Die aktuelle kinder- und jugendpsychiatrische Versorgungslage im Aargau sei «prekär». Das Angebot «weit unter dem ausgewiesenen Bedarf». Es ist definitiv nicht der Idealzustand, den Grossrat Severin Lüscher (Grüne) beschreibt. In einer Motion fordert er den Regierungsrat auf, das «Angebot an ambulanten und stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Leistungen entsprechend dem Versorgungsbedarf für das ganze Kantonsgebiet sicherzustellen». Sein Vorstoss gehe auf eine Initiative von Kinderärztinnen und -ärzten aus der Region Aarau zurück, sagt Lüscher.

Einer von ihnen ist Wolfgang Brunschwiler von der Kinderarztpraxis Suhrepark in Suhr. Er sagt, zumindest im westlichen Aargau sei es für Kinderärzte «sehr schwierig, zum Teil auch unmöglich geworden, einen zeit- und wohnortnahen Abklärungs- oder Behandlungsplatz für Kinder und Jugendliche zu finden». Wie schwierig, zeige sich etwa daran, dass im Westaargau zurzeit ein Kinderpsychiater und eine Kinderpsychiaterin praktizieren. Die Psychiaterin ist im Pensionsalter. Zudem bestehe im Ambulatorium der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Aarau eine Wartefrist von mindestens sechs Monaten.

Neue Praxis überrannt

Am herrschenden Behandlungsnotstand kann auch die neu eröffnete Praxis in Lenzburg, das Zentrum PEPP, nichts ändern. Co-Geschäftsführerin und Fachpsychologin Süsette Rusterholz sagt, man plane bereits eine Erweiterung. «Innert zwei Monaten hatten wir eine Flut von weit über 100 Anmeldungen.» Es herrsche eine «dramatische Unterversorgung» im Aargau. Rusterholz ist mit den Verhältnissen im Kanton bestens vertraut. Bevor sie sich entschloss, selbstständig tätig zu sein, leitete sie das zentrale Ambulatorium für Kinder und Jugendliche der PDAG.

Die Gründe für die Unterversorgung seien mannigfaltig, sagt Rusterholz. Wie hoch im Aargau der Bedarf sei, wisse niemand genau. «Das heisst, im Moment wird das Angebot auf Basis rein wirtschaftlicher Kriterien bestimmt.» Das sei fatal. Die ambulante Kinder- und Jugendpsychiatrie sei immer unwirtschaftlich. «In Kinder muss man investieren», sagt Rusterholz. «Hat die Gesellschaft kein Interesse daran, ihre Gesundheit zu erhalten, kann daraus ein Mehrfaches an Folgekosten, zum Beispiel im Sozialversicherungsbereich, erwachsen.»

Der Kanton investiere zu wenig in niederschwellige Beratungsangebote im präventiven Bereich. Auch deshalb seien die Praxen überfüllt. «Vorgelagerte Strukturen fehlen vielerorts im Aargau», sagt Rusterholz. Der Kanton habe kein  Jugendhilfegesetz, das etwa Familienberatungsstellen in den Gemeinden vorsehe. Ausserdem seien die Mittel beim schulpsychologischen Dienst gekürzt worden. «Das hat zur Folge, dass auch einfache Fälle, die vielleicht nur eine Begleitung, aber keine Krankheitsbehandlung brauchen, die Praxen oder Ambulatorien der PDAG verstopfen.»

Verzweifelte Eltern

Um zu entscheiden, ob ein Kind eine Behandlung braucht, muss es zunächst abgeklärt werden. Das Problem: Nicht alle abgeklärten Kinder, die einen Therapieplatz brauchen, erhalten diesen innert nützlicher Frist. Ist es nicht dringend, landen sie auf einer Warteliste. «Das ist nicht nur für die Kinder selber, sondern auch für die Eltern hoch belastend», sagt Rusterholz. Sie habe viele verzweifelte Eltern erlebt. «Immer wieder kommen auch Schulen mit einem Kind an ihre Grenzen und verlangen eine umgehende Abklärung, die aber nicht zeitnah angeboten werden kann.» Dies kann auch zum Schulausschluss führen, worunter letztlich das Kind leidet. Ein Teufelskreis.

Einziger Lichtblick: Die Notfallversorgung sei im Kanton Aargau gewährleistet. Bräuchten Kinder oder Jugendliche dringend und sofort Hilfe, sei die Erstversorgung sichergestellt, sagt Rusterholz. «Das bedeutet aber auch, dass andere, weniger dringende Fälle warten müssen und so vielleicht früher oder später selber zum Notfall werden.»

Eine weitere Ursache für die Unterversorgung ist der Mangel an Fachpersonen. «Wir können unsere Stellen nicht immer in der Geschwindigkeit besetzen, in der es wünschenswert wäre», sagt Angelo Bernardon, Chefarzt und Leiter der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie der PDAG. Dazu komme, dass es zu wenig niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater im Aargau gibt oder sie im Pensionsalter keine Nachfolge finden. «Das birgt die Gefahr, dass wohnortnahe Strukturen nicht erhalten werden können respektive Praxen geschlossen werden müssen, obwohl diese eine enorm wichtige Bedeutung für die Versorgung haben.»

Den PDAG fehlen für die ambulante Versorgung eine ausreichende Finanzierung und ein klarer öffentlicher Auftrag. Deshalb hofft CEO Jean-François Andrey auf das neue Spitalgesetz. «Damit könnte die ambulante Versorgung endlich eine gesetzliche Grundlage erhalten.» Regierungsrätin Franziska Roth wird das neue Gesetz am Donnerstag präsentieren und in die Anhörung schicken.

Hoffnung auf Roth und das Spitalgesetz

Süsette Rusterholz sagt, Kinderpsychiaterinnen und -psychologen könnten das Versorgungsproblem im Aargau nicht alleine lösen. Gemeinsam mit einem leitenden Kinderpsychiater von den PDAG, der diese inzwischen auch verlassen habe, hatte sie deshalb beim Departement Gesundheit und Soziales (DGS) vorgesprochen. Die Idee: Der Kanton sollte einen runden Tisch einberufen mit allen wichtigen Playern. Doch das Gesundheitsdepartement zeigte kein Interesse. «Man hat uns in einem Schreiben mitgeteilt, man könne ein Sitzungszimmer zur Verfügung stellen», sagt Rusterholz.

Inzwischen hat gemäss Barbara Hürlimann, Leiterin der kantonalen Abteilung Gesundheit, ein solches Gespräch stattgefunden: «Es gab Anfang September einen runden Tisch mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Fachgebiet.» Es sei vereinbart worden, dass weitere Gespräche folgen sollen.