Aarau
Behörden finden keinen Platz: Kommt jetzt der Aarauer Dirnenmörder frei?

T. war erst 17, als er 2008 in Aarau eine Prostituierte vergewaltigte und erdrosselte. Seither hält der Fall die Aargauer Justiz auf Trab. Obgleich T. als gefährlich gilt, könnte er jetzt freikommen, weil es keinen Therapieplatz für ihn gibt.

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Der Aarauer Dirnenmörder im November 2011 auf dem Weg ins Gericht.

Der Aarauer Dirnenmörder im November 2011 auf dem Weg ins Gericht.

Silvan Hartmann

Der Fall des Aarauer Dirnenmörders T. überfordert alle - Therapieanstalten, Gefängnisse, Jugendanwälte und selbst das Bundesgericht. Der mittlerweile 23-jährige T. sitzt in der Vollzugsanstalt Lenzburg im Sicherheitstrakt.

Gutachter sagen, dass T. «psychisch krank» sei und an «seelischem Sadismus» sowie an einer «Persönlichkeitsstörung vom antisozialen Typus» leidet.

Die Gefahr eines Rückfalls schätzen die Behörden als «erheblich» ein. Gleichwohl könnte T. jedoch bald freikommen, das berichtet heute der «Tages-Anzeiger».

Was passiert dann, wenn der Dirnenmörder frei kommen sollte? Die Ratlosigkeit ist bei allen Instanzen gross.

Rückblende: T. lebte 2008 bei einer Pflegefamilie und in der Zwischenzeit auch in einem Heim. Am 10. Februar 2008 kehrte er eines Abends nicht mehr zurück.

T. war in ein Aarauer Bordell eingebrochen, hatte dort eine Prostituierte vergewaltigt und sie anschliessend erdrosselt. 3 Jahre hatte es gedauert, bis ein Urteil vorgelegen habe.

Ein Aargauer Jugendgericht entschied auf Mord und verhängte vier Jahre Freiheitsentzug sowie die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt plus eine Therapie.

T. kam nach Uitikon (MZU), in ein Zentrum, das für junge Straftäter mit psychischen Problemen spezialisiert ist.

Ab diesem Zeitpunkt verläuft der im Zickzack. T. hätte 2012 entlassen werden müssen. Genau das wollten die Aargauer Behörden verhindern.

Ergo verhängten sie den fürsorgerischen Freiheitsentzug - ein Spezialinstrument. Üblicherweise werden psychisch Kranke, die sich selbst gefährden, in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen.

Das Bundesgericht segnete das ungewöhnliche Vorgehen ab. T. wurde vom MZU in den Lenzburger Sicherheitstrakt verschoben.

«Krassestes Fehlurteil des Jahres 2012»

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Drei Professoren wandten sich nämlich vehement gegen das Bundesgerichtsurteil und bezeichneten es in der Zeitschrift «Plädoyer» zum «krassesten Fehlurteil des Jahres 2012», wie der «Tages-Anzeiger» weiter berichtet.

Begründung laut Professor Bernhard Rütsche von der Universität Luzern: Sollte dieses Urteil Schule machen, könnten die Behörden unter Berufung auf «Gefährdung der Öffentlichkeit beginnen, beliebig Leute ohne Strafurteil wegzusperren. Das Gericht habe die Freilassung von T. partout verhindern wollen - und habe dafür «einen rechtsstaatlichen Grundsatz über Bord geworfen».

Derweil sich die Juristen stritten, forderte T. seine Entlassung: Das Bundesgericht lehnte diese in einem zweiten Urteil jedoch ab. Immerhin hielt es fest, dass der Lenzburger Sicherheitstrakt der falsche Ort sei, um T. dort unterzubringen.

Die Richter gaben das Dossier ans Familiengericht Lenzburg zurück und forderten dieses auf: T. sei in einer psycyhiatrischen Klinik oder in einer anderen passenden Einrichtung unterzubringen.

Genau das versuchen die Lenzburger Richter verzweifelt. Obgleich das Verfahren nicht öffentlich ist, ist durchgesickert, dass alle angefragten Anstalten abgelehnt haben. Die Wartelisten sind lang und T. gilt als nahezu unmöglicher Fall.

Fall es dem Lenzburger Gericht nicht gelinge, einen Platz zu finden, so der «Tages-Anzeiger», «bleibt wohl nur eines: die Entlassung.» (ef)

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