Kinofilm

Bald beginnt das Zschokke-Jahr 2021 — es startet mit einem Film über den Staatsmann

Aargauer Die Bronzefigur von Heinrich Zschokke steht im Kasinopark Aarau.Bild: Mario Heller

Aargauer Die Bronzefigur von Heinrich Zschokke steht im Kasinopark Aarau.Bild: Mario Heller

Das zentrale Element des Gedenkens an den grossen Volksaufklärer ist ein neuer Kino-Film, den die zwei Nachkommen Matthias und Adrian Zschokke produzieren. Sie bezeichnen ihn als «grossen Brocken».

Am 22. März 1771 kam in Magdeburg Johann Heinrich Daniel Schokke als jüngstes von elf Kindern des Tuchmachers Johann Gottfried Schokke und der Elisabeth Dorothea geborene Jordan zur Welt. Damit begann ein 77-jähriges Lebenswerk von ungeheurer Dichte.

Aus Schokke wurde später Zschokke, aus dem Theologiestudenten ein populärer Schriftsteller, der in ganz Europa gelesen wurde. 1795 immigrierte er in die Schweiz, das «Wunschland seiner Kindheit».

1802 liess er sich im Aargau nieder, 1818 dann in der von ihm projektierten Villa Blumenhalde in Aarau. Hier wurde er Zeitungsmacher, Staatsbeamter, Grossrat, Verfassungsrat und vieles andere mehr, ein Wegbereiter des Liberalismus, ein Kämpfer für Demokratie und Volksbildung.

Der Historiker Edgar Bonjour vertrat die Meinung, ohne Zschokke wäre die Entstehung der modernen Schweiz nicht möglich gewesen. So wundert es nicht, dass das höchste Denkmal von Aarau, eine Bronzefigur auf einem hohen Marmorsockel im Kasinopark, diesem «Schriftsteller, Staatsmann und Volksfreund» (Text auf dem Sockel) gewidmet ist.

Ein Film fürs grosse Kino zum 250. Geburtstag

Am 22. März 2021 gilt es also, Zschokkes 250. Geburtstag würdig zu feiern. Doch warum soll sich das werte Publikum schon 16 Monate früher mit diesem Ereignis befassen? Das Zschokke-Jubiläum beginnt eben eigentlich am 1. Dezember 2019. Und das kam so.

Auf Anregung der Heinrich-Zschokke-Gesellschaft beschlossen zwei Brüder aus der Nachkommenschaft des Staatsmannes, ihm einen Geburtstags-Film zu widmen, nicht ein Filmli für ein Familienfest, sondern ein Film fürs Kino.

Der eine ist Matthias Zschokke. Der bekannte Erzähler und Dramatiker lebt seit 40 Jahren in Berlin und hat in dieser Zeit elf Prosabände, acht Theaterstücke und drei Filme vorgelegt. Für seine Literatur wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Aargauer Literaturpreis, dem Robert-Walser- und dem Schillerpreis.

Der andere ist Adrian Zschokke. Er lebt als Filmemacher mit eigener Produktionsfirma in Zürich. Seine Filme werden regelmässig im Fernsehen gezeigt. Er war und ist Gast an vielen internationalen Filmfestivals, zum Beispiel in Solothurn, Biarritz, Charleston oder Warschau (wo er einen 1. Preis gewann).

Im neuen Zschokke-Film wird Matthias für Drehbuch und Regie zeichnen, Adrian für Kamera und Produktion. In dieser Konstellation haben die beiden bereits drei Spielfilme gedreht, wovon einer an den Berliner Filmfestspielen mit dem Preis der deutschen Filmkritik als «bester deutscher Spielfilm» ausgezeichnet wurde und einer mit dem Berner Filmpreis.

Eine faszinierende Figur in einer faszinierenden Zeit

Die beiden Brüder betonen, ihr berühmter Vorfahre habe sie bisher nicht gross beschäftigt. Matthias erinnert sich an «Zschokke-Tage» in seiner Kindheit: «Da kamen Hunderte Verwandte zusammen, alle trugen ein Schildli mit Namen und Abstammung um den Hals. Ich empfand das als eher unangenehm.»

