In Ehrendingen ist am Samstag ein 92-jähriger Mann bei einem tragischen Unfall schwer verletzt worden. Er hatte auf der Höhe einer Bushaltestelle die Strasse überqueren wollen und war dabei von einem 76-jährigen Autofahrer übersehen und angefahren worden. Laut Zeugen herrschten am Unfallort prekäre Sichtverhältnisse. Es war stockdunkel und im Regen spiegelte sich das Licht vom Asphalt. Das Unfallopfer hatte die Strasse zudem nicht auf, sondern einige Meter neben dem Fussgängerstreifen überquert. Trotzdem wurde dem Autolenker der Führerausweis entzogen.

Eine vorsorgliche Massnahme aufgrund des fortgeschrittenen Alters des Lenkers? «Das Alter hat den Entscheid sicher beeinflusst», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei, «der Autolenker ist wegen mangelnder Aufmerksamkeit und Nichtanpassens der Geschwindigkeit an die Witterungs- und Sichtverhältnisse angezeigt worden und das Unfallopfer hat schwere Verletzungen erlitten. In einem solchen Fall wird der Führerausweis meistens im Sinne einer Sofortmassnahme abgenommen.»

Aufmerksamkeit oberste Pflicht

Ausweis weg, obwohl hier offensichtlich der Fussgänger und nicht der Autofahrer den Vortritt missachtet hat? «Ja», sagt Graser. Es sei zwar richtig, dass der Fussgänger nur auf dem Fussgängerstreifen vortrittsberechtigt sei. Das bedeute nicht, dass Autofahrer einfach drauflosfahren können. Massgebend ist eine Grundregel im Strassenverkehrsgesetz: «In Artikel 26 steht, dass sich im Verkehr alle so verhalten müssen, dass sie andere weder behindern noch gefährden. Und weiter, dass nicht nur gegenüber Kindern, gebrechlichen und alten Leuten besondere Vorsicht geboten ist, sondern auch dann, wenn Anzeichen dafür bestehen, dass sich ein Strassenbenützer falsch verhält.» In Artikel 33 SVG sei weiter festgehalten: «Den Fussgängern ist das Überqueren der Fahrbahn in angemessener Weise zu ermöglichen.»

Generell lasse sich sagen, dass vom Autofahrer als dem stärkeren Verkehrsteilnehmer eine besondere Verantwortung gegenüber dem schwächeren Verkehrsteilnehmer gefordert sei, erklärte Graser. In gewissen Situationen könne dieser Grundsatz dem Autofahrer tatsächlich zum Nachteil gereichen. So dürfe dieser nicht damit rechnen, grundsätzlich von Schuld und Strafe freigesprochen zu werden, wenn ihm – beispielsweise – jemand direkt vor sein Auto renne. «Nach wie vor muss man mit einem Fahrzeug auf der überblickbaren Strecke anhalten können.» Diese Vorschrift würde von den Strafbehörden gelegentlich sehr eng ausgelegt, spricht der Kapo-Mediensprecher aus Erfahrung.

Betrunkener auf der Autobahn

Wie eng, das belegt die Gerichtspraxis. In der Region Aarau erinnert man sich an einen Fall in Rombach. Dort hatte eine angetrunkene Automobilistin einen Mann überfahren und tödlich verletzt, der um 2 Uhr nachts stockbetrunken auf der Fahrbahn gelegen hatte. Die Frau war zu 12 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt worden.

Mit 14 Tage Gefängnis bedingt wurde jener Autofahrer bestraft, der – ebenfalls in der Nacht – einen Mann angefahren und getötet hatte, der sich total betrunken auf der Autobahn «schlafen» gelegt hatte.

Bestraft wurde auch ein Lastwagenfahrer, der an der grünen Ampel losgefahren war und jenen Fussgänger nicht bemerkt hatte, der bei Rot aus dem toten Winkel kommend vor den Lastwagen gerannt war.

Eine bedingte Gefängnisstrafe kassierte ein Autolenker, weil er eine Frau angefahren hatte. Diese war unvermittelt hinter einem Bus hervor auf die Strasse getreten, rund 15 Meter neben dem Fussgängerstreifen.