Abschied
Autor Jörg Meier wird nicht nur Frau Lüscher fehlen – mit seiner Kolumne bleibt er uns aber erhalten

Der Autor der «Meiereien» geht in den Ruhestand – nach fast 35 Jahren bei der «Aargauer Zeitung». Seine Kolumne schreibt er weiter.

Toni Widmer
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Stets überzeugt von dem, was er tat, und dennoch nie arrogant: Jörg Meier wird pensioniert.

Stets überzeugt von dem, was er tat, und dennoch nie arrogant: Jörg Meier wird pensioniert.

CH Media

Es war irgendwann in einem Frühsommer Ende der 80er-Jahre. Wir befassten uns auf der Lokalredaktion des «Badener Tagblatts» in Wohlen mit dem bevorstehenden Sommerloch. Davor haben wir uns Jahr für Jahr gefürchtet, um ein paar Wochen später festzustellen, dass es erneut lediglich in unseren Köpfen existiert hat.

Ressortleiter Jörg Meier (-jm-) hatte eine zündende Idee für eine ganze Seite: «Wir lassen den Fotografen Felix Wey 24-mal die Wohler Bahnhofsuhr fotografieren. Immer zur vollen Stunde, aber einmal zwei Minuten vorher.» Jörg Meier hatte ab und an solche Einfälle. Und weil da Widerspruch zwecklos war, mimten wir auch diesmal absolute Begeisterung.

Seine Seite sorgte für Begeisterung und Empörung

Felix Wey knipste die erwünschten Fotos und wir teilten eine Zeitungsseite in 25 Felder ein. Auf 24 Feldern war die Wohler Bahnhofsuhr abgebildet, im letzten Feld stand «Nichts los im Freiamt.» Die Seite sorgte gleichermassen für Begeisterung und Empörung. Nicht nur bei unseren Leserinnen und Lesern, sondern insbesondere auch in der Chefetage.

Jörg Meier machte das, wofür ich ihn in unseren vielen gemeinsamen Jahren beim «Badener Tagblatt» und der «Aargauer Zeitung» immer bewundert habe: Er nimmt Kritik sehr ernst, bleibt dabei aber stets gelassen und gewinnt ihr das Positive ab. Von der umstrittenen Bahnhofs-Uhr-Seite liess er ein paar Dutzend Hochglanz-Plakate drucken.

Sein Team hat er stets an der langen Leine geführt, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die nötigen Freiheiten gelassen.

Die konnte man dann auf unserer Redaktion für ein paar Franken kaufen. Der Chefredaktor bekam ein Exemplar geschenkt und auf der Redaktion sind wir tatsächlich ein paar Plakate losgeworden. Wer letztlich für das Defizit aufgekommen ist, weiss ich bis heute nicht.

Jörg Meier war anders als die anderen

Diese kleine Geschichte ist mehr als eine Erinnerung. Sie ist Jörg Meier.

Er war für mich immer etwas anders als die anderen: Intellektuell, ohne abgehoben zu wirken; überraschend und humorvoll, ohne sich dauernd selber auf die Schenkel klopfen zu müssen; ehrlich und direkt, ohne zu verletzen; stets überzeugt von dem was er tat und dennoch nie arrogant.

Er brachte frischen Wind und seriösen Journalismus

Am 1. Februar 1985 hat der Phil Einser und ehemalige Bezirkslehrer seine Stelle beim damaligen «Badener Tagblatt» in Wohlen angetreten. Das BT war für die Region neu, es gab nur wenige Abonnenten. Wollte man bestehen, musste man versuchen, Leserinnen und Leser vom «Freiämter Tagblatt» (Regionalausgabe des «Aargauer Tagblatts») zu gewinnen.

Von 1987 bis 1999 hat Jörg Meier die Redaktion Wohlen geleitet und es verstanden, die Zeitung mit guten Ideen, frischem Wind und seriösem Journalismus in der Region zu etablieren. Manchmal konnten wir bei wichtigen Themen die Meinungsführerschaft übernehmen, die Leserzahlen stiegen kontinuierlich an. Sein Team hat er stets an der langen Leine geführt, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die nötigen Freiheiten gelassen und damit erreicht, dass sie für ihn, beziehungsweise für das «Badener Tagblatt», durchs Feuer gegangen sind. Entsprechend war ihre Motivation und Leistung.

