Wirtschaftsmittelschule
Bei einem Wechsel von Aarau nach Zofingen: «Es gäbe massiv Entlassungen»

Ulrich Salm, Leiter der Wirtschaftsmittelschule WMS in Aarau, ist überzeugt: Wird die WMS nach Zofingen verlegt, verliert sie massiv Schüler, denn der entfernte Standort könnte viele abschrecken.

Hans Fahrländer
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Der Aarauer WMS-Leiter Ulrich Salm kritisiert die Regierung: Sie habe nicht bedacht, was die Verlegung nach Zofingen für die Jugendlichen bedeute.

Der Aarauer WMS-Leiter Ulrich Salm kritisiert die Regierung: Sie habe nicht bedacht, was die Verlegung nach Zofingen für die Jugendlichen bedeute.

Chris Iseli

Vor den Sommerferien hat Bildungsdirektor Alex Hürzeler die Vernehmlassung zum Standort- und Raumkonzept Sekundarstufe II (Berufs- und Mittelschulen) eröffnet. Für die Verantwortlichen der Wirtschafts- und der Informatikmittelschule (WMS/IMS) in Aarau und Baden steht darin zuerst einmal etwas Erfreuliches: Wie von ihnen gewünscht, wechselt ihr Schultyp nicht an die kaufmännischen Berufsschulen, sondern verbleibt an den Kantonsschulen.

Trotzdem ist Ulrich Salm, Prorektor an der Alten Kantonsschule Aarau und Leiter WMS/IMS, konsterniert: Seine Schule soll von Aarau nach Zofingen wechseln. Denn die Kanti Zofingen erfüllt heute die Auflage an die Grösse einer Mittelschule – mindestens 500 Schülerinnen und Schüler – nicht.

Der Zuzug der WMS soll den Standort Zofingen retten. Salm hat die WMS in Aarau vor 15 Jahren aufgebaut, als Nachfolgetypus für die Handelsdiplomabteilung. Sie geniesst heute einen sehr guten Ruf.

Herr Salm, arbeiten Sie künftig in Zofingen?

Ulrich Salm: Nein. Ich hätte als Prorektor an der Alten Kanti noch genügend Dossiers. Aber es geht ja in dieser Sache nicht um mich.

«Mister WMS»

Ulrich Salm, 47, ist seit 1991 Lehrer für Wirtschaft und Recht an der Alten Kantonsschule Aarau. Im Jahr 2000 wurde er zum Prorektor ernannt, mit dem Auftrag, anstelle der Handelsdiplomabteilung eine Wirtschaftsmittelschule mit Berufsmaturität aufzubauen. Seither wurde der Lehrgang mehrmals umgebaut und verbessert. Ulrich Salm ist in der Bildungslandschaft Aargau sozusagen der «Mister WMS». Er wohnt in Veltheim und ist dort nebenamtlich als Gemeindeammann tätig.

Sondern?

Es geht um die Schülerinnen und Schüler – und um die Schule. Wir haben hier eine zentrale Lage und eine gute Erreichbarkeit aus weiten Teilen des Aargaus, wir haben eine lange Tradition und viel Erfahrung mit einer Handelsschule, wir haben zusammen mit dem Gymnasium ein Kompetenzzentrum Wirtschaft aufgebaut, wir haben eine intensive Vernetzung mit Praxisfirmen aus der weiteren Region – das alles würde bei einer Verlegung nach Zofingen zerstört.

Aber das Argument der Regierung, mit dem Zuzug der WMS könnte der Mittelschulstandort Zofingen gerettet werden, leuchtet doch ein.

Wenn ich den Anhörungsbericht lese, stelle ich fest: Die Regierung argumentiert nur aus dem Blickwinkel «Zofingen retten». Über die Auswirkungen auf unsere Schule und jene für die Schülerinnen und Schüler, die an die Peripherie des Kantons reisen müssten, steht kaum etwas. Ich weiss nicht, ob man sich das nicht überlegt hat oder ob man es einfach in Kauf nimmt. Überdies traue ich dem «Rettungsargument» rein zahlenmässig nicht.

Warum nicht?

Die Kanti Zofingen hat heute rund 380 Studierende, die Zielgrösse lautet «mindestens 500». Die Regierung addiert einfach unsere 285 WMS-Schüler dazu, aber diese Rechnung geht nicht auf. Erstens erreicht die WMS Aarau diese Zahl nur, wenn man auch die 4. Klasse dazurechnet – die Viertklässler sind aber im Praktikum, nicht in der Schule. Und zweitens bin ich überzeugt, dass nicht alle Aarauer WMS-Schüler einfach nach Zofingen wechseln würden. Man denke zum Beispiel an die Fricktaler oder Freiämter.

Aber den 16- bis 20-Jährigen sind doch etwas weitere Schulwege zumutbar.

Die Kanti Zofingen wurde seinerzeit errichtet, um die Schule auch in dieser Region zu den Jugendlichen zu bringen. Nun kehrt man die Argumentation und sagt: Die Schüler sollen dorthin gehen, wo die Schule steht. Zofingen liegt aus Aargauer Sicht peripher, die Wege mit dem öV sind lang, erfahrungsgemäss wirkt das für viele Jugendliche und Eltern abschreckend. Jugendliche aus dem Freiamt werden nach Baden ausweichen wollen – aber das geht nicht, denn die WMS Baden ist schon voll. Eine WMS Zofingen wird gegenüber einer WMS Aarau deutlich an Attraktivität und damit an Schülern verlieren.

Reden wir vom Lehrkörper. Hätte der Wegzug der WMS Auswirkungen auf ihn?

Mit Sicherheit. Die meisten Lehrpersonen unterrichten sowohl am Gymnasium wie auch an der WMS, es gäbe massiv Entlassungen. Gewisse Fachschaften wie in Wirtschaft oder in Informatik sind besonders tangiert. Ob die betroffenen Stelleninhaber nach Zofingen wechseln könnten oder wollten, ist offen.

Sie haben die Unternehmen erwähnt, welche die Viertklässler für ein Praktikumsjahr aufnehmen. Solche Praxisfirmen gibt es ja auch in der Region Zofingen.

Aber deutlich weniger. Und den Hinweis der Regierung, Zofingen würde ja das KV verlieren, da würden Praktikumsplätze frei, kann ich nicht annehmen. WMS-Schüler suchen Praktika mit einem anderen Profil als KV-Schüler, Lehrstellen und Praktikumsplätze kann man nicht gleichstellen.

Reden wir noch schnell vom Geld. Die Regierung sagt, die Rettung der Kanti Zofingen und die Entlastung der übervollen Alten Kanti Aarau sei die günstigste Variante, denn so brauche es keine neue Schule.

Ich halte auch die Kostenberechnungen für unvollständig. Das Geld, das es braucht, um in Zofingen aufzubauen, was wir hier an Infrastruktur und Synergien bieten, erscheint nirgends. Man kann eine solche Schule nicht einfach «zügeln». Einem Gymnasium eine WMS anzugliedern, ist eine Aufgabe von ziemlicher Komplexität.

Sie werden kämpfen, um den Wegzug der WMS nach Zofingen zu verhindern?

Ja. Wir wollen unsere Argumente zunächst den Instanzen zukommen lassen, welche sich an der Anhörung beteiligen. Wenn das Geschäft dann in die politische Phase tritt, werden wir auch die Politik von unseren Argumenten zu überzeugen versuchen.

Glauben Sie an eine Rettung der WMS Aarau?

Ja. Nach 120 Jahren «Handeli» in Aarau kann und darf die Wirtschaftsmittelschule nicht verloren gehen.