Rothrist
Autobahn wurde rund ums Haus gebaut – heute hat er den Frieden im Paradiesli

Der Familie Iseli in Rothrist wurde die Autobahn rund ums Haus herum gebaut. Ein Besuch im Garten.

Mario Fuchs
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Fritz Iseli wurde die Autobahn um das Haus gebaut

Fritz Iseli wurde die Autobahn um das Haus gebaut

Mario Fuchs

Wer einmal den Autobahnanschluss Rothrist benutzt hat, kennt Fritz Iselis Haus, ohne es zu wissen. Es ist eines dieser drei Häuser direkt über der Autobahn, steht mitten in der Auffahrt Richtung Zürich respektive Ausfahrt von Härkingen her.

Und wäre es nicht von Bäumen, Sträuchern und einer Lärmschutzwand verdeckt, würde es sogar dort oben thronen. Es stand vor der Autobahn da – und dieser, als sie vor 50 Jahren gebaut wurde, im Weg.

Der Brief, der das Leben der Familie Iseli für immer veränderte, datiert vom 3. April 1968. Eidgenössische Schätzungskommission, IV. Kreis, Aarau, Einschreiben im Enteignungsverfahren, Staat Aargau, Enteigner, gegen Diverse in Rothrist, Enteignete, betreffend Nationalstrasse N 1. Die Schätzungsverhandlung wurde auf den Donnerstag, 18. April, angesetzt, «11 Uhr Augenschein an Ort und Stelle, mittags Verhandlung im Gemeindehaus Rothrist, Gemeinderatszimmer im 1. Stock, 14 Uhr evang. Brüderverein, 14.45 Werner Schindler, 15.45 Arnold, Ernst, Hans Iseli».

Für den SBB-Angestellten Ernst Iseli und seine Brüder war klar: Sie wollen bleiben. Sie hätten statt Realersatz auch Geld nehmen und in einem anderen Dorfteil neu bauen, mit Hab und Gut von der Autobahn wegziehen können. Jetzt sitzt Fritz, der Sohn von Ernst, in seinem Gartenhaus, ein Glas Mineralwasser mit Kohlensäure vor sich, und sagt: «Wieso mein Vater nicht weg wollte, kann man ihn jetzt nicht mehr fragen. Es stand einfach nie zur Diskussion.»

Es schwingt keine Reue, kein Groll, keine Wehmut mit in diesem Satz. Fritz Iseli, 65, lächelt zufrieden, bringt mit der Hand das Wasser des Biotops in Bewegung, damit sich die Goldfische zeigen. Hinter ihm ein Sitzplatz, Fahnenmast mit Schweizerfahne, Steingarten, Blumen, Gemüse, Trauben, «gits leider ned so viu das Johr, isch z’chaut gsi.»

Kanton entschädigte für Schlaf

Vater Iseli trat dem Kanton Aargau 580 Quadratmeter Hausplatz und Garten ab – hinter dem Haus, wo der Platz für den Autobahnbau benötigt wurde. Er erhielt dafür 405 Quadratmeter Hausplatz, Baumgarten, Acker und Wiese – auf der anderen Hausseite, begrenzt durch den Zubringer. Die restlichen 175 Quadratmeter wurden mit 3500 Franken vergütet, 20 Franken pro Quadratmeter. Gefällte Haselsträucher und Obstbäume, 245 Franken.

Ein Pflaumenbaum, nachträglich 30 Franken. Versetzen von Hühnerhaus und Wäschehänge, 350 Franken. Und das Zimmer, das Vater Iseli im Bifang oben bei der Schwester nehmen musste. Weil die Bauarbeiten zu lärmig waren, um als Bahnwärter im Barrierendienst zu Hause genug Schlaf zu finden, «für Zimmerentschädigung auswärts», 556 Franken 50.

Vor Fritz Iseli, auch er inzwischen pensionierter SBB-Rangierarbeiter, liegt an diesem Augustdienstag ein Fotoalbum auf dem Tisch. Er öffnet den braunen Einband, zeigt ein Bild mit schweren Baumaschinen, grad hier unten sei das gewesen. Er deutet in den Garten hinaus auf die Böschung. Den schönsten Kies hätten sie hier beim Aushub gefunden, immer näher sei der Abgrund ans Haus herangerückt. Er erinnere sich noch gut, wie der Vater dem Ingenieur Otto gerufen habe: «Nähnd doch grad alls!»

Nicht gefallen hätten ihm aber die Anordnung der March, die anzeigten, bis wohin Kies abgebaut werden durfte. Die ergäben einen krummen neuen Abschluss des Grundstücks. Eines Nachts versetzten Vater und Sohn die March. Wenn man schon zurückstecken muss, dann mindestens gerade.

Das Nickerchen im Liegestuhl

Für sie als Kinder sei die Baustelle interessant gewesen. «Bis aufs Grundwasser haben sie gegraben. Das gab einen grossen See. Im Sommer haben wir darin gebadet, und im Winter konnten wir darauf Schlittschuh laufen.» Das entschädigte für den Baulärm, den Staub bei Sonnenschein, den Dreck bei Regen. Sie hätten die Chauffeure gefragt: «Mues der öppis Znüni bringe?»

Der Büezer gab Geld, der Bub ging ins Lädeli, holte Cervelat und Brot («Sandwich hets dänk no keini gäh»). Für den Lieferservice durchs Kabinenfenster gabs ein Trinkgeld. Und als die Betonbahn fertig verlegt war, fuhren Iselis mit dem Velo darauf bis nach Hunzenschwil. Später wurde der Abgrund nebenan mit Aushub vom Autobahnbau aufgefüllt. «Wir suchten zerschnittene Telefonkabel heraus und brachten sie dem Flückiger. Das gab auch einen schönen Batzen.»

Dann kam der 10. Mai 1967, «Eröffnung der Autobahnstrecke Oensingen-Hunzenschwil». Sie seien immer in den Garten gehockt, «go luege wies louft». Mit den Jahren gab es immer mehr Menschen und Betriebe im Aargau, und damit mehr Verkehr. Als später auch der Bund bemerkte, dass es so etwas wie Verkehrslärm gibt und entschied, man müsse zwischen Autobahn und Wohnhäusern Lärmschutzwände montieren, war das in Rothrist bei Iselis nicht so einfach. Mit Maschinen kam man nicht heran. Der Deal: Vater und Sohn betonierten und zimmerten selber, mussten dafür aber keine Bewilligung einholen.

Ein Grundrauschen blieb. Merkt einer, der von Anfang an hier war, den Lärm überhaupt noch? «Ehr chönet ou vomene Bach Lärm ha», sagt Iseli und schüttelt schmunzelnd den Kopf. Am Wochenende, ohne Lastwagen, sei es fast schon ruhig. Im Frühling freue er sich jeweils auf das neue Laub der Bäume. Das dämpfe. «Die gescheiten Leute sagen in ihren Studien zwar, das nütze nichts. Ich sage, es nützt.» Jetzt im Sommer mache er sein Nickerchen im Liegestuhl im Garten. Überhaupt könne er in diesem Paradiesli machen, was er wolle. «Do hani mi Friede. Do gohni nid ewäg!»

Und wenn Fritz Iseli und seine Frau manchmal doch etwas genug vom Rauschen haben, fahren sie auf der Autobahn nach Interlaken in ihr Ferienstudio.

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