von der Herstellungsart der Brennelemente, der anlagenspezifischen Wasserchemie, der Leistungsgeschichte und der Einsatzzeit der Elemente abhängig.

Erfahrungsgemäss sei in den vier bis sechs Einsatzjahren eines Brennelements mit Oxidschichten von 0,1 Millimeter Dicke zu rechnen. Bereits 1997 wurden laut einem Bericht der Atomaufsichtsbehörde in Leibstadt Schäden bei Brennelementen festgestellt. Betroffen waren damals ältere Elemente, die drei Jahre und länger im Einsatz standen. Um das Problem zu lösen, wurden diese durch neue Elemente ersetzt. So einfach ist die aktuelle Situation nicht: In Leibstadt geht man davon aus, dass es sich um «ein lokales Kühlungsdefizit in hochbelasteten Brennelementen handelt», wie Giacomuzzi sagt. Die Oxidationen, die sich an den Brennstäben als verfärbte Stellen zeigen, wurden allerdings gerade nicht an den ältesten Elementen festgestellt.«Die bisher gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass ausschliesslich einjährige Brennelemente betroffen sind», sagt Giacomuzzi.

So sieht es im Inneren eines AKWs aus:

Sie könne derzeit keine abschliessenden Aussagen dazu machen, «wie viele Brennelemente instand gestellt oder ausgetauscht werden müssen». Eine erste Schätzung gibt es aber: «Wir rechnen heute mit rund 15 Brennelementen, die repariert werden müssen.» Dabei würden die Brennstäbe mit einem Befund durch Zirkonium-Stäbe ohne Uranpellets ersetzt. Das heisst: Anstelle von Stäben, die mit Uran gefüllt sind und Energie liefern, werden leere Stäbe eingesetzt. Dadurch dürfte sich die Leistung des Reaktors reduzieren – wie stark, lässt sich noch nicht sagen. Giacomuzzi versichert aber: «Das Vorgehen des Kernkraftwerks Leibstadt ist stets sicherheitsgerichtet.»

Greenpeace-Experte ist besorgt

Stefan Füglister, AKW-Experte bei Greenpeace, hält die Erkenntnisse aus Leibstadt für bedenklich. «Dass gerade die jüngsten Brennelemente betroffen sind, wirft Fragen auf», sagt er. Füglister geht nicht von einer mangelhaften Produktion aus, sondern sieht mögliche Ursachen eher bei der hohen Reaktorleistung. «Möglicherweise kommt es in gewissen Bereichen zu einem Siedezustand, bei dem die Brennelemente nicht mehr vollständig mit Wasser in Kontakt sind und schneller oxidieren», vermutet er. Füglister, der sich seit Jahren mit Atomkraftwerken befasst, sagt weiter, ihm sei in diesem Ausmass kein ähnlicher Problemfall bekannt. Möglicherweise führe die Leistungserhöhung des AKW Leibstadt dazu, dass die Elemente stärker beansprucht würden als ursprünglich vorgesehen «und deshalb früher Schäden auftreten».