Serie
Becoming Doris: Das vorlaute Mädchen, das Recht bekam und Bundesrätin wurde

Die Geschichte von Doris Leuthard beginnt in Merenschwand. Sie erzählt in der ersten Folge von einer glücklichen Kindheit, von einer jungen und engagierten Anwältin, die rasch Karriere macht und vom Beginn einer grossen Liebe im Freiamt.

Jörg Meier
Merken
Drucken
Teilen
Doris Leuthard und Roland Hausin bei der zivilen Trauung auf dem Standesamt Merenschwand am 31.12.1999.
7 Bilder
Becoming Doris: Das vorlaute Mädchen, das Recht bekam und Bundesrätin wurde
Der legendäre Duschbeutel.
Die Anwältin in ihrer Kanzlei in Muri.
Die Pfarrkirche St. Vitus – in Merenschwand steht die Kirche auch heute noch mitten im Dorf.
Fasnacht 2005 Der Aufbruch steht unmittelbar bevor.
Der zweitberühmteste Merenschwander «General» Heinrich Fischer (1790-1861), Schwanenwirt und Anführer des Freiämtersturms von 1830

Doris Leuthard und Roland Hausin bei der zivilen Trauung auf dem Standesamt Merenschwand am 31.12.1999.

UHG

Im Mai 1989 bewarb sich eine junge Juristin beim Wohler Rechtsanwalt und CVP-Grossrat Kurt Fricker um eine Praktikumstelle. Fricker kannte die Frau zwar nicht, ihren Vater Leonz aber sehr wohl. Der war nämlich in Merenschwand Gemeindeschreiber und hatte viele Jahre für die CVP im Grossen Rat gesessen. Als Fricker vom damaligen Bremgarter Bezirksgerichtspräsident Hansjörg Geissmann, ebenfalls CVP, auch noch erfuhr, dass die Tochter des Leonz am Bezirksgericht als Gerichtspraktikantin einen hervorragenden Eindruck hinterlassen habe, lud er sie zu einem Vorstellungsgespräch.

Das Gespräch fand am 18. Mai 1989 statt. Fricker war sofort überzeugt von der starken Persönlichkeit der jungen Frau und ihrer juristischen Begabung. So kam es, dass Fräulein Doris Leuthard aus Merenschwand auf den 1. September 1989 eine Anstellung als Rechtspraktikantin in der Kanzlei Fricker erhielt.

Die Anwältin

Das war der Beginn einer langjährigen und erfolgreichen beruflichen Partnerschaft. Als Anwältin Leuthard 17 Jahre später die Kanzlei verliess, stellte Fricker lakonisch fest: «Sie kam als Praktikantin und ging als Bundesrätin.»

Rechtsanwältin Doris Leuthard erwarb sich im Freiamt rasch den Ruf als Fachfrau für Familienrecht, als Scheidungsanwältin, die vermittelt, Brücken baut und auch in schwierigen Situationen akzeptable Lösungen findet.

«Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit», sagt Kurt Fricker. Denn Doris Leuthard sei auch eine leidenschaftliche Kämpferin. Als hartnäckige Strafverteidigerin habe sie vor Gericht die Auseinandersetzung gesucht. «Wenn es in der Verhandlung hart auf hart ging, war man froh, wenn man sie auf seiner Seite wusste», erklärt Fricker.

Noch immer kursieren im Freiamt Anekdoten über die toughe Anwältin Leuthard. So soll ein bekannter Garagist, der vor Gericht gegen sie antreten musste, derart von ihr begeistert gewesen sein, dass er sie unmittelbar nach dem Prozess fragte, ob sie künftig seine Interessen vertreten möchte.

Bevor Doris Leuthard sich aufmachte, politisch eine nationale Grösse zu werden, wusste ausserhalb des Freiamts kaum jemand etwas von der Existenz des Dorfes Merenschwand. Weshalb auch? Es gab keinen Grund dazu.

Becoming Doris (1/3)

Die dreiteilige Serie erzählt aus aargauischer Sicht, wie Doris Leuthard aus Merenschwand Bundesrätin wurde. Die Geschichte versucht auch zu erklären, warum die Freiämterin dermassen populär ist und was das allenfalls mit dem Aargau zu tun haben könnte.

Der zweite Teil der Serie, der morgen Freitag erscheint, handelt von der grossen Enttäuschung, die am Anfang der politischen Karriere von Doris Leuthard stand.

