Der Mann ist erst 26 Jahre alt und hat schon viel erlebt und angerichtet. Er wuchs in einer zerrütteten Familie auf, hatte einen Sprachfehler und kam früh ins Internat einer Sprachheilschule, dann in die Kleinklasse; man diagnostizierte ADHS und unkontrollierte Aggressivität; Ritalin und andere Medikamente waren seine ständigen Begleiter.

Nach der Schule eine Anlehre als Bäcker, später Gelegenheitsjobs, bald war er arbeitslos, bald auch obdachlos. Unspektakulär und nahtlos dann der Übergang in die Kriminalität: Er nimmt Drogen, klaut Lebensmittel. Wenn er unter Druck steht, wird er gewalttätig. Es folgen Verurteilungen wegen Diebstahl, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und versuchter schwerer Körperverletzung.

Zurzeit sitzt er für 17 Monate im Massnahmenzentrum St. Johannsen am Bielersee. Ein Gutachten bestätigt erhebliche psychische Probleme und leicht verminderte Zurechnungsfähigkeit. Dies war der Grund, warum das Bezirksgericht Aarau im Mai 2017 den Mann nicht ins Gefängnis schickte, sondern für 17 Monate in eine stationäre Therapie.

Beiständin leicht verletzt

Nun steht er wieder vor Gericht. Diesmal ist es das Bezirksgericht Kulm, das über zwei Delikte urteilen wird, die der Beschuldigte im April 2017 begangen hat. Damals wohnte der Beschuldigte im Wynental, lebte von der Sozialhilfe und seine damalige Ehefrau war schwanger.

Als er die Wohnungsmiete nicht bezahlen konnte, rief er seine Beiständin an und fragte sie, warum sie die Miete noch nicht überwiesen habe. Die Beiständin erklärte, dass sie vorher noch ein Gespräch mit ihm führen müsse. Darüber wurde der Beschuldigte dermassen wütend, dass er die Beiständin heftig beschimpfte und bedrohte.

Am nächsten Tag kam es zum vereinbarten Gespräch. Als die Beiständin dem Beschuldigten zu verstehen gab, dass er kein Generalabonnement zugute habe, rastete er aus, beschimpfte sie aufs Übelste, stiess den Bürotisch um, rempelte die Frau an und verletzte sie dabei leicht.

Keine ernsthafte Drohung?

An der Verhandlung sieht die Staatsanwältin den Tatbestand der Beschimpfung, der Drohung und der Gewalt an einem Mitglied der Behörde als erfüllt an und verlangt 12 Monate Gefängnis, die ebenfalls zugunsten einer stationären Massnahme verhängt werden sollen.

Der Pflichtverteidiger räumt zwar ein, dass heftige Beschimpfungen stattgefunden hätten, was selbstverständlich nicht zu tolerieren sei. Hingegen stellt er in Abrede, dass der Beschuldigte ernsthaft gedroht habe; auch habe sich die Gewalt nicht gegen die Beiständin gerichtet; die Verletzungen hätten sich unglücklicherweise ergeben, als der wütende und frustrierte Beschuldigte unkontrolliert das enge Büro der Beiständin verlassen wollte, als diese ihn dazu aufgefordert hatte.

Vier Monate zusätzlich

Der Beschuldigte wirkt friedlich und einsichtig. Freundlich gibt er Auskunft. Er bedauert, was passiert ist, schon mehrmals hat er sich bei der Beiständin für sein Verhalten entschuldigt. Sie trägt ihm nichts nach, verzichtet auf eine Zivilforderung.

Der Zwischenbericht aus dem Massnahmenzentrum stellt dem Beschuldigte ein gutes Zeugnis aus. Er selber bestätigt, dass er seine Aggressionen jetzt im Griff hat, dass die Therapie ihm guttue und die Medikamente hilfreich seien. Sechs Tage pro Woche arbeitet er in der Küche des Zentrums, in der Freizeit beschäftigt er sich mit keltischer Mythologie. Und er schreibt Bewerbungen für die Zeit nach der stationären Therapie. Er hat einen Traum: eine Lehrstelle als Logistiker.

Das Bezirksgericht Kulm erkennt nach kurzer Beratung auf schuldig im Sinne der Anklage und verurteilt den Beschuldigten zu einer Zusatzstrafe von vier Monaten zu den bereits vom Bezirksgericht Aarau gesprochenen 17 Monaten, ebenfalls in Form einer stationären Massnahme. Zudem muss er eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 10 Franken bezahlen.

Die beiden anwesenden Kantonspolizisten nehmen den Mann wieder in Gewahrsam und sorgen dafür, dass er sicher an den Bielersee zurückkommt.