Bezirksschule Aarau

Bauchfrei oder in Trainerhose zur Schule gibt Minuspunkte – diese Kleiderregel sorgt für Kritik

Wenn eine Schülerin im bauchfreien Top zur Schule kommt oder ein Schüler mit Trainerhosen erscheint, kann dies Abzug bei der Sozialkompetenz geben. (Themenbild)

Wenn eine Schülerin im bauchfreien Top zur Schule kommt oder ein Schüler mit Trainerhosen erscheint, kann dies Abzug bei der Sozialkompetenz geben. (Themenbild)

Wer an der Bezirksschule Aarau nicht angemessen gekleidet zum Unterricht erscheint, riskiert einen negativen Eintrag im Zwischenbericht. SP-Grossrätin Lelia Hunziker kritisiert dies, der Geschäftsleiter der Schule verteidigt sich.

In einigen Aargauer Gemeinden gibt es für Jugendliche, die nicht angemessen gekleidet zum Unterricht erscheinen, neuerdings einen negativen Eintrag im Zwischenbericht. Das ist eine Art Zwischenzeugnis, das aber keine Noten enthält, sondern schriftliche Beurteilungen. SP-Grossrätin Lelia Hunziker kritisierte diese Praxis kürzlich in einer Kolumne in der AZ. Sie findet es heikel, dass die Schulen bewerten, «ob Schülerinnen und Schüler passend (sprich anständig) gekleidet sind oder nicht». Denn die Zwischenberichte würden bei der Auswahl von Bewerbungen von den Verantwortlichen in den Lehrbetrieben sehr genau angeschaut, hält sie fest.

Weiter kritisiert Hunziker, dass die Kleidervorschriften, welche den Eltern in einem Brief zu Beginn des Schuljahres mitgeteilt wurden, sich primär auf Mädchen beziehen. Sie weist dazu auf zwei Passagen hin: «Die Schüler*innen tragen in der Schule angemessene Kleidung; das Gesäss, die Oberweite und der Bauch sind bedeckt.» Zum Schutz aller Beteiligten lege die Schule Wert auf diesen Passus, damit wegen allfälliger nackten Körperzonen keine unangenehmen Situationen entstehen.

In der Elterninfo einer anderen Aargauer Gemeinde steht: «Turn- und Trainerhosen gehören in den Sportunterricht, Schultern sollten bedeckt sein, Hosen oder Röcke haben eine anständige Länge, Hotpants gehören nicht in den Unterricht, der Bauchnabel ist nicht sichtbar.»

Lelia Hunziker sieht Probleme bei den Fragen, was genau als angemes­sene Kleidung gelte und wer dies in der Schule beurteilen solle. «Wann ist der Rock genug lang, um anständig zu sein, wann ist er unanständig kurz? Muss der Bauchnabel im Normalzustand verdeckt sein oder nur, wenn ich mich strecke? Sind Flip-Flops passend? Ist barfuss unpassend?», zählt sie auf.

Lehrer: «Kann mich nicht an schlechte Bewertung erinnern»

In einem Leserkommentar auf aargauerzeitung.ch antwortete Christoph Waldmeier, Werklehrer an der Kreisschule Buchs-Aarau und EVP-Einwohnerrat in Aarau: «Angemessen bezieht sich vorwiegend darauf, dass wirklich die genannten Zonen bedeckt sind und bei den Jungs nicht grad die Unterhosen rausschauen.» Die Lehrer nehmen solche Bewertungen laut Waldmeier seit fast zehn Jahren vor. «Es geht einfach darum, dass man im Lehrbetrieb gesittet daherkommt», hält er fest. Die Einhaltung der Kleiderregeln werde in Teams besprochen, was sicher vernünftig sei. Waldmeier schreibt weiter: «Ich kann mich nicht erinnern, hier jemals schlecht bewertet zu haben.»

Tatsächlich stammt die neue Kleiderordnung von der Kreisschule Aarau-Buchs, der grössten Schule im Kanton – der entsprechende Elternbrief liegt der AZ vor. Darin heisst es: Zur Beurteilung der Sozial- und Selbstkompetenzen sei im Zwischenbericht unter «erscheint ordnungsgemäss zum Unterricht» neu ein Indikator festgehalten: «ist für den Unterrichtsanlass passend gekleidet». Weiter schreibt die Schulleitung der Bezirksschule: «Wiederholtes Missachten dieses Teilbereichs führt also zu Abzug in der Beurteilung der Selbstkompetenz.» Das heisst im Klartext: Wer mehrfach im bauchfreien Top und Hotpants oder mit Trainerhose und Baseballkappe zum Unterricht erscheint, erhält eine schlechte Bewertung im Zwischenbericht.