General Heinrich Fischer und die Leuthards

Letztmals hatte Merenschwand im Jahre 1830 für grosses Aufsehen gesorgt, als der Schwanenwirt Johann Heinrich Fischer von hier aus den Freiämtersturm nach Aarau führte, wo 6000 aufgebrachte Freiämter die Hauptstadt kampflos einnahmen, einige Stunden besetzt hielten und dann wieder abzogen, als die Regierung ihnen eine neue Verfassung zugesichert hatte. Im Freiamt wurden die Stürmer gefeiert, den Anführer Fischer nannten sie künftig General.

Die «unblutige und erfolgreiche Revolution», die ihren Kristallisationspunkt in Merenschwand hatte, wird im Freiamt auch heute noch ab und zu gefeiert, obschon der Zug nach Aarau letztlich weder erfolgreich noch revolutionär war. Der gefeierte General verkrachte sich später mit seiner Familie und dem ganzen Dorf, verlor den «Schwanen» und nahm sich später das Leben.

3500 Einwohner zählt Merenschwand heute. Der Ausländeranteil liegt bei 19 Prozent. Das Dorf im Oberfreiamt liegt in der Schwemmlandebene der Reuss, besteht aus den fünf Fraktionen Merenschwand, Hagnau, Benzenschwil, Unterrüti und Rickenbach und grenzt an die Zürcher Gemeinden Obfelden und Ottenbach.

Früher fühlten sich die Merenschwander gar nicht wohl im Aargau und versuchten mehrmals vergeblich, dem katholischen Kanton Zug beizutreten. Heute ist es eher umgekehrt. Zuger und Zürcher zügeln gerne aufs Land ins nahe Merenschwand. Auch Fahrende machen immer wieder Halt in Merenschwand. Das wiederum gefällt längst nicht allen Merenschwandern.

Schon lange da ist der Familien-Clan der Leuthards. Über Jahrzehnte prägten die Leuthards das Leben im Dorf und der nahen Umgebung. Sie sind und waren mächtige Landwirte, Bauunternehmer, Reuss-Meliorierer, Gemeindeschreiber, einer war gar Grossratspräsident. Doch eine aus der Familie übertraf sie alle und wurde Bundesrätin.

Heute leben noch rund 30 Leuthards in Merenschwand, alle sind Ortsbürger.

Im Hause muss beginnen ...

Wahrscheinlich erlebte Doris Leuthard das, was man landläufig als «glückliche Kindheit» bezeichnet. Vielleicht werden spätere Biografen das unaufgeregte Aufwachsen im Mikrokosmos von Familie und Dorf als wichtigen Grund für Bodenständigkeit und Volksverbundenheit der späteren Bundesrätin erkennen. Und Pädagogen werden ergänzen, hier bestätige sich einmal mehr, was Jeremias Gotthelf schon 1842 erkannt hatte: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»

Jedenfalls wächst Doris Leuthard zusammen mit drei Brüdern in der Gemeindeschreiber-Familie auf, wo auch intensiv katholisch politisiert wird; im Mittelpunkt Mutter Ruth, die ehemalige Wirtin aus dem «Wilden Mann» in Sarmenstorf. Sie hält die Fäden in der Hand und ihrem Mann den Rücken frei. Das Haus der Leuthards ist ein offenes Haus, der Gemeindeschreiber und seine Frau sind auch für jene Merenschwander da, die Hilfe brauchen, aber lieber nicht zu den offiziellen Zeiten an den Schalter kommen. Leonz Leuthard ist auch Amtsvormund und betreut zeitweise zwei Dutzend Mündel.

Um den Vater zu provozieren, der doch immerhin Grossrat war, soll die kleine Doris einmal zu ihm gesagt haben, also sie werde dann später einmal Nationalrätin.

Zuerst aber besucht sie die Primarschule in Merenschwand, dann die Bezirksschule in Muri, die Kantonsschule im doch schon 15 Kilometer entfernten Wohlen. Sie jobbt als Kellnerin in der «Seerose» in Meisterschwanden und der «Linde» in Bremgarten, sie turnt im Damenturnverein Merenschwand, den sie später einmal präsidieren wird, steht in der Freiämter Tracht auf der Bühne.