Verantwortlich für die Nachwuchsförderung

Das hat man auch in der Chefetage in Baden bemerkt und ihn im Frühling 1999, zweieinhalb Jahre nach der Fusion von «Aargauer Zeitung» und «Badener Tagblatt», in die Redaktionsleitung berufen. Auf der Freiämter Redaktion war man darüber zwar nicht gerade glücklich. Doch immerhin hatte man mit -jm- jetzt einen Kollegen ganz oben, dessen Herz nach wie vor (auch) für den schwarzen Erdteil im Aargau schlug.

Hunderte dieser Kolumnen hat Jörg Meier ab 2009 geschrieben, Frau ­Lüscher, Polderhorn und Schwaderloch im ganzen Kanton bekanntgemacht.

Als Leiter Regionen war Jörg Meier unter anderem für die Nachwuchsförderung in der AZ verantwortlich. Noch heute schwärmen viele jüngere Journalistinnen und Journalisten von seinen unkonventionellen Methoden, mit denen er sie förderte und von dem, was er ihnen an Fach- und anderem Wissen mit auf ihren Weg gegeben hat.

Auch in seiner Zeit in der Redaktionsleitung hat Jörg Meier jedoch nicht nur «gescheffert», sondern vor allem auch geschrieben. Und das auf hohem Niveau: «Sorgsam ausgewählt, brillant geschrieben und attraktiv zum Lesen» – so hat beispielsweise 2008 eine Fachjury seine Artikelserie «Das wahre Leben» über Menschen aus dem Lokalbereich – bewertet und ihn mit dem ersten Platz im BZ-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet.

Hunderte Kolumnen hat er geschrieben

Jörg Meier hat in der Folge nicht nur weitere Auszeichnungen als Journalist, Autor und/oder Drehbuchautor erhalten. Er hat als Lektor und Mentor im Hintergrund ab und an auch entscheidend dazu beigetragen, dass andere Kolleginnen oder Kollegen aus den Reihen der AZ-Redaktion Journalistenpreise gewinnen konnten. Dann kamen die «Meiereien».

Hunderte dieser Kolumnen hat Jörg Meier ab 2009 geschrieben, Frau ­Lüscher, Polderhorn und Schwaderloch im ganzen Kanton bekanntgemacht und auch polarisiert und viele Leserreaktionen ausgelöst. 450 Mails gab es nach dem legendären «Büsi und drunder», über zwei Kilo Weihnachtsguezli bekam er nach seiner humorvollen Abhandlung über das Backen von Brunsli zugeschickt.

Auf die «Meiereien» müssen seine Leserinnen und Leser zum Glück nicht verzichten.

Für mich ist bis heute kaum nachvollziehbar, dass diese Kolumne, die jahrelang täglich erschienen ist, von einem auf den anderen Tag auf noch eine Spalte pro Woche reduziert worden ist. Das, obwohl zuvor eine wissenschaftlich fundierte Leser­befragung der AZ ergeben hatte, dass die «Meiereien» die mit Abstand am meisten gelesenen Texte in dieser Zeitung waren. Vielleicht hat ja gerade diese Erhebung den Ausschlag zur Rückstufung gegeben: Wer (zu viel) Erfolg hat, muss sich um die Neider nie sorgen.

Die Meiereien schafften es auch auf die Bühne

Jörg Meier blieb gelassen. Und investierte statt in die «Meie­reien» noch vermehrt in seine privaten Projekte. Er schrieb erfolgreich Texte für Theater und Freilichtspiele, tourte – ebenfalls erfolgreich – mit den «Meie­reien» über Aargauer Kleinbühnen und veröffentlichte mehrere Erzählungen in Buchform. Auch die «Meiereien» gibt es gebunden, das kleine Werk ist 2012 zum Jubiläum «1000 Meiereien» erschienen.

