Nordafrikaner
Bei den Bösewichten: Ein Besuch im Asylzentrum in Rekingen

Sie sorgen zurzeit für negative Schlagzeilen: Asylbewerber aus Nordafrika. Sie klauen, was das Zeugs hält, so die Meinug. Sind alle gleich? Wer sind die Asylbwerber überhaupt? Ein Besuch im Asylheim in Rekingen

Aline Wüst
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Wie es in einem Asylzentrum zu und her geht: Ein Besuch
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70 Franken für die ganze Woche und eine Abholsungseinladung der Post
Die Asylunterkunft Rekingen liegt ausserhalb vom Dorf
Das Mittagessen der nordfarikanischen Asylbewerber
Kartoffeln schälen fürs späte Mittagessen.
Ein Zimmer in der Asylunterkunft am Rossweg in Rekingen. Fotos: Alex Spichale
Yosri Hacini

Wie es in einem Asylzentrum zu und her geht: Ein Besuch

Aline Wüst

Morgens um halb neun schläft Nordafrika noch. Nur die Fliegen sitzen bereits auf den Sofas in der Stube.

Es ist nicht der Wecker, sondern «le Chef», der Betreuer, der die Bewohner der kantonalen Asylbewerberunterkunft in Rekingen weckt. Er öffnet die Schlafzimmertüren und wünscht einen guten Morgen. «Bonjour chef», sagt ein junger Tunesier und zieht sich das weisse Lacken übers Gesicht. Bald darauf sind die Ersten in der Küche, kochen Wasser für einen Kaffee und rauchen.

Die jungen Männer, die hier leben, stammen fast alle aus Tunesien. Einer davon ist Zied Kazdaoui (24), der nun in der Stube sitzt und an einem Kaffee nippt. Mit seinen Flip-Flops und den gemusterten Shorts sieht er aus wie ein Strandtourist. Einen Strand gibt es hier allerdings nicht und Ferien macht Zied auch keine. Seit zehn Monaten ist er in Europa, wenn er von Paris spricht, erzählt er nicht vom Eiffelturm, sondern von den ständigen Polizeikontrollen.

Fussballspielen ist verboten

Von der Schweiz, von der ist Zied geschockt. «Das hier ist nicht das Paradies, eher ein Gefängnis.» Nach draussen gehe er meistens allein. In der Gruppe gerate er sonst sofort in Polizeikontrollen. Was er den ganzen Tag mache? «Nichts.» Zu Beginn hätten sie manchmal auf dem nahen Rasenplatz Fussball gespielt. Jetzt nicht mehr. «Jetzt ist es verboten.»

Dann geht der junge Mann ein Stockwerk höher, holt dort im Büro des Chefs die 70 Franken, die ihm pro Woche zustehen und eine Abholungseinladung der Post. «C’est le negativ», die Ablehnung des Asylgesuchs, sagt Zied immer wieder und lacht dabei. Später wird er erklären, dass Tunesier immer lachen auch dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt. Zweimal rennt er am Nachmittag nach Rekingen zur Post. Zweimal kommt er verschwitzt zurück, versteht nicht, warum die Post geschlossen ist. Einer meint, dass der Posthalter vielleicht eine kurze Pause macht. «Non, c’est la Suisse. Hier macht niemand einfach so Pause.» Es sind Sommeröffnungszeiten.

Majdi Trebelsi (34) setzt sich ebenfalls in die Stube. Er hat lange Wimpern und grosse Augen und streicht sich viel Konfitüre aufs Brötchen. Nach der Revolution hat er Probleme bekommen und ist dann mit einem Schiffchen ab nach Lampedusa. Über Umwege – wie alle hier –ist er in Rekingen gelandet, wo er auf dem Sofa sitzt, die Fliegen verscheucht und die Zeit totschlägt. Der Frage, warum die Kleinkriminalität zugenommen hat, seit viele seiner Landsleute in der Schweiz sind, weicht er aus: «Ja klar, wir sind alle kriminell, auch meine Mutter und meine Grossmutter.»

Samsara – «ich klaue»

Im Kühlschrank steht eine halb volle Flasche Sugo. Sonst nichts. Heute ist Auszahlungstag, heute wird eingekauft. Die 70 Franken reichen nicht weit. Einer braucht das ganze Geld, um seine Schulden bei anderen zurückzubezahlen. Was isst er bis zur nächsten Auszahlung? «Samsara», sagt er, klauen. «Was soll ich sonst tun?»

