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Banker, Büezer und Bauern: Wo wir im Aargau in welchen Branchen arbeiten

Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistung: Wie zeigt sich im Aargau der Branchenmix?

Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistung: Wie zeigt sich im Aargau der Branchenmix?

Ist der Aargau ein Dienstleistungs-, Industrie- oder ein Bauernkanton? Wir haben uns die einzelnen Branchen etwas genauer angeschaut.

Bauern gibt es nicht nur auf dem Land

Ueli Kohlers Bauernhof wurde gebaut, um einen Schiessstand zu verhindern. Der Hof seines Vaters stand nämlich noch in Münzlishausen. Als die hintere Baldegg als Standort für den Schiessplatz diskutiert wurde, vereinbarte Ueli Kohlers Vater einen Landabtausch mit der Ortsbürgergemeinde. Ueli Kohler baute dann sein Haus genau auf der ursprünglich vorgesehenen Schusslinie.

Ueli Kohler sorgt dafür, dass die Badener in ihrem Naherholungsgebiet schöne Blumen bewundern können.

Ueli Kohler sorgt dafür, dass die Badener in ihrem Naherholungsgebiet schöne Blumen bewundern können.

In der Politik war er sich nie zu schade, sich in die Schusslinie zu stellen. Für die SVP war er im Einwohnerrat Baden, im Grossrat und schaffte es sogar bis nach Bern: In der landwirtschaftlichen Fachkommission gab er Bundesrat Schneider Ammann Auskunft. Für den politisch engagierten Landwirt war es also ein Vorteil, dass er zu einem Hof in einer städtischen Gemeinde kam.

Naherholungsgebiet für Badener

Nebst der Möglichkeit, im Einwohnerrat zu politisieren, macht es für den Landwirt aber keinen grossen Unterschied, ob sein Betrieb in einer städtischen oder ländlichen Gemeinde liegt. «Vielleicht haben die Leute auf dem Land etwas mehr Verständnis für die Bauern», sagt Kohler und erzählt von den Fussgängern, Mountainbikern und Hundehaltern, die hier unterwegs sind. «Wenn ich mit dem Traktor die Naturstrasse hinunterfahre, dann ‹stübt› es halt, egal wie langsam ich fahre. Dafür haben nicht alle Verständnis.»
Die Baldegg ist für die Badener ein Naherholungsgebiet. Und Kohler trägt auch seinen Teil dazu bei, dass die Städter auf ihrem Sonntagsspaziergang etwas zu staunen haben: Im Auftrag der Stadtökologie Baden bewirtschaftet er zwei Streifen Naturwiese nach ökologischen Richtlinien, Korn- und Mohnblumen präsentieren sich in voller Pracht.

Auf dem Bauernhof sucht man vergebens nach Hinweisen, dass der Betrieb auf Stadtgebiet steht – weder die Kühe im Stall noch die Berggeissen im Gehege davor scheint es zu kümmern.

«Als ich angefangen habe, ging es erst einmal darum, was wir hier überhaupt produzieren», sagt Kohler. Milchproduktion wurde schnell einmal ausgeschlossen: «Eines Tages stehen Sie und ihre Frau allein da, mit vierzig Kühen im Stall, weil der Melker seinen Job aufgegeben hat und bei der ABB arbeitet», wurde dem Landwirt dazumal geraten. Also entschied sich Kohler für einen Muni-Mastbetrieb. Als er 1997 in den Grossrat gewählt wurde, konnte er nicht mehr so viel Zeit auf dem Hof verbringen. «Meine Frau wollte lieber auf Mutterkühe umstellen. Das war eine gute Entscheidung», sagt der Landwirt heute.

Kohler ist 72 Jahre alt. Von seinen drei Kindern möchte keines den Betrieb übernehmen. Der Älteste habe nie Interesse gezeigt, er sei Automechaniker geworden, erzählt Kohler. «Der mittlere Sohn wollte eigentlich den Betrieb übernehmen, er hat auch eine Ausbildung gemacht.» Dann aber kam die Liebe: Die Freundin habe sich nicht für ein Leben auf dem Bauernhof begeistern können. «Es braucht zwei Personen bei dem ganzen administrativen Aufwand, den man neben der körperlichen Arbeit hat», sagt Kohler. Auch seine Tochter, die in der Kommunikationsbranche arbeitet, entschied sich gegen das Leben einer Bäuerin: «Heute muss man dazu Idealist sein», sagt Kohler. Mann müsse bereit sein, auch sonntags oder zwischendurch in der Nacht zu arbeiten. «Wenn eine Kuh kalbert, muss man halt aufstehen.»

Dazu kommt der administrative Aufwand. Der Bauer holt Ordner voller Dokumente, auf denen verzeichnet ist, wann welches Düngemittel auf den Feldern verteilt wurde, wann das Gras gemäht wurde und an welchem Tag ein Tier den Hof verlassen hat. Dazu haufenweise Dokumente mit Vorschriften. «Wenn einem Kalb eine Ohrmarke fehlt, wenn ich es zum Schlachthaus bringe, kostet das 50 Franken Busse», nervt sich Kohler.

