Gränichen

Bereits in der Bronzezeit wollten alle am Lochbach leben

Wo ab 2017 zehn Mehrfamilienhäuser entstehen sollen, gräbt die Kantonsarchäologie aktuell ein ganzes Dorf aus der mittleren Bronzezeit aus. Das ist ihre bisher grösste prähistorische Grabung. Die Erkenntnisse sind von europaweiter Bedeutung.

Auf der sich gegen Südwesten hin verengenden Wiese zwischen Lochweg und Lochgasse sollen ab 2017 zehn Mehrfamilienhäuser entstehen. Vorher führt hier die Aargauer Kantonsarchäologie ihre bisher grösste prähistorische Grabung durch. Dies, weil das Gelände am Lochbach vor dreieinhalb Tausend Jahren bereits eine gefragte Wohnlage war. Da das 12 000 Quadratmeter umfassende Terrain, auf dem das Bauprojekt realisiert werden soll, als archäologische Fundstelle ausgewiesen ist, hat die Kantonsarchäologie zwischen Herbst 2015 und Sommer 2016 hier Sondierungen vorgenommen. 17 Sondierschnitte wurden angelegt und acht Grabungsfelder ausgegraben.

Dabei konnte nach Angaben von Stephan Wyss, Ressortleiter Ausgrabungen bei der Kantonsarchäologie, auf dem ganzen Areal eine im Durchschnitt rund 40 Zentimeter starke Kulturschicht aus der mittleren Bronzezeit (zirka 1600 bis 1300 vor Christus) nachgewiesen werden.

An einer Stelle stiess man zudem auf Zeugen der Spätlatène-Zeit wie zum Beispiel die rechts abgebildete Bronzefibel. Zum Vorschein kam aus dieser Zeit aber auch das Fragment einer Weinamphore aus dem heutigen Italien. Das sei, sagt Wyss, ein bekanntes Zeugnis eines alpenquerenden Handels – und es zeige, dass hierzulande schon lange vor der eigentlichen Romanisierung Wein getrunken wurde. Die Spätlatène-Zeit endet ungefähr um Christi Geburt und ist im schweizerischen Mittelland die Zeit der keltischen Helvetier.

Nur zwei Siedlungen aus Mittelbronzezeit nachgewiesen

Da das Gelände überbaut wird und als archäologische Stätte nicht erhalten werden kann, muss es vor der Zerstörung wissenschaftlich untersucht und dokumentiert werden. So will es das kantonale Kulturgesetz. Seit dem 3. Oktober ist deshalb nun die Grabung im Gang. 20 Personen, die sich 17 Vollzeitstellen teilen, sind damit beschäftigt, die Existenz eines bronzezeitlichen Dorfes nachzuweisen und die Position der einzelnen Gebäude zu bestimmen.

In der Schweiz kennt man zahlreiche Seeufersiedlungen aus der frühen und späten Bronzezeit. Die mittlere Bronzezeit dagegen, sagt Grabungsleiterin Sophia Joray, Prähistorikerin der Universität Basel, müsse eher zu den «Dark Ages» gezählt werden. Mittelbronzezeitliche Landsiedlungen im Gebiet der heutigen Schweiz, konnten, wie Stephan Wyss betont, bisher erst zweimal in grösseren Dimensionen nachgewiesen werden: In Cham-Oberwil ZG und Payerne VD liessen sich Hofstrukturen mit Nebengebäuden dokumentieren.

Bisher einmalig in der Schweiz

Aufgrund der Grösse des Areals, so Wyss weiter, bestehe bei der Grabung in Gränichen nun erstmals im Aargau die Möglichkeit, eine Landsiedlung der Mittelbronzezeit grossflächig zu erfassen. Da auf dem Areal fast keine modernen Bodeneingriffe erfolgt sind, rechnet Wyss damit, dass der Siedlungsplan ungewöhnlich gut lesbar sein wird. Folglich verspreche die archäologische Untersuchung des Areals «grundlegende neue und einzigartige Erkenntnisse zur Topografie und inneren Organisation von Siedlungen dieser Epoche». Gestützt auf die Einschätzung von Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel, geht die Kantonsarchäologie davon aus, dass die neuen Erkenntnisse von europaweiter Bedeutung sein werden.

Allerdings erwächst der Gränicher Fundstelle Lochgasse just seit diesem Sommer Konkurrenz: In Kehrsatz legt derzeit der Archäologische Dienst des Kantons Bern ebenfalls ein mittelbronzezeitliches Dorf frei.

In Gränichen gelangen im grossen Massstab neue Technologien zur Anwendung. 85 Prozent des Materials – nicht nur die etwa 60 Zentimeter dicke Schwemmsandschicht, die auf der mittelbronzezeitlichen Kulturschicht lagert – werden mit dem Bagger abgetragen. Bei der fotografischen Erfassung gelangt eine Drohne zum Einsatz. Die Aufnahmen werden, ohne Winkelverzerrung, zu einem Ganzen verwoben, das die exakte Lage der abgebildeten Befunde im Gelände zeigt (Georeferenzierung). Wo bronzezeitliche Häuser standen, lässt sich, da sie nicht aus Stein gebaut waren, nur am Negativ ablesen: Es geht daher, wie Grabungsleiterin Joray erklärt, darum, im Boden die Löcher der Holzpfosten zu finden, auf denen die Dachkonstruktion ruhte.

Die Grabung soll bis Ende Oktober 2017 dauern – mit einem dreimonatigen Unterbruch im Winter. Im Dezember ist ein Tag der offenen Grabung geplant. «Wir sind gut gestartet», sagt Sophia Joray. Was sie an Funden präsentieren kann, stammt mehrheitlich aber noch aus den Sondiergrabungen: Keramikscherben vor allem, Silex-Pfeilspitzen, das Fragment eines bronzenen Armrings.

Auf einer Fotografie ist eine Grube von anderthalb Metern Durchmesser zu sehen. Darin fand man zahlreiche Keramikscherben. «Alle verbrannt», sagt Joray. Eine Deponie, ein Vorratsbehältnis? Oder verbirgt sich dahinter ein kultischer Zweck? Die Grabungsleiterin lässt die Antwort offen. Eines weiss sie aber mit Bestimmtheit: Was den Ort für die damaligen Menschen so anziehend machte: das Wasser. Hier gab es mehrere Quellen und nebst dem ebenen Baugrund fand man, leicht erhöht auf dem Schwemmfächer des Lochbachs, auch einen gewissen Hochwasserschutz. Solche Lagen an der Einmündung eines Bachs ins Talgewässer, sagt Joray, seien in der mittleren Bronzezeit beliebt gewesen.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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