Einmal in der Stunde fährt der Bus nach Bad Zurzach. Zied und Hichem Kadroui gehen zu Fuss. 20 Minuten, zwei Kilometer. Zeit haben sie genug. Sie rauchen, gehen und reden nicht.

«Wo ist das Leben?», sagt Hichem irgendwann und schaut dabei in den Himmel. Zied lacht. Hichem nicht. «Schau mich an, schau dich an», sagt er zu Zied. «Ich bin 32 Jahre alt und weiss nicht, was mit der Zukunft anfangen.» Er bittet Zied um eine Zigarette, sagt lange nichts mehr und erzählt dann, dass es in Europa immer und überall das Gleiche sei: Er habe viel Stress und wenig Geld. Aber in Tunesien habe er gar nichts. «Rien.»

Warten oder heimlaufen?

«Grüezi», sagen die beiden Asylbewerber den Bad Zurzachern beim Vorbeigehen und die Bad Zurzacher grüssen die Asylbewerber zurück. Im Coop sprechen die zwei Fremden leise. Ihre Einkäufe kosten Fr. 44.20 plus Fr. 7.80 für eine Schachtel Marlboro rot.

Für den Rückweg wollen sie den Bus nehmen. Der ist vor drei Minuten abgefahren. Warten oder heimlaufen? Warten. Zied setzt sich auf die Bank. Er war Polizist in Tunesien, bevor er in Europa sein Glück suchte. Die politische Lage trieb ihn aus seinem Land. Seine Hoffnungen ans Leben: ein Job, heiraten und Kinder.

Hichem will sich nicht hinsetzen. Er hört auf seinem Handy arabische Musik, steht da, wiegt sich im Takt, zieht an seiner Zigarette: «Der Stress im Kopf. Nie habe ich Ruhe.» Alkohol helfe ihm, abzuschalten. Der Bus kommt. Ein Billett kaufen sie nicht. «Zu teuer.»

Auf keinen Fall zurück nach Italien

Es ist kurz vor zwei Uhr. Es riecht nach Chili und Zwiebeln, nach Heimat. Es gibt Eintopf mit Kartoffeln und Erbsen. Seiten, die bei «20 Minuten» herausgerissen wurden, werden zum Tischtuch. Gabeln braucht keiner, ein Stück Brot reicht. Niemand spricht während des Essens.

Heute ist Yosri Hacini aus Aarau in Rekingen eingetroffen. Er hat bereits eingekauft, ist am Kochen, wiederum viel Chili und Zwiebeln. Er war noch keine 17, als er in Lampedusa an Land ging. Heute ist er 18.

Wenn er die Stationen seiner Reise bis hierhin nach Rekingen aufzählt, tönt das fast wie ein Spiel, wie Räuber und Poli: «Frankreich – weg, Deutschland – weg, Holland – weg und aus der Schweiz wahrscheinlich auch – weg.» Überall werde er weggewiesen. «Ich weiss auch nicht», sagt er und stützt seinen Kopf auf die Hand und schweigt. Plötzlich sieht er verloren aus, dieser 18-jährige Tunesier auf der Suche nach einem besseren Leben. Ein Spiel ist das nicht. Eine Fliege sitzt auf seinem Arm. Einen Moment später, die Fliege immer noch auf dem Arm, gibt sich Yosri wieder kämpferisch. «Das Geld unseres Diktators ist schliesslich auch in der Schweiz.» Wenn man genug Geld habe, dann könne man überall leben. «Das ist der Kapitalismus.»

Er habe gedacht, wenn er in Europa anständig sei, bekomme er vielleicht nach einem Jahr einen Job. Jetzt wisse er: «Ich bekomme nie einen Job.» Ob anständig oder kriminell, das spiele keine Rolle, er werde sowieso immer wieder nach Italien abgeschoben. Dorthin will Yosri auf keinen Fall zurück. Dort sei es schlimm. Er wolle einfach irgendeine Arbeit, egal was und wo – ausser in Italien. Aber überall heisse es nur: «weg.»

Dann starren die jungen Männer wieder in den Fernseher. Es wird Abend. Die Sendung, die auf RTL läuft, versteht kaum einer. Sie ziehen an ihren Zigaretten und warten auf den nächsten Tag.

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