Hochzeitsreise nach 45 Jahren

Der Landwirt nimmt es in der Zwischenzeit etwas gemütlicher mit der Arbeit. Aufhören möchte er aber nicht. «Ich möchte morgens schöne Kühe sehen.» Was am Tag X passiert, wenn er nicht mehr arbeiten könnte, weiss er nicht.

Ein Vorhaben hat Ueli Kohler aber noch: Er möchte mit seiner Frau, die er vor 45 Jahren geheiratet hat, endlich auf Hochzeitsreise gehen. Das ursprüngliche Ziel war Kanada – wilde Pferde, weite Landschaften. Die Reise, die Kohlers gebucht hatten, wurde aber wegen zu wenigen Teilnehmern abgesagt.

Jetzt zieht es das Ehepaar nach Portugal oder ins Tirol. Bleibt nur ein Problem: Der Hof kann nicht unbeaufsichtigt bleiben. «Der Betriebshelfer, den wir in den zehn Tagen einstellen müssen, kostet mehr als die Reise selbst», sagt Kohler. Das hält ihn nicht von seinen Plänen ab: «Hüür gömmer!»

Junge Banker trainieren in Aarau den Wow-Effekt

Ohne sie ginge nichts. Wir könnten nichts kaufen, könnten nirgendwo wohnen, viele von uns hätten nicht einmal etwas zu essen: Für alles brauchen wir heute Dienstleister. Am meisten Freude haben wir an ihnen, wenn sie kundenorientiert arbeiten. Das kommt nicht von ungefähr, denn die grosse Mehrheit von uns ist selbst bei einem Dienstleister angestellt.

Die meisten Jobs im Dienstleistungssektor sind im Aargau in Ennetbaden (94%), in Aarau und in Hausen (beide 89%) zu finden. Ennetbaden und Hausen sind vor allem Wohngemeinden. Sie beherbergen keine Konzerne, dafür wichtige KMU: Ingenieurbüros, Massagepraxen, Softwareschmieden – Maler, Heizungsmonteure, Bodenleger. Aarau hingegen liegt aus einem anderen Grund vorn: Aarau ist Kantonshauptstadt – eine Dienstleistungsstadt. Die kantonale Verwaltung und das Kantonsspital sind wichtige Arbeitgeber.

Bankenviertel am Bahnhof

Doch für die meisten ist die Bank nach wie vor der Inbegriff eines Dienstleisters, und in Aarau gibt es am Bahnhof ein Bankenviertel. Die Neue Aargauer Bank sowie die Aargauische Kantonalbank haben hier ihren Hauptsitz. An Bahnhofstrasse und Bahnhofplatz haben sich zudem UBS, Credit Suisse, Migros Bank sowie die Kleinkreditinstitute Bank-now AG und Cembra Money Bank niedergelassen. Auch Valiant, Bank Coop und Raiffeisen geschäften in Aarau. Ebenfalls am Bahnhofplatz, unscheinbar an einer schwarzen Fassade, sind drei Grossbuchstaben angebracht: CYP. Kaum jemand weiss, was sie bedeuten. Fragt man Bankangestellte, kommt die Antwort hingegen so schnell wie die Frage nach dem PIN-Code am Bancomaten: «Center for Young Professionals in Banking». Gegründet wurde CYP 2003 von den grössten Schweizer Banken und der Schweizerischen Bankiervereinigung. Das Ziel: Die branchenspezifische Ausbildung des Berufsnachwuchses zu vereinheitlichen. Hatte zuvor jede Bank die Branchenkunde selbst gelehrt, ist dies jetzt zentral organisiert.

Alle, die in der Schweiz eine Banklehre absolvieren, müssen die CYP-Kurse besuchen. In Aarau betreibt die als Verein organisierte Institution einen von zwölf Standorten. «Die Lernenden können selber wählen, für welchen Standort sie sich anmelden möchten», erklärt Alexia Böniger das Prinzip. Die CYP-Geschäftsleiterin weiss, was heute von einem guten Dienstleister erwartet wird – und gibt eine Antwort, die so floskelhaft wie logisch ist: «Er stellt das Bedürfnis des Kunden in den Mittelpunkt und bietet eine nutzenorientierte Dienstleistung an.» Doch dies sei erst die halbe Leistung: «Ein guter Dienstleister spricht den Kunden auch emotional an und sorgt gelegentlich für Wow-Effekte.»

Lernstoff wandelt sich mit

Ein Wow-Effekt am Bankschalter? «Ja», bekräftigt Alexia Böniger, «ein guter Dienstleister versucht, die Wünsche des Kunden zu erfüllen. Dabei dürfen mit gesundem Menschenverstand ebenso kreative Lösungen gefunden werden, solange sie im Rahmen der gesetzlichen und ethischen Vorgaben sind.» Voraussetzung sei aber ein fundiertes Fachwissen über die eigenen Produkte und Dienstleistungen.