Geschäftsleiter der Kreisschule: «Kleiderordnung breit abgestützt»

Eine solche Vorgabe – passende Kleidung für den Unterricht – findet sich in der Umsetzungshilfe des Bildungsdepartements zur Beurteilung der Selbstkompetenz nicht. Allerdings heisst es dort auch: «Schulteams definieren die Indikatoren nach gemein­samer Absprache selbst.» Remi Bürgi, Geschäftsleiter der Kreisschule Aarau-Buchs, hält auf Anfrage der AZ fest: «Das Erstellen einer Kleiderordnung liegt in der Kompetenz der Schule.» Die Vorgaben seien vom Kollegium der Bezirksschule Zelgli Aarau auf das Schuljahr 2018/19 hin neu formuliert worden. Aus dem Elternteam und vom Schulparlament sei dann die Anfrage zur Präzisierung einzelner Artikel gekommen. Nach Absprache mit allen Beteiligten habe man die Regeln auf dieses Schuljahr hin angepasst.

Bürgi betont, die Kleiderordnung der Bezirksschule Zelgli Aarau sei bei den Schülerinnen und Schülern, den Eltern, der Schulleitung und dem Kollegium der Lehrpersonen abgestützt. Zur damals geltenden Schulordnung wurde 2018 eine Umfrage unter Eltern und Schülerschaft durchgeführt. Laut dem Schlussbericht, der auf der Seite der Kreisschule Aarau-Buchs abrufbar ist, war die Kleiderordnung damals der Punkt, mit dem die Schülerinnen und Schüler am wenigsten zufrieden waren.

Eltern und Schülern scheine die genaue Definition von «angemessen» Schwierigkeiten zu machen, insbesondere bei der Umsetzung im Schulalltag, heisst es im Bericht. Besonders die Eltern hätten sich eine detaillierte und präzisere Beschreibung gewünscht, «während die Schülerinnen und Schüler mehr Wert auf Individualität bei der Kleiderwahl legen».

Lehrerinnen und Lehrer nehmen Kleiderbewertungen vor

Bürgi betont, negative Rückmeldungen zur neuen Kleiderordnung seien keine eingegangen. Doch wer entscheidet darüber, ob sich die Schülerinnen und Schüler angemessen kleiden – und ob es bei Verstössen einen Abzug im Zwischenbericht gibt? «Die Beurteilung der Leistungen in den Fächern sowie der Selbst- und Sozialkompetenz ist zentrale Aufgabe der Lehrpersonen», sagt Bürgi. Für die Handhabung der Beurteilung habe man die Schulaufsicht des Bildungsdepartements einbezogen.

Bürgi sagt weiter, einen Abzug beim Punkt Sozialkompetenz im Zwischenbericht gebe es nicht nach einem einmaligen Vergehen. «Zuerst suchen die Lehrpersonen das Gespräch mit der fehlbaren Schülerin oder dem Schüler, danach gibt es einen Verwarnungszettel, schliesslich werden die Eltern informiert und erst im Wiederholungsfall wird dann der Abzug bei der Sozialkompetenz gemacht.» Schon bisher habe man Verstösse gegen die Kleiderregeln an der Schule mit diesen Massnahmen geahndet, neu sei nur die Möglichkeit des Abzugs im Zwischenbericht, sagt der Geschäftsleiter. Zudem gibt es diese Möglichkeit nur für die 7. Klasse, weil für sie schon der neue Lehrplan gilt. Bei älteren Oberstufenschülern ist ein Abzug bei der Sozialkompetenz noch nicht möglich.

Aber weshalb musste die Kleiderordnung mit der Regelung verschärft werden, dass es bei Verstössen einen Abzug im Zwischenbericht gibt? Gab es in den letzten Schuljahren an der Kreisschule Aarau-Buchs häufig Probleme mit Jugendlichen, die zum Beispiel mit Trainerhosen oder kurzen Tops zum Unterricht erschienen? «Dazu liegen keine Zahlen vor», antwortet Bürgi.

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