Politik
Beruf, Burnout, Sittenzerfall: Jeder fünfte Aargauer Gemeinderat tritt vorzeitig zurück

In den letzten Tagen haben im Aargau gleich drei Gemeindeammänner ihren Rücktritt bekannt gegeben. Sie sind keine Einzelfälle: 188 vorzeitige Demissionen von Gemeinderäten registrierte der Kanton allein in der laufenden Amtsdauer.

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Ein Fünftel aller Gemeinderatsmitglieder im Aargau schafft es nicht bis zum Ende der Amtszeit. (Symbolbild)

Ein Fünftel aller Gemeinderatsmitglieder im Aargau schafft es nicht bis zum Ende der Amtszeit. (Symbolbild)

Hanspeter Baertschi

Auf diese Überraschung hätte man in Schinznach-Bad gerne verzichtet. Mitteilungsblatt Nr. 5, 3. März 2017. Letzte Seite. «Liebe Einwohnerinnen und Einwohner», beginnt Gemeindeammann Oliver Gerlinger, und schreibt: «Die Antriebsbatterien halten sehr lange, so dass man glauben könnte, die Energiequelle versiege nie.»

Doch wenn der Pegel des Ladezustandes zu tief sinke, dauere es ungewöhnlich lange, bis wieder genügend Kraft vorhanden sei, dem Leben und dessen Aufgaben zu trotzen. «Mir wurde schmerzlich aufgezeigt, dass ich meine Batterien über Gebühr strapaziert hatte und eine drastische Veränderung eingeläutet werden muss.» Konsequenz: Gerlinger reichte seine sofortige Demission ein, «schweren Herzens», wie er betont. Gerlinger ist damit nicht allein. Auch der Ammann von Auenstein, Reto Krättli, gab vergangene Woche seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Auch seine Demission erfolgt «aus gesundheitlichen Gründen», allerdings nicht wegen einer Erschöpfung. In Klingnau tritt Oliver Brun «aus beruflichen und familiären Gründen» nicht mehr an.

Heidi Wanner Koblenz, FDP: Zurückgetreten (keine Lust mehr)
3 Bilder
Oliver Gerlinger Schinznach-Bad, parteilos: Zurückgetreten (Burnout)
Reto Krättli Auenstein, FDP: Zurückgetreten (Krankheit)

Heidi Wanner Koblenz, FDP: Zurückgetreten (keine Lust mehr)

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Beruf als meistgenannter Grund

Laut Samuel Helbling, Sprecher des Aargauer Innendepartements, waren es in den Jahren 2006–2009 192 vorzeitige Rücktritte, von 2010 bis 2013 bereits deren 211. In der laufenden Amtsperiode (2014–2017) sind es bisher 188, wobei das letzte Legislaturjahr noch fehlt. Fazit: Jedes fünfte Ratsmitglied geht früher als geplant. Die Rücktrittsgesuche werden von der Gemeindeabteilung geprüft. Die Leiterin nimmt bei unklarer Sachlage Rücksprache.

Der verantwortliche Regierungsrat Urs Hofmann sagt: «Aufgrund vieler Gespräche mit zurücktretenden Gemeinderatsmitgliedern habe ich den Eindruck, dass viele sich mit ihrem Rücktritt sehr schwer tun und den Bettel nicht leichtfertig hinschmeissen.»

Spitzenreiter in der unrühmlichen Rangliste sind Eiken mit sechs und Rottenschwil mit fünf Rücktritten in den letzten drei Jahren. Den dritten Rang teilen sich Aristau, Besenbüren, Habsburg und Mägenwil (je vier Rücktritte). Mit Abstand am häufigsten wird der Beruf als Grund für einen verfrühten Abgang genannt (83 Mal), danach folgen persönliche Gründe (42), gesundheitliche (30), Wegzug (12) und geplante Erneuerungen (10). So haben etwa im Fricktal die langjährigen Ammänner Brunette Lüscher (Magden, 15 Jahre) und Bernhard Horlacher (Schupfart, 13 Jahre) gezielt Nachfolger aufgebaut und diesen Ende 2016 ihre Sessel überlassen.

Andere wiederum geben offen zu, dass ihnen die Lust am Politisieren vergangen ist. So wie Heidi Wanner in Koblenz. Sie stellte fest, dass der Ton rauer geworden ist. Die Sitten und das Gebaren der nationalen Politik seien auch auf der lokalen Ebene angekommen. Sie erhalte E-Mails, die jeden Anstand vermissen lassen. «Darauf habe ich keine Lust mehr», sagte die zweifache Mutter und Grossmutter 2016 bei ihrem Rücktritt nach 14 Jahren.

Den Liebsten Sorge tragen

Renate Gautschy ist Gemeindeammann von Gontenschwil und Präsidentin der Aargauer Gemeindeammännervereinigung (GAV). Sie sagt: «Die Leute bleiben weniger lang als vor 20, 30 Jahren.» Die Zunahme der Rücktritte sei nicht exorbitant, aber kontinuierlich. Gautschy kennt Gerlinger gut, da er auch im Vorstand der GAV mitgewirkt hatte. Sie sagt: «Jeder Fall, der so endet, tut mir weh.» Gerlinger sei aber «beispielhaft» mit seiner Situation umgegangen: «Man muss sich trauen und die Offenheit haben, zu sagen: Ich spüre meine Grenzen.»

Das sei sehr wichtig, um im Rat reagieren zu können. Auch die Bevölkerung müsse Verständnis aufbringen, Räte könnten nicht immer überall dabei sein. Persönlich sei es ihr mit dem Kräftehaushalt bis jetzt gut ergangen, aber sie erlaube sich auch, einmal abzusagen, statt einen Termin hineinzuquetschen: «Damit macht man weder sich noch den Einladenden einen Gefallen.» Man müsse Sorge tragen zu Familie, Partner, Freunden: «Sie sind auch für einen da, wenn man kein Amt mehr hat.»

In Weiterbildungen sensibilisiert der Verband Gemeinderäte darauf. Damit böse Überraschungen dem Stimmvolk künftig wieder eher erspart bleiben.

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