Sie studiert Jura in Zürich, zieht nach Zürich, aber spätestens am Wochenende kommt sie jeweils zurück ins Dorf. Noch deutet nichts auf eine grosse Karriere hin.

Im DTV Merenschwand turnt damals auch die spätere und heutige SVP-Grossrätin Milly Stöckli mit. Doris und Milly finden sich und studieren ein gemeinsames Programm für die neue Disziplin «Turnen zu zweit» ein: eine Kür am Boden und eine am Barren. «Brilliert haben wir nicht, aber lustig hatten wir es allemal. Und beim Duschen fachsimpelten wir bereits über Verbesserungen und Änderungen unseres Auftritts», erinnerte sich Milly Stöckli vor einigen Jahren, als sie vom «Wohler Anzeiger» befragt wurde. Und im Merenschwander Ortsmuseum befindet sich heute nicht nur der Schulthek von Doris Leithard, sondern auch eine ziemlich lustiges Aufzeichnung des zu Rock’n roll turnenden Duos Leuthard/Stöckli.

Aber wer nun glaubt, der Kalauer «Duschen mit Doris» sei in diesem Zusammenhang entstanden, irrt. Aber dazu später mehr.

Roland und Doris oder der Beginn einer grossen Liebe

Roland Hausin wächst in einer Handwerkerfamilie im Wohler Dorfteil Anglikon auf. Er macht eine Lehre als Chemielaborant in der nahen Sprengstofffabrik Dottikon; im Volksmund «Pulveri» genannt. Noch ist es im Freiamt schier unvorstellbar, dass Christoph Blocher die traditionsreiche «Pulveri» dereinst übernehmen und in sein Firmenimperium integrieren wird. Ebenso wenig ahnt wohl Roland Hausin, dass das fröhliche Mädchen aus Merenschwand, das er am Silvester 1979 in der Disco in der Wohler Bleichi kennen lernt, sein künftiges Leben prägen wird und ihn 27 Jahre später eine schwierige Rolle übernehmen lässt: Roland Hausin wird 2006 Bundesratsgatte.

Doch zurück zur Silvesterparty 1979 in der Wohler Bleichi. Roland ist ein eher stiller, zurückhaltender Mensch. Man kann sich deshalb gut vorstellen, dass es die fröhliche Doris aus Merenschwand ist, die den stillen Roland aus Anglikon aus der Reserve lockt. Gespielt werden in jener Silvesternacht der Legende nach auch langsame Hits von Gruppen wie den Bee Gees oder den Moody Blues. Ideale Gelegenheiten, um sich tanzend näher zu kommen. Es ist der vorsichtige Beginn einer grossen Liebe. Doris ist erst 16-jährig.

Doris Leuthrads Karriere in Bildern:

