Senioren am Steuer haben es im Aargau besonders schwer, berichtete letzte Woche «10 vor 10». Der Kanton entziehe mit Abstand am meisten Führerausweise von über 70-Jährigen aus medizinischen Gründen – 1129 oder 25 Prozent der Entzüge schweizweit.

Zudem wurde die Praxis verschärft: Innert fünf Jahren verdreifachte sich die Zahl solcher Billettentzüge. Aargauer Senioren waren entrüstet, nannten es Schikane und Diskriminierung der Alten (az vom 31. Mai). Sie fordern mehr Verhältnismässigkeit und eine einheitliche eidgenössische Regelung.

Laut dem zuständigen Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI) haben sich die Senioren zu früh und unnötig aufgeregt. Die zugrundeliegenden Statistiken des Strassenverkehrsamts stimmen nur bedingt. «Die Zahlen betreffen alle Führerausweisentzüge wegen Krankheit und Gebrechen», sagt DVI-Mediensprecher Samuel Helbling, «unabhängig des Alters.» Wie viele Entzüge aus medizinischen Gründen im Alterssegment über 70 erfolgten, wurde bisher nicht detailliert erhoben.

Strassenverkehrsamt Aargau entzieht den Senioren im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich viel den Führerausweis

Strassenverkehrsamt Aargau entzieht den Senioren im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich viel den Führerausweis

Medizinische Gründe im Fokus

Die Diskriminierungsvorwürfe weist das DVI zurück. «Die medizinischen Mindestanforderungen sind für alle gleich», betont Samuel Helbling, unabhängig des Alters oder des Geschlechts.

Die gesetzlichen Grundlagen wurden in den vergangenen Jahren nicht verschärft. Die hohen Zahlen erklärt Helbling damit, dass der Kanton seit einigen Jahren ein besonderes Augenmerk auf die eingeschränkte Fahrfähigkeit aus medizinischen Gründen lege.

Hintergrund: 2005 fuhr ein 82-jähriger, einäugiger Diabetiker in Brugg eine Schülerin tot. Dies führte im Aargau laut Helbling zu einer erhöhten Sensibilisierung von Hausärzten und Strassenverkehrsamt. Folglich stiegen die Zahl der gemeldeten Fälle eingeschränkter Fahrtauglichkeit.

Weiter wurde 2009 auf Basis eines Expertenberichts der Massnahmenbereich des Strassenverkehrsamts neu organisiert. Abläufe wurden angepasst und spezialisierte Fachkräfte eingestellt, die beispielsweise Polizeirapporte generell auf Auffälligkeiten bezüglich Fahreignungsmängel prüfen.

«Das ist aber eine schweizweite Praxis», betont Samuel Helbling. Die Verhältnismässigkeit sei aber zu wahren, betont Helbling. Demnach ist die Zahl der Entzüge in den letzten zwei Jahren wieder rückläufig.

Zuletzt führte der Kanton vor zwei Jahren ein Vertrauensarztsystem ein. Die medizinische Überprüfung der Fahrtauglichkeit übernehmen seither speziell geschulte Hausärzte – ein Modell, das 2015 mit «Via Sicura» schweizweit eingeführt wird.

Das 2012 beschlossene Verkehrssicherheitsprogramm des Bundes sieht verschiedene Massnahmenpakete vor. «Mit deren Umsetzung findet zudem eine generelle Sensibilisierung gegenüber fehlbaren Lenkern statt», sagt Samuel Helbling und verweist auf die nationale Vereinheitlichung. Davon seien alle Altersgruppen betroffen, viele Massnahmen zielten zudem auf eher jüngere Lenker.

CVP-Grossrat Ruedi Donat plant – jedoch noch ohne Kenntnis der neusten Fakten – heute eine Interpellation zum Thema einzureichen.