Wahlen 2019

Bauern wählen Bauern — trotzdem schafft es keiner von ihnen nach Bern

Gerne hätte es Ralf Bucher (CVP) gesehen, wenn ein Berufskollege gewählt worden wäre.

Gerne hätte es Ralf Bucher (CVP) gesehen, wenn ein Berufskollege gewählt worden wäre.

Die CVP-Bauern haben Marianne Binder in den Nationalrat gehievt. Ihrem Berufsstand bleibt ein Vertreter in Bern aber vorerst verweigert.

Während die CVP feiert, gucken die Bauern in die Röhre. Eine paradoxe Situation für Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes und CVP-Grossrat. Seine Partei sicherte sich am Sonntag einen zweiten Nationalratssitz. Explizit auch dank der Bauern. «Die Bauernliste der CVP hat von allen Unterlisten mit Abstand am meisten Stimmen geholt. Das ist eine kleine Sensation», sagt Bucher.

Die acht Unterlisten haben der CVP rund 90'000 Stimmen eingebracht, jene der Bauern allein fast 24'000. Es reichte, um die Listenpartnerin GLP um 40'000 Stimmen hinter sich zu lassen und den zweiten Sitz zu schnappen.

Aber da gibt es auch eine andere Seite, da gibt es auch den Bauer Bucher, der es gerne gesehen hätte, wenn ein Berufskollege gewählt worden wäre. Seit den Rücktritten von SVP-Mann Walter Glur und CVP-Mann Markus Zemp 2011 sind die Aargauer Bauern in Bern nicht mehr vertreten.

Bucher hat nach wie vor Chancen

Bucher sagt: «Mit Alois Huber war die Chance riesig, dass es klappen könnte.» SVP-Kandidat Huber aber scheiterte am Sonntag knapp. Mit 55'255 Stimmen verpasste er Platz 6 und damit den Sitz in der Grossen Kammer denkbar knapp. Ihm fehlten 199 Stimmen. «Das schmerzt mehr, als wenn es 2000 gewesen wären», gesteht Huber.

Er hat sich selbst eine Wahlchance von 30 bis 50 Prozent gegeben. Jetzt steht er vor einer ungewissen Zukunft. Denn nach wie vor hat er Chancen. Sollten seine Parteikollegen Jean-Pierre Gallati und Hansjörg Knecht in den Regierungsrat bzw. Ständerat einziehen, käme Huber zum Handkuss. Dass es tatsächlich so kommen könnte, wagt Huber kaum zu hoffen.

Bei knappen zehn Prozent sieht er seine Chancen heute noch. Die Ungewissheit nagt an ihm. Klappt es doch noch in fünf Wochen, müsste er innert weniger Tage jemanden finden, der seinen Hof führt, während er in Bern politisiert. «Für mich und den Betrieb ist es eine dumme Situation», so Huber.

Huber: «Die CVP-Bauernliste hat mich überrascht»

Hat die Bauernliste der CVP den SVP-Mann sogar den Sitz gekostet? Diese Frage hat eine besondere Brisanz. Denn sowohl CVP-Politiker Bucher als auch SVP-Grossrat Huber sind beim Bauernverband engagiert: ersterer als Geschäftsführer, letzterer als Präsident.

Er habe von vielen Bauern gehört, dass sie die Bauernliste einwerfen wollen, sagt Huber. Dass es fast 24 000 Stimmen wurden, habe ihn erstaunt, gesteht er. Groll hegt er aber keinen, denn er glaubt nicht, dass ihm diese Liste gross geschadet habe.

Ein Blick auf die Panaschierstatistik zeigt: Tatsächlich hat Huber von den CVP-Bauern fast 300 zusätzliche Stimmen bekommen. Ralf Bucher macht sich jedenfalls keine Vorwürfe: «Der Bauernverband hat Alois Huber sehr stark unterstützt. Er war ganz klar unser Spitzenkandidat. Schade, dass es noch nicht geklappt hat, aber es gibt ja noch Hoffnung.»

Und wenn es mit Huber nicht klappen sollte, vertraut Bucher darauf, dass Neo-Nationalrätin Marianne Binder ein offenes Ohr für bäuerliche Anliegen haben wird. «Natürlich haben wir Erwartungen, aber da wird sich Marianne nicht gross verbiegen müssen», sagt der CVP-Grossrat.

Häseli: «Bauernverband zu stark von SVP dominiert»

Kein Aargauer Bauer in Bern, da sagt auch Gertrud Häseli: «Das ist schade.» Die Grossrätin der Grünen kandidierte, scheiterte aber am Sonntag an der Urne. Zugleich gibt die Biobäuerin zu bedenken: «Es kommt schon darauf an, von was für einer Vertretung wir sprechen. Der Bauernverband ist zu stark von der SVP dominiert. Das ist ähnlich wie beim Gewerbeverband. Und wie bei den Gewerblern gibt es auch zahlreiche Bauern, die das nicht goutieren.»

Häseli selbst erhielt vom Bauernverband keine Wahlempfehlung, weil sie nicht bereit war, die Trinkwasser- und Pestizidinitiativen abzulehnen. Auch die Massentierhaltung betrachtet sie äusserst kritisch. Häseli sagt: «Es gibt einen Grund, dass diese Initiativen im Raum stehen. Die Gesellschaft hat gemerkt, dass man in der landwirtschaftlichen Produktion den Bogen überspannt hat. Da braucht es neue Regeln und Kontrollen.» Gut möglich, dass die Aargauer Bauern bei deren Ausgestaltung in Bern nicht direkt involviert sein werden.

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