Grosser Rat
Barbara Roth: «Früher gab es im Grossen Rat viel weniger Gehässigkeiten»

Barbara Roth ist am Dienstag nach 19 Jahren aus dem Grossen Rat zurückgetreten. Im Interview mit der az zieht die ehemalige SP-Grossratspräsidentin Bilanz und erinnert sich an ein Geheimnis, das sie 2004 aus Versehen an einer Sitzung lüftete.

Manuel Bühlmann
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Barbara Roth ist nach 19 Jahren aus dem Grossen Rat zurückgetreten

Barbara Roth ist nach 19 Jahren aus dem Grossen Rat zurückgetreten

Emanuel Freudiger

Sie sind nach 19 Jahren aus dem Grossen Rat zurückgetreten. Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?

Barbara Roth: Für mich stand stand schon länger fest, dass ich nicht mehr zu den nächsten Grossratswahlen antreten werde. Nach fünf Legislaturperioden ist die Zeit gekommen, den Jüngeren Platz zu machen. Ausschlaggebend für den vorzeitigen Rücktritt war nun aber meine Wahl als Fachrichterin ans Familiengericht. Die beiden Ämter sind unvereinbar.

Wie sieht Ihre Gefühlslage so kurz nach dem Rücktritt aus?

Es geht mir gut (lacht). In gewissem Sinne ist der Rücktritt eine Befreiung, weil ich schon ein wenig amtsmüde gewesen bin. Vermissen werde ich aber sicher die politischen Auseinandersetzungen und die vielen guten zwischenmenschlichen Kontakte.

Am 1. April 1993 war Ihr erster Tag als Grossrätin. Inwiefern hat sich der Grosse Rat seither verändert?

Einerseits ist das Amt durch die Reduktion des Rates von 200 auf 140 Mitglieder arbeitsintensiver geworden. Andererseits hat sich die politische Kultur geändert.

Inwiefern?

In den ersten acht Jahren gab es weniger Gehässigkeiten. Der Polteristil hat zugenommen - insbesondere vor Wahlen. Heute stehen oftmals Wahlkampf und Parteipolitik statt lösungsorientierte Sachpolitik im Vordergrund.

Wenn Sie an die 20 Jahre zurückdenken. Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Highlight war eindeutig das Präsidialjahr. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung, von welcher ich keine Sekunde missen möchte. Besonders gefallen hat mir dabei, den Grossen Rat gegenüber der Bevölkerung vertreten zu können. Das Jahr als Präsidentin des Grossen Rats hat mir Einblicke in die Tätigkeit von Aargauer Organisationen und Vereinen ermöglicht, die ich sonst wohl nicht erhalten hätte.

Welche negativen Erfahrungen mussten Sie in Ihrer Polit-Karriere machen?

Ich musste lernen, dass politische Prozesse sehr lange dauern. Ausserdem hat mir die Politisierung der Wahlen beispielsweise für das Obergericht oder den Bankrat nicht entsprochen. Oftmals waren dabei parteipolitische Überlegungen und nicht in erster Linie die Qualifikationen der Kandidaten ausschlaggebend. Dies hat sich aber gerade beim Obergericht inzwischen zum Positiven geändert.

2004 haben Sie an einer Grossratssitzung aus Versehen das Geheimnis um den Standort des Regierungsbunkers in Gränichen gelüftet.

Versehentlich Geheimnis um Regierungsbunker gelüftet

Das Missgeschick geschah am Morgen des 2. März 2004. In der Grossratssitzung lud Barbara Roth, damalige Präsidentin des Grossen Rats, ihre Kollegen zur Besichtigung des Regierungsbunkers in Gränichen. An und für sich nichts besonders und kaum eine Randnotiz wert. Wenn da nicht die Geheimhaltungsvorschriften gewesen wären, denen der Standort des Bunkers unterstanden und die präsidialen Worte auch noch Eingang ins Protokoll gefunden hätten. Ein eiliger Aufruf, die bereits verschickten Protokolle wegzuwerfen, eine Vorladung vors Divisionsgericht und ein Verweis vom Armeechef an die Adresse Roths waren die Folgen.

Darüber kann ich schon lange lachen. Damals war es allerdings stressig. Zusammen mit dem damaligen Vizepräsident Thomas Lüpold wurde ich sogar vor das Divisionsgericht geladen und erhielt vom damaligen Armeechef Christophe Keckeis einen schriftlichen Verweis. Es wurde aber anerkannt, dass ich den Standort des Bunkers nicht böswillig, sondern aus Versehen verraten habe.

Wie fällt Ihre politische Bilanz aus?

Positiv, ich konnte mir über die Jahre ein grosses Know-How aneignen und dieses auch in die politische Arbeit einbringen. Ausserdem konnte ich zu einer guten Diskussionskultur in den Kommissionen beitragen.

Was konnten Sie nicht wie gewünscht umsetzen?

Von Anfang an ein grosses Anliegen war mir die flächendeckende Einführung der familienergänzenden Kinderbetreuung. Ich hätte damals nicht gedacht, dass das fast 20 Jahre später noch immer nicht umgesetzt sein würde.

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