Im Innenhof der Aarburger Festung montieren und dekorieren einige Jugendliche die Marktstände für den Weihnachtsbasar. Auf dem Weg in die geschlossene Abteilung legt Jugendheimdirektor Hans Peter Neuenschwander bei einer der vielen vergitterten Pforten den Finger auf das biometrische Einlesegerät.

Das System erkennt ihn nicht, zumindest nicht beim ersten Mal. Als ob das System dem von einer Grippe etwas geschwächten Direktor sagen wollte: Geh in dieser Verfassung nicht zu den schweren Jungs. Die geschlossene Abteilung für straffällige Jugendliche gleicht einem Gefängnis. Zurzeit sitzen dort neben anderen Jugendlichen einige Eritreer. Die Afrikaner haben laut Neuenschwander die Jungs vom Balkan etwas abgelöst.

Ein Junge hat gerade Stunk mit den Betreuern. Zuerst will er den Direktor gar nicht grüssen, schaut demonstrativ weg, blafft einen Betreuer an und trottet dann davon. Doch einige Minuten später streckt er vom vollvergitterten Raucherbalkon den Kopf durch die Türe rein und beschwert sich bei Neuenschwander in einem anständigen Ton. Er sei zu lange im Zimmer eingesperrt gewesen. Der Direktor nimmt die Klage entgegen und verspricht mit dem Betreuer zu sprechen. Dann geht der Junge zurück auf dem Balkon – und raucht seine Zigarette zu Ende.

In dieser Abteilung wirkt das Jugendheim mit den dicken Gitterstäben und schweren Türen noch ein wenig so, wie man sich jenes Heim vorstellt, das hier vor 125 Jahren gegründet wurde: Die Zwangserziehungsanstalt für jugendliche Verbrecher und Taugenichtse.

Doch die geschlossene Abteilung könnte bald anders aussehen. Denn die Betreuung ist wegen der verwinkelten Gebäude sehr personalintensiv. Und vor wenigen Jahren gab es gewalttätige Vorfälle, die unter anderem zu einem Ausbruch geführt haben.

Wenige Junge machen Lehre

In den nächsten Wochen beginnt nun der Kanton mit einer Evaluation des Jugendheims. Grund dafür ist auch ein Vorstoss der Aarburger Gross- und Gemeinderätin Martina Bircher (SVP). Sie findet das Jugendheim zu teuer und will, dass man die Festung anderweitig nutzt. Aktuell kostet ein Platz für einen Jugendlichen pro Tag rund 516 Franken. Laut Neuenschwander stehen für die Analyse vier Möglichkeiten im Raum: Weiter wie bisher, nur die geschlossene Abteilung auslagern, das ganze Heim zügeln – oder das Heim ganz schliessen.

Doch schon vor diesem politischen Vorstoss befand sich das Jugendheim in einem Umbruch. Die Zuweisungen der Jugendlichen haben sich von strafrechtlichen hin zu zivilrechtlichen, von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) verordneten Massnahmen verlagert. 2012 zählte das Heim laut Neuenschwander noch 90 Prozent strafrechtliche Massnahmen. Doch seither habe diese Zahl um über 50 Prozent abgenommen. «Die Jugendanwaltschaft stimmt heute ihre Massnahmen auf die von der KESB schon verordneten ab», sagt Neuenschwander. Das führt aber dazu, dass immer weniger Jugendliche auf der Festung ihre Lehre abschliessen. Denn während die strafrechtlichen Massnahmen bis zum 25. Altersjahr dauern können, enden die zivilrechtlichen oft mit der Volljährigkeit. «Es kommt vor, dass Jugendliche keinen Lehrvertrag abschliessen wollen, weil sie mit 18 Jahren raus wollen.» Es sei heute schwieriger sicherzustellen, dass eine Massnahme auch greife. «Wir versuchen dennoch mit allen Jugendlichen beim Austritt die Arbeits- und Wohnsituation zu regeln.» Und das Jugendheim hat unterhalb des Niveaus zum eidgenössischen Berufsattest einen neuen Ausbildungsgang angesiedelt, den Kompaktlehrgang mit individuellem Kompetenznachweis. Damit können Jugendliche in einem Beruf zumindest einen individuellen Leistungsnachweis erlangen.

Neuenschwander findet die Entwicklung hin zur KESB dennoch richtig. «Früher mussten die Jugendanwaltschaften oft fehlende zivilrechtliche Massnahmen korrigieren.» Und mit den KESB hätten sie nun auch bessere Ansprechpartner, um die Entwicklung der Jugendlichen gut zu fördern.

Derzeit ist das Jugendheim nicht ganz ausgelastet. 2018 waren im Schnitt nur 36 von 41 Plätzen belegt. Grund dafür sind unter anderem geburtenschwache Jahrgänge – und das Smartphone. «In den letzten Jahren haben in ganz Europa Smartphones und soziale Medien zu einem Rückgang der Jugendkriminalität geführt», sagt Neuenschwander. Bekanntschaften würden vermehrt im digitalen Raum gepflegt. «Die Jungen treffen sich weniger an Hotspots, wo sie nach dem Konsum von Alkohol beginnen, zu delinquieren.» Da aber nichts so dynamisch sei wie die Jugendszene, gehe der Effekt schon wieder zurück. «Man stellt auch fest, dass bei jungen Männern die Faszination für Gewalt wieder zunimmt.» Die Arbeit im Jugendheim wurde in den letzten Jahren laut Neuenschwander auch komplexer: «Fast jeder Jugendliche erhält heute eine psychiatrische Diagnose und eine therapeutische Begleitung.» Deshalb würden auch die Mitarbeitenden in den Betrieben besser ausgebildet: in jedem Betrieb arbeite mindestens ein Arbeitsagoge.

Eltern setzen keine Grenzen

«Noch vor zehn Jahren wollten die Jugendlichen einfach chrampfen; heute suchen sie die therapeutische Begleitung.» Neuenschwander, der schon 30 Jahre im Jugendheim arbeitet – seit 2005 als Direktor –, hat da eine persönliche Analyse: «Wir sind eine Gesellschaft geworden, in denen zunehmend die männlichen Vorbilder fehlen, insbesondere in den pädagogischen Berufen.» Dazu komme eine Überforderung der Eltern; durch den Verlust von verbindlichen Werten und zunehmende Freizeitzwänge verlieren die Eltern ihre Orientierung. Diese Überforderung habe zugenommen. «Es gibt da einen Trend zum Ich», sagt Neuenschwander. Leute mit Problemen würden zuerst zu sich selbst schauen. «Und da kann ein Kind auf der Strecke bleiben.»

Ein anderes neues Phänomen seien Familien, in denen die Hierarchie auf den Kopf gestellt sei. «Die Kinder stehen zu sehr im Zentrum und die Eltern getrauen sich nicht, Grenzen zu setzen.» Im Extremfall führe das dazu, dass ein Jugendlicher völlig austicke, wenn er nur das Wort Nein höre.

Dann landet er vielleicht im Jugendheim auf der Festung. Aber nicht zwingend in der geschlossenen Abteilung. Vielleicht zieht er auch in ein neu renoviertes Zimmer der Trainingsgruppe ein. «Wir versuchen dann die Stärken des Jugendlichen zu finden», sagt Neuenschwander. «Denn jeder Mensch hat die Motivation, etwas aus seinem Leben zu machen.»