Adrian sagt: «Heinrich war für mich der Mann auf dem Sockel, der Mann, der aus dem Schloss Reichenau in den Rhein sprang, um auf einem Floss zu fliehen, der Mann, der mit Kleist einen Wettbewerb um den ‘Zerbrochenen Krug‘ ausgetragen hat. Mehr wusste ich nicht.»

Warum also ihr Entschluss zu einem grossen Film? Matthias sagt: «Nachdem ich mich eingelesen hatte, wurde mir bewusst, wie abenteuerlich und spannend diese Figur ist. Umgehend fragte ich meinen Bruder an, ob er sich vorstellen könnte, so einen Film zu realisieren. Er brauchte nicht einmal eine Nacht, um sich zu entscheiden. Bei mir dauerte es etwas länger.»

Adrian sagt, ihn beeindrucke an Heinrich vor allem «seine uneitle Haltung, sein Verhandlungsgeschick und seine ungeheure Produktivität.» Matthias: «Je mehr ich las, desto stärker war ich fasziniert. Nicht nur von dem Mann, sondern auch von seiner Zeit, von der Helvetik bis hin zur Gründung des Bundesstaates.

Zschokke war immer mitten drin im Geschehen, mit aufklärerischem Impetus. Die Schweiz ist heute das, was sie ist, weil damals Leute wie Zschokke, Pestalozzi oder Stapfer an ihrer Vorstellung von Freiheit und Gleichheit festhielten und in diese Richtung agitierten», sagt Matthias.

Was für eine Art Film soll es werden, ein Dokumentar- oder ein Spielfilm? Adrian spricht von «einer Mischung von beidem – und zwar – wenn ich so unbescheiden sein darf – eine völlig neuartige. Ich versuche, eine Bildsprache zu finden, wo Matthias dann die Spielszenen mit den dokumentarischen verschmelzt». Matthias fügt an: «Die Leute, die auftreten, haben gelebt und sprechen Originaltexte. Es gibt aber kaum dokumentarisches Bildmaterial von ihm. Ich möchte eine Figur schaffen, welche sich dem Zuschauer aus sich heraus einprägt.»

Ein Familientag wie früher mit fast 200 Verwandten

Damit ist aber das Rätsel um den Frühstart des Zschokke-Jubiläums bereits am 1. Dezember 2019 noch nicht gelöst. Die Lösung: Die beiden riefen zu einem «Zschokke-Tag», wie er früher üblich war, und fast 200 Verwandte meldeten sich an. Und dabei, am 1. Dezember im Kultur- und Kongresszentrum Aarau, soll rund ein Viertel des Zschokke-Films entstehen.

Adrian: «Der 1. Dezember ist der wichtigste dokumentarische Teil des Films. Wir haben ein sorgfältig orchestriertes Programm zusammengestellt, Historiker treten ebenso auf wie Kulturschaffende. Und wir drehen diese Auftritte, aber auch das Publikum, das zusammengeströmt ist, um den berühmten Vorfahren näher kennenzulernen.»

Der Film soll 90 Minuten dauern, wie ein richtiger Kino-Film eben, er ist von Anfang an für die grosse Leinwand und nicht nur den Bildschirm konzipiert. Eine so «grosse Kiste» kostet Geld, das Budget beläuft sich auf rund 1,7 Millionen Franken. Matthias und Adrian Zschokke gehen alle grossen Filmsubventionsquellen an, das Bundesamt für Kultur, die Filmstiftung Zürich, die Kantone Aargau, Graubünden, Basel, die Innerschweiz, die Stadt Aarau, überall eben, wo Zschokke Spuren hinterlassen hat.

Zudem haben die Brüder ein Crowdfunding-Projekt lanciert, um das breite Publikum anzusprechen. Damit soll vorab der Zschokke-Tag finanziert werden. Premiere soll der Film übrigens am 22. März 2021 haben, dem 250. Geburtstag Zschokkes.

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