Asyl-Streit
Ausländer in Aarburg: «Ich fühle mich hier zu Hause»

Während die einen Aarburger ein Grillfest gegen Asylsuchende veranstalten, arbeiten andere im Quartierbüro daran, Berührungsängste zwischen den Schweizern und Ausländern im Städtchen abzubauen.

Aline Wüst
Drucken
Wie Ausländer in Aarburg leben
4 Bilder
Dzeevad Lukavackic mit Hund Zeus.
Carsten und Olivia mit Tochter Norissa.
Ein Quartier in Aarburg Nord: gute integrierte Ausländer.

Wie Ausländer in Aarburg leben

Jiri Reiner

Grosse Schritte macht der 16-jährige Eritreer. Er geht zur Post, verschwindet darin, kommt wieder hinaus und hält in der Hand seine Zukunft. Der Asylsuchende setzt sich nicht hin. Er liest den Brief des Kantons gehend. Es ist kurz nach neun Uhr, Donnerstag.

Am gleichen Abend werden in Aarburg über 300 Leute in eine Wurst beissen und ein Bier dazu trinken. Sie nennen den Anlass: «Grillen gegen Asylsuchende». Es ist ihre Antwort darauf, dass im Mai 90 Asylsuchende nach Aarburg kommen. Nach Angaben des Kantons werden es vor allem Familien mit Kindern sein, viele von ihnen Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg in Syrien. Ein Nachbar der künftigen Asylunterkunft kündigte bereits an, dass er eine Alarmanlage montieren werde, sobald die neuen Bewohner da sein werden.

3010 von 7221 Aarburgern sind Ausländer

In Aarburg leben viele Ausländer. Das braucht man in keiner Statistik nachzuschauen. Das ist sichtbar. Viele Frauen tragen Kopftuch, im Wohnquartier hört man fremde Sprachen. Es gibt einen türkischen Lebensmittelladen und ein eritreisches Café, morgens im Bus übt ein Sohn mit seinem Vater, Zahlen auf Deutsch richtig zu sagen.

Von den 7221 Aarburgern sind 3010 Ausländer. Zum Beispiel Caylan Fkirte mit ihren zwei Kindern. Sie kommt aus Äthiopien. Ist seit sechs Jahren hier. Sie lebt gern in Aarburg. «Ich fühle mich hier zu Hause.» Eine 28-jährige Kosovarin, die in Aarburg aufgewachsen ist, sagt, dass es schon seltsam sei, wenn es so viele Dunkelhäutige in der Nachbarschaft habe. Eine Schweizerin, die gern redet, aber doch nicht mit Namen genannt werden will, sagt: «Diese Wohnungen sind doch viel zu schön für Asylsuchende.» Heidi Zaugg von der Metzgerei im Städtli erzählt, dass sie die Asylbewerber immer am Laden vorbeigehen sehe. «Wir arbeiten den ganzen Tag und sie können den ganzen Tag rumspazieren.» Klar müssten die auch etwas machen, aber Aarburg habe doch schon genug Ausländer.

Ausländer, Asylsuchende oder einfach Menschen, die fremd aussehen – oft vermischt sich alles in diesen Diskussionen. Aarburg hat aktuell 34 Asylsuchende.

Hier sollen 90 Asylbewerber untergebracht werden.

Hier sollen 90 Asylbewerber untergebracht werden.

Raphael Nadler

Aarburg ist in zwei Zonen aufgeteilt. Aarburg Nord liegt eingequetscht zwischen den Ausläufern des Juras und der Lärmschutzwand der Bahnlinie. Es gibt viele Mehrfamilienhäuser aus den 50er- und 60er-Jahren. Sie sind in die Jahre gekommen, wurden kaum renoviert. Es ist günstig, dort zu wohnen. Gebaut wurden sie damals für Italiener, Portugiesen und Spanier. «Gute, billige Arbeitskräfte, die wir damals in die Schweiz geholt haben», sagt Gemeindeammann Hans-Ulrich Schär. Nun ist die Gegend zur finanziellen Belastung für Aarburg geworden. Denn wenn Schär von der Gettoisierung von Aarburg spricht, meint er dieses Quartier – Aarburg Nord. Auch der Gemeindeammann wohnt dort. «Noch», wie er sagt. Schon bald ziehe er in eine Eigentumswohnung in Aarburg Süd. Es ist das bessere Quartier von Aarburg.

Deutsch pauken und sich austauschen

Stolz sind viele Aarburger auf das historische Städtli. Indem man nun die Aare plätschern hört, seit es die Ortskernumfahrung gibt. Die Umfahrung war die Initialzündung für diverse Projekte zur Aufwertung von Aarburg.

Auch in Aarburg Nord tat sich was. Seit Herbst 2012 gibt es eine Anlaufstelle für Anliegen aus dem Quartier: das Quartierbüro. Es wurde zwar nach dem Beschluss der Gemeindeversammlung mit einem Referendum bekämpft. Fand dann aber an der Urne trotzdem eine Mehrheit. Der Eingang des Quartierbüros ist gleich neben dem Denner, die Räume sind im vierten Stock. Immer mittwochs am Nachmittag sind die Räume offen. Dann ist Sprachtreff. Keine Vokabeln pauken, sondern sich austauschen. Einander kennenlernen und dabei Deutsch lernen. Das Quartierbüro soll die Bewohner dabei unterstützen, ihre Ideen umzusetzen. Gestern wurde der Gemeinschaftsgarten eröffnet, dort soll gepflanzt und geerntet werden. Das Ziel von Quartierbüro-Leiterin Katrin Haltmeier: «Die Lebensqualität zu verbessern für Leute, die hier wohnen.»

Um sechs Uhr Abends spaziert das Ehepaar Scholz durchs Quartier. Er ist Deutscher, sie ist Kenianerin. Bis letztes Jahr lebte die Patchworkfamilie mit ihren Kindern in Kenia. Nun sind sie aus beruflichen Gründen nach Aarburg gezogen. Er verstehe die Schweizer und ihre Bedenken, habe aber auch gemerkt, dass die Schweizer viele Berührungsängste hätten. Seine Frau sagt: «Menschen aus anderen Ländern sind auch Menschen.»

Dzevad Lukavackic geniesst mit Hund Zeus die Abendsonne. Er kam vor 27 Jahren aus Bosnien in die Schweiz. Mittlerweile ist er Schweizer und findet: «Wenn es schlimm ist in einem anderen Land, müssen alle helfen.» Dass alle helfen müssen, findet Gemeindeammann Schär auch – «aber diesmal nicht ‹Aarbig›».

Aktuelle Nachrichten