In den letzten fünf Jahren war Jörg Meier bei der «Aargauer Zeitung» als Autor im Ressort Aargau tätig und kehrte dabei ein Stück weit zurück zu seinen Wurzeln. Auf seine bedächtige, stets seriöse Art verfolgte und kommentierte der ehemalige Bezirkslehrer fortan – unter anderem – die Entwicklung der Schule Aargau.

Nach 34 Jahren und 10 Monaten beim «Badener Tagblatt» und der «Aargauer Zeitung» hat Jörg Meier heute seinen letzten Arbeitstag. Im Vergleich zu unserer gemeinsamen Zeit in Wohlen ist es jetzt umgekehrt: Jörg Meier ist etwas früher als ich zur AZ gekommen und geht etwas später. Ich bin mir sicher, es gibt – neben Frau Lüscher – viele Leserinnen und Leser, die seine elegante und gefühlvolle Feder vermissen werden. Auf die «Meiereien» müssen sie zum Glück nicht verzichten.

Den Kolleginnen und Kollegen im News-Room in Aarau wird vor allem auch (der) Mensch Meier fehlen.

Meister der Lakonie – Worte des Verlegers Peter Wanner

Rund 35 Jahre hat Jörg Meier bei BT, AZ und CH Media verbracht und dabei allerlei erlebt, Aufbruchstimmung und Sparrunden, Schönes und weniger Schönes. Für seine Treue zu unserem Blatt und zum Lokaljournalismus möchte ich ihm an dieser Stelle ganz herzlich danken.

Ich mag mich noch gut an das Anstellungsgespräch erinnern, im 10. Stock des BT-Hochhauses. Er sei vielleicht nicht der typische Journalist, nicht der rasende Reporter, sagte er, sondern vielmehr an Geschichten interessiert, an Geschichten, die das Leben so schreibt. Das war genau das, was es damals brauchte.

Darüber hinaus wollte ich ihn unbedingt verpflichten, weil ich einige Artikel von ihm schon gelesen hatte und wusste: Der Mann kann exzellent schreiben. Einfach und klar, treffend und lakonisch, augenzwinkernd und mit Freude an der Pointe.

Es galt damals, den legendären Franz Schmid zu ersetzen, ein pensionierter Dorfschullehrer, Wohler Urgestein. So einmal pro Monat gab’s einen Franz- Schmid-Artikel im Blatt, ein kleines Kunstwerk, an dem er lange feilte, und ganz Wohlen las dann diesen Artikel.

Jogi, so nennen sie ihn in Wohlen, war sozusagen sein legitimer Nachfolger, konnte ebenso gut schreiben, nur mit dem feinen Unterschied, dass man ihn im Blatt viel öfter zu lesen bekam. Dank Jogi und seinem Team konnte das BT im Freiamt so richtig Fuss fassen. Und Frau Lüscher wurde im ganzen Kanton bekannt.

Er hatte aber noch ganz andere Talente, war nebenbei Autor von Theaterstücken und führte gleich selber Regie. Unvergessen die Freilichtspektakel im Freiamt, im Sädel und in Anglikon. Alles mit Laienschauspielern, die riesig den Plausch hatten, da mitzumachen. Freiämter Kultur und Geschichte. Es war Schabernack vom Feinsten, immer lustig und witzig, aber nie billiger Klamauk.

Ich habe mich oft gefragt, was denn das Besondere an Wohlen ist, warum dieses «Kaff» immer wieder Originale und spezielle, eigenartige Typen hervorbringt: Peach Weber, Seven, Philip Gallicia und eben auch Jörg Meier.

Und sie kommen nicht nur aus dem künstlerischen Bereich: Philipp Bruggisser (ex Swissair), Cédric Wermuth, Jean-Pierre Gallati und Bundeskanzler Walter Thurnherr sind alle Wohler.
Vielleicht erklärt uns das Besondere am Wohler Biotop einmal Jörg Meier.

Für die Zukunft wünsche ich ihm alles erdenklich Gute und hoffe natürlich auf weitere Zugaben aus seiner Feder – und auf viele «Meiereien».

Peter Wanner, Verleger