An der Spitze von Gewerkschaften und Personalverbänden stehen in der Regel Linke – das trifft im Aargau beinahe durchwegs zu. Die prominentesten Beispiele im Kanton: Präsidentin des Dachverbandes Arbeit Aargau ist Grünen-Nationalrätin Irène Kälin; Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes ist SP-Grossrat Florian Vock; Präsidentin beim Aargauer Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD Aargau) ist die Aarauer SP-Einwohnerrätin Lelia Hunziker; Präsidentin des kantonalen Lehrerverbandes ist Elisabeth Abbassi, die einst Mitglied einer örtlichen SP war; Präsident des Verbandes Kantonspolizei Aargau ist SP-Grossrat Dieter Egli. Sie alle stehen regelmässig im Clinch mit der SVP, insbesondere wenn es um Sparmassnahmen oder Lohnfragen für das Kantonspersonal geht.

Anlass für Diskussionen

Um so überraschender kommt die Ankündigung im aktuellen Newsletter des Aargauischen Staatspersonalverbandes: «Werner Scherer kandidiert als neuer Präsident», heisst es dort, und etwas weiter unten ist nachzulesen: «Der 53-Jährige arbeitet als Gemeindeammann in Killwangen und ist zudem Grossrat für die SVP.» Ausgerechnet ein SVP-Politiker soll künftig den Verband präsidieren, der sich für die Interessen des Kantonspersonals einsetzt? Wie soll Scherer als Vertreter einer Partei, die bei der letzten Budgetdebatte eine Lohnkürzung um ein Prozent bei den Staatsangestellten verlangte, den Spagat zwischen der Parteilinie und den Anliegen des Verbandes schaffen?

SVP-Mann will ASPV-Präsident werden

SVP-Mann will ASPV-Präsident werden

Die Anliegen des Staatspersonals liegen selten auf SVP-Linie. Nun will ausgerechnet SVP-Grossrat Werner Scherrer Präsident von dessen Verband werden.

Scherer sagt, der aktuelle Präsident Ruedi Hochuli habe ihn als Nachfolger angefragt. «Nach einigen Abklärungen und Informationen organisierte der Vorstand ein Hearing. Dabei wurden mir diverse kritische Fragen gestellt, die ich offenbar überzeugend beantworten konnte», sagt der SVP-Mann. Seine Parteizugehörigkeit habe vor der Nomination im Vorstand «doch einigen Gesprächsstoff» gegeben, heisst es im Newsletter weiter. Ob er Präsident wird, entscheidet die Generalversammlung des Verbands am 17. Mai.

Scherer: «Kein Widerspruch»

Scherer hält fest, er sehe darin absolut keinen Widerspruch. «Mein Mandat als Grossrat zeigt, dass ich mich für den Kanton interessiere und einsetze. Und in meiner Gemeinde habe ich mich stets dafür stark gemacht, dass wir gute Mitarbeitende auf der Verwaltung
haben.» Es sei ihm und den Vorstandsmitgliedern bewusst, welcher Partei er angehöre und dass es seitens der SVP in der Debatte über die Löhne der Kantonsangestellten im Parlament ziemlich markante Voten gegeben habe.

«Aber das gehört zur politischen Auseinandersetzung im Kampf um tragfähige Lösungen», betont Werner Scherer. Er werde bemüht sein, «zu einer fairen und konstruktiven Kommunikation und optimalen Lösungsfindung aller Seiten beizutragen», sagt der designierte Präsident diplomatisch. Scherer hält aber fest: «Ich werde mich nicht scheuen, die Interessen des Personalverbandes im Grossen Rat zu vertreten.» Auch als Gemeindeammann in Killwangen vertrete er schliesslich die Interessen der ganzen Gemeinde und nicht nur jene der SVP-Mitglieder.

Vor der Lohndebatte im Kantonsparlament werde er sich über die Vorstellung der Mitglieder informieren, diese eingehend im Vorstand besprechen und den Entscheid entsprechend vertreten. Wie sich Scherer selber in der Lohnfrage positioniert, lässt sich indes nicht feststellen: Bei der letzten Budgetdebatte im November 2017, als Varianten zwischen dem SVP-Antrag einer Nullrunde und dem Regierungsvorschlag von plus 1 Prozent für das Personal zur Auswahl standen, stimmte der SVP-Grossrat nicht mit.

Chance für die SVP?

Die Höhe des Lohnes sei im Übrigen nicht das einzige Element, das einen guten Arbeitsplatz ausmache und die Zufriedenheit garantiere. «Das Staatspersonal im Aargau hat insgesamt gute bis sehr gute Arbeitsbedingungen. Ausserdem muss es nicht wie viele andere Arbeitnehmende darum bangen, ob Ende Monat der Lohn auch auf dem Konto ist», hält Werner Scherer fest.

Er sieht sein Engagement für das Aargauer Staatspersonal auch als grosse Chance für die SVP. «Indem ich näher an den Mitarbeitenden der kantonalen Verwaltung dran bin und mich eingehend mit ihren Anliegen befasse, kann ich in meiner Partei zu einem differenzierten Verständnis des Staatsapparates beitragen.» Scherer bezeichnet sich als mutigen Mann, der den Kampf mit der Regierung zwar nicht suche, ihn aber keineswegs scheue. «In diesem Sinn werde ich die Politik meiner Vorgänger, kritische Fragen zu stellen und den Finger auf Punkte legen, die vielleicht dem einen oder anderen unangenehm sind, fortsetzen», kündigt er an.

SVP-Fraktionschef: «Er bringt sich selber in eine delikate Situation»

Jean-Pierre Gallati, Fraktionschef der SVP im Grossen Rat, ist im Kantonsparlament praktisch Vorgesetzter von Werner Scherer. Gallati sagt auf Anfrage der AZ, Scherer habe ihn über seine Absicht, Präsident des Kantonspersonalverbandes zu werden, nicht informiert. «Ich
habe erst am Montag von Journalisten davon erfahren», sagt er. Gallati hält fest, Scherer bringe sich selber in eine delikate Situation. Scharf kritisieren mag der Fraktionschef seinen SVP-Kollegen aber nicht. «Das ist Teil einer trojanischen Strategie: Zuerst übernimmt die SVP mit Werner Scherer den Kantonspersonalverband, danach mit Martin Keller den VCS Aargau, mit Benjamin Giezendanner den Aargauischen Gewerkschaftsbund und mit Andreas Glarner schliesslich Integration Aargau», sagt Gallati ironisch.

Weiter äussert sich der SVP-Fraktionschef, der 2017 eine Nullrunde bei den Löhnen der Kantonsangestellten und die Kürzung des Personalbestands um 10 Prozent verlangte, nicht zu entlocken. Werner Scherer hält derweil fest: «Eine Parteilinie ist eine grundsätzliche Richtung, um die Ziele, die wir anstreben, zu erreichen.» Aber eine Linie sei nicht automatisch eine Gerade oder ein Fahrstreifen, der nicht verlassen werden dürfe. «Auch in der SVP darf man die Frage stellen, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist.»