Seit zehn Jahren bildet CYP junge Banker aus. Für die Bankenwelt waren es zehn turbulente Jahre: Das Bankgeheimnis ist gefallen, internationale Kunden wurden teilweise zum Handicap. Und doch, so weiss Alexia Böniger, agierten die Kunden heute globaler und stellten höhere Ansprüche. «Die Anforderungen an den Nachwuchs sind gestiegen. Es sind komplexere Zusammenhänge zu begreifen, der Wettbewerb hat sich verschärft und es sind zusätzliche Kompetenzen gefordert wie etwa die Medienkompetenz.»

Das fordert die Lernenden, aber auch CYP. Unter dem Lead der Bankiervereinigung passen die Branchenvertreter die Lernziele für den Nachwuchs regelmässig an. Die letzte Aktualisierung fand per Sommer 2012 statt. Der aktuelle Lernstoff widerspiegelt laut CYP «das Dienstleistungsverständnis, die Fachkompetenz und die verschärften regulatorischen Richtlinien». Gelernt wird zudem nicht mehr mit Ordnern, sondern mit einem Tablet, online in der Cloud.

Trotz aller Herausforderungen ist Alexia Böniger überzeugt, dass unsere Banken sind, wie wir sie alle am liebsten haben: «Kundenorientiert.»

Chemie prägt Münchwilen

Münchwilen ist, sagt die Statistik, eine Industriegemeinde. Mit 82 Prozent ist der Anteil der in diesem Bereich Beschäftigten im Vergleich zu den anderen Aargauer Gemeinden mit Abstand am grössten. Ansässig sind Firmen, die im Abbau von Kies und der Wiederauffüllung sowie im Recycling von Baumaterialien tätig sind. Daneben bestehen weitere kleinere und mittelgrosse Betriebe – unter anderem in der Metallverarbeitung.

In Münchwilen befindet sich das Entwicklungszentrum des Chemie-Konzerns Syngenta.

In Münchwilen befindet sich das Entwicklungszentrum des Chemie-Konzerns Syngenta.

Angesiedelt ist ebenfalls das Entwicklungszentrum für Pflanzenschutzprodukte. Mit diesem bietet der Chemie-Konzern Syngenta rund 300 Arbeitsplätze im 900-Seelen-Dorf. Die Bedeutung des Unternehmens sei denn auch nicht zu unterschätzen, sagt Gemeindeammann Willy Schürch. Er spricht von einem Vorzeigebetrieb, der sich immer wieder am Gemeindeleben beteilige und sich mit tatkräftiger oder auch finanzieller Unterstützung engagiere. Als Beispiel nennt er das Feld mit den seltenen Pflanzenarten, das zusammen mit dem Naturschutz- und Verschönerungsverein eingerichtet wird.

Quellensteuern schenken ein

Auch die Steuereinnahmen seien nicht zu vernachlässigen, fährt Schürch fort. Am Standort nahe der Grenze würden viele Grenzgänger beschäftigt. «Deshalb schenken vor allem die Quellensteuern ein.»

Das Risiko eines Klumpenrisikos sieht der Gemeindeammann indes nicht. Mit dem Unternehmen herrsche ein gutes Einvernehmen, der Austausch werde gepflegt. Die Gefahr, dass eines Tages überraschend auf einen Schlag ein grosser Teil der Steuereinnahmen oder Arbeitsplätze wegfalle, sei klein. «Ich habe keine Angst, dass wir plötzlich auf dem linken Fuss erwischt werden.»

Negatives könne er über den Chemie-Konzern nicht sagen, stellt Schürch auf die entsprechende Frage nach kurzem Überlegen fest. Komme hinzu, dass Syngenta kaum für Emissionen sorge. Von Vorteil seien in dieser Beziehung die geografischen Begebenheiten in der Gemeinde. «Das Industrie- und Gewerbegebiet befindet sich im nördlichen Bereich und ist durch die Autobahn und die Bahnlinie sauber abgetrennt von den Wohnquartieren im Süden. Das ist ein Idealfall.» Anders gesagt: Die Bevölkerung sei vor Lärm und Staub gut geschützt.

Viel Platz für weitere Betriebe

Münchwilen wird wohl eine Industriegemeinde bleiben. «Wir haben noch viel freien Platz», sagt Schürch und erwähnt das Sisslerfeld. Mit diesem steht die grösste brachliegende, zusammenhängende Industriezone der Nordwestschweiz zur Verfügung. Ziel sei es, hochstehende Industrie anzusiedeln.
Eine Herausforderung sei es, die Entwicklung über mehrere Gemeindegebiete zu steuern, ergänzt Gemeindeschreiber Marius Fricker. «Seit zwei Jahren besteht eine auf mehrere Gemeinden abgeglichene Industriezone. Dies vereinfacht die Ansiedlung von neuen Betrieben.» Ein Industriegebiet, fügt der Gemeindeschreiber an, sei bezüglich des Unterhalts von Erschliessungsstrassen und Werkleitungen recht aufwendig. «Viele Arbeitsplätze verlangen auch nach einer grossen Mobilität – und diese gilt es, zu koordinieren.»

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