Lengnau
Beim Aargauer Musiktag gibts auch für die Kleinsten was zu hören

Mit Augen, Ohren und Gaumen auf Pirsch am Aargauer Musiktag.

Rosmarie Mehlin
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Ein Mitglied der Spielgemeinschaft Döttingen-Leibstadt
8 Bilder
Musikverein Jonen
Musikgesellschaft Beinwil am See
Reportage vom Aargauer Musiktag
Unterhaltung auf dem Festareal
Auch die jüngsten freuen sich über den Lunapark.

Ein Mitglied der Spielgemeinschaft Döttingen-Leibstadt

Patrick Züst

Wetten, dass in Lengnau mehr Männer und Frauen in weissen Hemden unterwegs waren als an Werktagen im UBS-Hauptsitz in Zürich? Zugegeben, eine notariell beglaubigte Zählung liegt nicht vor, aber in der Surbtal-Gemeinde wimmelte es nur so von weissen Hemden. Logisch, bei 28 Grad am Schatten haben selbst die elegantesten Uniformkittel ausgedient, sobald der letzte Ton verklungen ist. Der rote Loden zum Beispiel, wie ihn die Musikanten des Musikvereins Hohentengen trugen, die zusammen mit denen von der Musikgesellschaft Kaiserstuhl eine Spielgemeinschaft bilden, konnte glattweg als Privatsauna durchgehen.

Experten entgeht kein Detail

Der Disziplin tat die Hitze keinen Abbruch. Allein schon das Aufstellen zum Paradewettbewerb bot diesbezüglich besten Anschauungsunterricht. Die Direktion – Dirigent oder Dirigentin – nahm jeweils in der Hocke Augenmass, ob die Schuhspitzen zentimetergenau in einer Linie ausgerichtet waren. Das Blasinstrument nach Vorschrift in der linken Hand, die rechte so bolzengerade an der Hosennaht, dass es jedem Korpskommandanten das Herz im Leibe hüpfen lässt. Den gestrengen Blicken des Experten entgeht auch keine schief sitzende Krawatte, kein unbotmässig abschweifender Blick.

Ein kurzer Befehl von Dirigent André Schreyer, ein paar Schläge des Tambours, die Musikgesellschaft Sulz hob an und marschierte zu «Schwyzer Soldaten» los. Ganz ohne Worte kam Dirigentin Sandra Grütter aus: Den Tambourmayor-Stab bolzengerade in die Höhe gestreckt, dann präzise gesenkt, und schon schmetterte die MG Obersiggenthal «General Lee» in den blauen Lengnauer Himmel. Auf den Köpfen trugen sie Hüte wie Mafiosi, auf der Rückseite der Notenblätter das Foto eines Tigers: Die Musikanten aus Schinznach-Dorf boten eine Parade mit Evolution der Extraklasse.

Auf «The Eye of the Tiger» folgte «The Rose» mit entsprechender Illustration und zum Schluss «Gonna fly now» mit Sylvester Stallone als Rocky – alles verbunden mit aufwendiger Choreografie. Die Brüder Elias (9) und Aaron (8) Petr verliehen mit einem Leiterwägeli voller Blumen der MG Wölflinswil-Oberhof eine besondere Note; die Hornusser taten solches mit zwei Blumenbouqets tragenden Ehrendamen und die MG Kaisten marschierte verstärkt durch vier Tambouren vom Corps Laufenburg mit ihren rot-gelb bemalten alten Basler Holztrommeln.

77 Musikgesellschaften am Start

Mit Titeln von «Feurig Blut» bis «Diavolezza», von «San Remo» bis «Happy» bliesen und paradierten allein gestern 43 Formationen so herzerfrischend die Zürcherstrasse hinunter, dass die Hitze auf verlorenem Posten kämpfte – beim Publikum ebenso wie bei den Aktiven. Dennoch war nach getaner Arbeit Tenü-Erleichterung Trumpf und pilgerten Hunderte von Weisshemden zu Trank, dann zu Speis und Fachsimpeln ins instrumentalisierte Beizendörfli.

Rund um «Tschinellen»-Grotto und «Pauken»-Bar blieb keine Kehle durstig und kein Magen knurrend. Bei «Zur Posaune» wurde ab einem fahrenden Hydranten frisches Bier gezapft; im «Flügelhorn» tischten Sänger unter anderem Pouletflügeli auf. Im Chalet «Zum Cornet» gabs trotz des Namens die Glace im Chübeli und Torten aus Landfrauen-Backstuben. Im «Goldenen Triangel» servierten süsse Dirndln süssen Senf zu Weisswürsten und Weissbier. 77 Musikgesellschaften und -vereine – von Oberrüti bis Hellikon, von Vordemwald bis Künten, von A wie Auenstein bis Z wie Zofingen – haben in Lengnau zwei Tage lang ihr Bestes gegeben. Lungen wurden gefüllt, Backen gebläht, Finger tanzten auf Ventilen, Hände liessen Stöckchen wirbeln. All dies geschah mit so viel Enthusiasmus, dass auch Petrus nicht nur seine helle, sondern seine echt heisse Freude daran hatte.