vom Einkaufen nach Hause kam, fuhr oder ging durch wahlmässig noch jungfräuliche Strassen. Doch wer heute Morgen zur Arbeit fährt, dem strahlen schon von zahlreichen Kandelabern Grossrats- oder Regierungsratskandidaten entgegen. An strategisch günstigen Standorten, wo möglichst viel Verkehr zirkuliert, prangen Holzständer mit grösseren Plakaten verschiedenster Parteien. Die besten Standorte sind bereits vergeben.

Mit den Plakaten hat es seine Richtigkeit. Acht Wochen vor dem Wahltermin vom 23. Oktober darf man sie aufhängen (vgl. Box rechts). Gestern Sonntag war der Starttag. Damit kommt der bisher medial geführte Wahlkampf also zu den Leuten. Wir haben dies genutzt, in vier Bezirken Teams der vier grössten Parteien über die Schulter zu schauen.

Wehrli: Wahlkampf soll fair sein

Im Bezirk Aarau beispielsweise haben sich die Grossräte Daniel Wehrli, Clemens Hochreuter, Vreni Friker, Markus Lüthy und Wolfgang Schibler (alle SVP) für ein gemeinsames Plakat zusammengetan. Wobei man primär auf Plakatständer setzt. Die Kandelaber überlässt die SVP den andern Parteien. Warum eigentlich? Daniel Wehrli: «Viele dieser Plakate rutschen über kurz oder lang herunter, sie verrutschen oder werden sonst wie beschädigt. Deren Anblick ärgert dann die Leute.» Wehrli plakatiert seit über 20 Jahren in Küttigen und Bezirk Aarau. Er kennt die guten Standorte und weiss, wo am Strassenrand beim Besitzer SVP-Plakate gern gesehen sind, wo man sie aufstellen darf und wer überhaupt keine Plakate auf seinem Land will. Das wird respektiert. Wehrli schmunzelnd: «Es gibt Bauern im Dorf, die auf ihrem Land nur SVP-Plakate akzeptieren.» Ihm macht das gemeinsame Plakatieren Freude.

Die Vorbereitung machte man zu zehnt, nach dem Plakataufhängen findet man sich wieder zu einer kleinen geselligen Runde. Eine Tradition, die in den anderen Parteien ebenso gelebt wird.
Für Beschädigungen durch die Witterung oder Vandalismus ist man mit Reserveplakaten gewappnet. Wehrli hat den Eindruck, dass SVP-Plakate oft gezielt beschädigt werden. So fährt man ein- bis zweimal wöchentlich die Standorte ab, um bei Bedarf auszutauschen.

So darf im Aargau plakatiert werden

Für das bewilligungsfreie Aufstellen von unbeleuchteten Wahl- und Abstimmungsplakaten gibt es klare Regeln. Voraussetzung ist das Okay des (Land-)Besitzers. Bei Kandelabern ist es die Gemeinde. Die Reklamefläche an Kandelabern darf maximal 0,7 m², freistehende Plakate dürfen maximal 3,5 m² gross sein. Das Aufstellen darf frühestens acht Wochen vor dem Wahltag erfolgen. Kandelaberplakate an Strassen oder Gehsteig müssen einen Abstand von mindestens 0,3 Meter zur Strasse einhalten und mindestens 2,5 Meter über Boden angebracht sein. Bei freistehenden Plakaten beträgt der Mindestabstand zum Fahrbahnrand 3 Meter. Ganz wichtig: Aufstellen ist nur innerorts und bis 100 Meter ausserorts erlaubt. Sie dürfen die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigen. Bei Kreiseln und Verzweigungen etwa oder Fussgängerstreifen sind sie verboten. (AZ)

Wehrli: «Wir beschädigen und verunstalten keine anderen Plakate und wünschen uns sehr, dass man sich gegenseitig respektiert. Der Wahlkampf soll fair sein.» Beim letzten Wahlkampf hat er sich einmal über ein stark beschädigtes Plakat geärgert. Er wollte es vor dem Austausch fotografieren. Dabei erwischte er den «Übeltäter» in flagranti: Eine Kuh leckte das Plakat so inbrünstig ab, um an den offenbar feinen Fischkleister zu kommen, mit dem es befestigt war, dass das Plakat starken Schaden nahm.

Voser: Passanten wünschen Glück

Das Kandelaberproblem schätzt Susanne Voser (CVP), Gemeindeammann von Neuenhof und Grossratskandidatin, anders ein als Daniel Wehrli. Die CVP nutzt die Kandelaber. Voser: «Wenn man die Plakate richtig befestigt, halten sie auch.» Sie sorgt auch persönlich dafür, dass ein Plakat stehen bleibt, wie man auf dem Bild oben rechts sieht. Im Bezirk Baden waren gestern 13 CVP-Teams unterwegs, um Grossrats-, Regierungsrats- (für Markus Dieth) und Themenplakate (Thema AHV) aufzuhängen. Sie fanden noch reichlich gute Plätze. Negative Erfahrungen hat Voser beim Plakatieren noch nie gemacht. Und sie hat schon im Toggenburg, in St. Gallen und jetzt im Aargau plakatiert. Oft wünschen Passanten oder vorbeifahrende Automobilisten gar Glück am Wahltag.

Dass ein Plakat nach einem Fest spätabends beschädigt, umgeworfen oder ein lachendes Kandidatengesicht mit einem Schnauz verziert wird, komme vor. Das will sie aber nicht dramatisieren. Man sieht solche Beschädigungen oder bekommt sie gemeldet, dann wird das Plakat ausgetauscht. Plakatieren ist auch für sie kein Muss, es mache ihr Freude. Erst recht, weil damit das Produkt etlicher Besprechungen publiziert wird.

Weniger Schäden am Kandelaber

Im Bezirk Brugg waren gestern acht Leute von der SP unterwegs. Dieter Egli, Co-Präsident der SP-Fraktion im Grossen Rat, musste dabei feststellen, dass einige begehrte Plätze in der Nacht davor schon vergeben worden waren. Es blieben aber genug. Auch er schätzt Kandelaberplätze. Die haben gegenüber Ständerplakaten einen Vorteil: «Plakate auf den Wiesen kann man einfacher beschädigen, an die an den Kandelabern kommt man schwerer ran.» Der Vandalismus nehme aber ab, so Egli. Hingegen wollen nicht alle ein Plakat auf ihrem Land. Egli: «Wir klären das frühzeitig ab. Manchmal ist aber nicht klar, ob es privater oder öffentlicher Grund ist. Wenn ein Besitzer reklamiert, entfernen wir das Plakat sofort. Es gibt aber sehr wenig Reklamationen.»

Und hier noch eine Suchmeldung: Seit den letzten Wahlen fehlt der SP im Bezirk nämlich einer ihrer 20 Ständer. Egli: «Vielleicht hat jemand einer anderen Partei diesen versehentlich mitgenommen. Das ist möglich, weil manchmal am Schluss nur noch die Ständer dastehen und das Plakat fehlt.» Wenn also eine Partei plötzlich einen zu viel hat, weiss sie, wer ihn gern zurücknimmt.

Im Bezirk Lenzburg waren gestern mehrere FDP-Teams unterwegs. Eins davon bildete Andreas Schmid, Lenzburger FDP-Bezirksparteipräsident, und Grossratskandidat Kaspar Schoch. Seither prangen in Lenzburg 20 FDP-Ständer mit 40 Plakaten (beidseitig), im Bezirk sogar 200. Einige sind Themenplakate, 60 Prozent zeigen Grossratskandidaten, 25 Prozent den wieder antretenden FDP-Regierungsrat Stephan Attiger.