Bezirksgericht Lenzburg
Beat, 60, Sadist: «Ich hoffe, irgendwann freizukommen»

Seit 20 Jahren ist Beat eingesperrt. Der Sexualstraftäter bekommt weiterhin Therapie und wird nicht verwahrt, das hat das Bezirksgericht Lenzburg entschieden.

Aline Wüst
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Viele Jahre seines Lebens verbrachte der Sexualstraftäter in einer solchen Zelle in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Emanuel Freudiger

Viele Jahre seines Lebens verbrachte der Sexualstraftäter in einer solchen Zelle in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Emanuel Freudiger

Beat* lebt seit 20 Jahren hinter Gittern. Im März wird er 60 Jahre alt, er hat Herzprobleme. Beat wurde 1994 verwahrt, weil er Frauen vergewaltigte, schändete, sexuell nötigte. Er ist ein Sadist. Es erregt ihn sexuell, wenn er Frauen erniedrigt und quält – das kann so weit gehen, dass eine Frau beinahe stirbt.

Die Gutachter attestieren ihm ein hohes Rückfallrisiko. Die Staatsanwältin bezeichnet Beat als gefährlichen Sexualstraftäter. Beat selber sagt: «Ich kann nicht sagen, dass ich keine sadistischen Fantasien mehr habe.»

Es ging vor Bezirksgericht Lenzburg nicht darum, ob Beat freikommt oder nicht. Es ging gestern darum, ob er seine Therapie weitermachen kann oder ob er verwahrt werden soll. Die Möglichkeit einer Entlassung in die Freiheit wird in beiden Fällen sporadisch überprüft.

Eine Verwahrung forderte die Staatsanwältin, da die Fortschritte während der Therapie zu gering gewesen seien. Die Gutachter sagten, dass es nicht sinnvoll wäre, die Therapie nun abzubrechen, da es erst jetzt erste Hinweise gebe, dass Beat sich öffnen könnte. Beat selber sagt: «Ich arbeite schwer daran.» Das sei nicht immer einfach.

Die erste Therapie

Seit knapp fünf Jahren lebt Beat nun unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in einer Institution ausserhalb des Kantons Aargau. Er arbeitet in der Kerzenwerkstatt, manchmal in der Gärtnerei. Und er wird intensiv therapeutisch begleitet. Diese Therapie wurde 2009 vom Aargauer Obergericht angeordnet, im Rahmen der Revision des Strafgesetzbuches.

Es ist das erste Mal, dass Beat therapiert wird. Zuvor war er mehr als 15 Jahre eingesperrt, auch in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Beat war drogensüchtig und ist es auch im Gefängnis geblieben – die Auswahl an Drogen sei auch hinter Mauern gross. Seit er die Therapie macht, nimmt Beat keine Drogen mehr.

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach will wissen, was er davon hält, dass er verwahrt werden soll. Beat in Bluejeans und blauem Pullover antwortet: «Dann könnte man mir gleich die Todesstrafe geben.» Beat erklärt dem Gerichtspräsidenten auch, dass er keine grossen Zukunftspläne schmiede. Er hoffe, irgendwann freizukommen.

Was er machen würde, wenn er heute freikäme, wollte der Gerichtspräsident wissen. Beat antwortet: «Ich würde fragen, ob ich nicht noch ein Jahr drinbleiben könnte, um genug Zeit zu haben, mich in die Gesellschaft integrieren zu können.»

Kein Grund für eine Verwahrung

Stehend und mit den Händen in der Hosentasche, nahm er das Urteil des Gerichts entgegen: Die stationäre Massnahme wird um weitere fünf Jahre verlängert.

Gerichtspräsident Aeschbach erläuterte, dass das Gericht keine Argumente fand, die dafür gesprochen hätten, eine Verwahrung anzuordnen. Das Gericht habe Vertrauen in die psychiatrischen Gutachten, und diese empfehlen, die Therapie weiterzuführen. «Es ist das erste Mal, dass sich der verurteilte Sexualstraftäter im Rahmen einer therapeutischen Massnahme bewähren kann», sagt Aeschbach. Die Fortschritte seien zwar klein, aber die Gutachter – und damit auch das Gericht – hielten es für sinnvoll, die Therapie weiterzuführen.

Für die öffentliche Sicherheit spielt es keine Rolle, ob Beat verwahrt wird oder ob er weiterhin eine Therapie bekommt. Unterschiedlich sind nur die Kosten: Ein Tag reiner Strafvollzug kostet 271 Franken, eine Therapie kann bis zu 1300 Franken täglich kosten. * Name geändert