Ab 1997 im Aargauer Grossen Rat, kandidiert Doris Leuthard 1999 für den National- und Ständerat. Der damalige CVP-Parteisekretär Reto Nause, heute Berner Sicherheitsdirektor, liess Duschgel mit ihrem Gesicht verteilen. Die Aargauer Zeitung titelte «Duschen mit Doris».
23 Bilder
Leuthards erstes Nationalratsportrait.
«Duschen mit Doris» wurde zum inoffiziellen Wahlkampfspruch als Leuthard 1999 für den National- und Ständerat kandidierte. Im Aargau wurden Tausende von Duschmittel-Beuteln mit ihrem Porträt verteilt.
Seit 1991 war Doris Leuthard als Rechtsanwältin tätig und Partnerin des Büros Fricker und Leuthard in Wohlen und Muri.
Hochzeit an Silvester: Am 31. Dezember 1999 heirateten Doris Leuthard und Roland Hausin auf dem Standesamt in Merenschwand.
Fünf Jahre nach ihrer Wahl ins Parlament wurde sie 2004 als Nachfolgerin von Philipp Stähelin zur Parteipräsidentin gewählt.
Zwei Jahre später folgte der nächste Blumenstrauss: Sie wurde von der CVP als Bundesratskandidatin und Nachfolgerin für Joseph Deiss vorgeschlagen.
Sie wurde 2006 mit 133 von 234 gültigen Stimmen gewählt.
Die stolzen Eltern gratulieren ihrer Tochter am 14. Juni 2006 mit einem Spruchband zur Wahl in den Bundesrat.
Der Bundesrat zur Zeit der Wahl von Leuthard (v.l.n.r.): Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Christoph Blocher, Hans-Rudolf Merz, Doris Leuthard und Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.
2007 erlebte sie auch die Abwahl Christoph Blochers und die daraus resultierende Abspaltung der BDP. Blocher wurde durch Eveline Widmer-Schlumpf ersetzt.
2010 wurde sie zum ersten Mal Bundespräsidentin. Hier steigt sie gerade aus dem Zug in Aarau.
2010: Küsschen für Bundespräsident Doris Leuthard in Paris.
Im selben Jahr hielt sie an der Generalversammlung der UNO eine Rede.
Ebenfalls ein beliebtes Sujet: Die Bundespräsidentin an der Olma – inklusive Ferkel.
Während ihrer Amtszeit durchreiste sie die ganze Schweiz: Hier die Bundesratsreise 2013, wo sie sich in Hinwil in einen Schützenpanzer setzte.
Ab 2014 war ihr Dienstauto ein Tesla.
Am 1. August 2015 trat Leuthard in Bad Zurzach auf.
Ein grosser Meilenstein in ihrer Karriere: Leuthard an der Eröffnung des Neat-Gotthardbasistunnels im Frühling 2016.
7. Dezember 2016: Doris Leuthard wird nach 2010 zum zweiten Mal zur Bundespräsidentin gewählt. Sie erhält 188 von 207 gültigen Stimmen.
Im Sommer 2017 organisierte Doris Leuthard das Bundesratsreisli. In Lenzburg gab es beim Apéro genug Zeit für Selfies und einen Schwatz mit der Bevölkerung.
An der 1.-August-Feier 2018 in Villmergen ermahnte Doris Leuthard die Schweizerinnen und Schweizer, miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander.
Dezember 2018: Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann verabschieden sich aus dem Bundesrat.

Ab 1997 im Aargauer Grossen Rat, kandidiert Doris Leuthard 1999 für den National- und Ständerat. Der damalige CVP-Parteisekretär Reto Nause, heute Berner Sicherheitsdirektor, liess Duschgel mit ihrem Gesicht verteilen. Die Aargauer Zeitung titelte «Duschen mit Doris».

Keystone

Vater Lorenz betätigt sich anfänglich oft als Chauffeur und sorgt so dafür, dass alles seine Ordnung hat und seine einzige Tochter jeweils rechtzeitig zu Hause ist.

Nach der Lehrzeit in der «Pulveri» ist für Roland Hausin klar, dass Chemielaborant nur der Anfang war. Chemie interessiert ihn. Er will mehr wissen und beruflich weiterkommen. Am Technikum Winterthur studiert er Chemie. Das Studium finanziert er sich mit einem Nebenjob als Nachtwächter in seinem ehemaligen Lehrbetrieb.

Für ein Nachdiplomstudium zieht er 1986 für vier Jahre nach Kanada an die University of Calgary, von wo er mit dem Doktortitel und verschiedenen Jobangeboten in der Tasche ins Freiamt zurückkehrt. Er steigt beim amerikanischen Chemiekonzern Dow ein. Er wird künftig viel reisen müssen, doch sein Arbeitsplatz befindet sich grundsätzlich am Schweizer Sitz des Chemiemultis – und damit nahe bei Merenschwand.

Heirat in Merenschwand

Während Roland also in Calgary an seiner Dissertation arbeitet, studiert Doris in Zürich Jura, reist alle paar Monate nach Kanada, führt hier ihr autonomes Leben. Die Fernbeziehung funktioniert, die Liebe hält der Belastungsprobe stand. Als Roland 1990 als Dr. chem. zurückkehrt, ist Doris Rechtsanwältin. Die beiden ziehen zusammen.

Die beiden völlig unterschiedlichen beruflichen Ausbildungen von Doris aus Merenschwand und Roland aus Anglikon sind auch ein ziemlich gutes Argument für das duale Bildungssystem, das die Schweiz auszeichnet und bedeutende Karrieren ermöglicht.

Doris Leuthard und Roland Hausin heiraten an Silvester 1999, exakt 20 Jahre, nach dem Disco-Abend in der Wohler Bleichi, wo alles begonnen hat. Dass sie weiterhin in Merenschwand wohnen, ist selbstverständlich. Es gibt keinen vernünftigen Grund, das Dorf, das Freiamt und den Aargau zu verlassen.