Nightlife-Reportage

Ausgehen im Aargau: Der grosse Städtevergleich zwischen Baden und Aarau

Eine Einwohnerrätin kritisierte, Aarau habe kein Nachtleben mehr. Kommen die Jungen in Baden wirklich mehr auf ihre Kosten im Ausgang als in Aarau? Wir machten den Städte-Vergleich, sprachen mit Klubbetreibern und stürzten uns ins Nachtleben.

Ich habe gehört, Baden sei die Schlafstadt von Zürich. Stimmt das?», fragt Reverend Beat-Man in den prall gefüllten Saal im Royal und erntet sogleich Buhrufe. Die Grösse des Badener Egos ist nicht zu unterschätzen, vor allem wenn es um die angebliche Kulturstadt und die Unabhängigkeit von Zürich geht. Und mit seinem Satz drückt der selbst ernannte «primitive Rock-’n’-Roll-Priester» genau in die Wunde: Die Vielfalt im Badener Nachtleben ist jetzt schon dünn. Was ist, wenn nächstes Jahr auch das Royal schliesst?

Merkker, Inox, Forum Claque, Herbert, Theater am Brennpunkt, Halle 36, Kleiderfabrik, Seerose, Ruum; vor meiner Zeit Falken, Kornhaus oder Bauzone – die Liste der Lokale, die es nicht mehr gibt, ist lang. Alte Brachen, in denen Subkultur zelebriert wird, gibt es in Baden kaum mehr; und auch woanders nicht. Reverend Beat-Man: «Wenn ich viel Geld hätte, würde ich das Royal samt seinen Betreibern aufkaufen und zu mir nach Bern übersiedeln – damit dort endlich wieder etwas läuft.»

Nordportal: Kaum Besucher

Bevor ich in das schweisstriefende Rock-Konzert im Royal hineingerate, starte ich meine Tour durchs Badener Nachtleben im Nordportal, anderthalb Kilometer vom Zentrum entfernt. Die aufstrebende Soul-Musikerin Emilia Anastazja hat dort ein Konzert. Ihre Lieder sind herzerwärmend, ihre Stimme sanft und doch mitreissend. Es ist ein zweifellos schönes Konzert – doch erleben tun dieses nur wenige: Die Zuschauer kann man an einer Hand abzählen.

Einen unbekannten Act an einem Freitag um 20.30 Uhr in einem Lokal am Rande der Stadt spielen zu lassen – das ist in Baden ein mutiges Unterfangen. Über die wenigen Konzertbesucher sagt Nordportal-Leiterin Muriel Peterhans vor Ort: «Man darf gar nicht daran denken, sonst zerbricht es einem das Herz.» Später findet im Nordportal eine Party für Über-25-Jährige statt, die scheinbar gut besucht sein wird. Meine To-do-Liste an dem Abend ist aber lang, in der Konzertpause haue ich deshalb ab in Richtung Werkk – des neuen, von der Stadt getragenen Jugendkulturlokals, nur 150 Meter weiter in Richtung Zentrum gelegen.

Werkk gemütlich, Altstadt laut

Im Werkk ist an diesem Abend nur die Bar offen. Umso mehr überrascht es, dass ich dort einige Gäste mehr vorfinde als soeben im Nordportal. Die Stimmung ist locker, der Groove des alten Merkker scheint dort tatsächlich weiterzuleben. Ich beginne mit den Mädels an der Bar zu plaudern, es entstehen gute Gespräche. Am Schluss bleibe ich viel länger als geplant.

Um dann in die Innenstadt zu gelangen, bin ich aufs Velo angewiesen. Knapp einen Kilometer später erreiche ich das Royal. Nach einer geballten Ladung Rock ’n’ Roll gehts für mich weiter in Richtung Altstadt. Schon am Bahnhof begegne ich den ersten Teenies, die mit ihren Handys laut Musik hören und, falls noch nicht angetrunken, auf jeden Fall gut gelaunt scheinen. Das LWB ist wegen Umbaus noch zu, nebenan vor dem «Laden 5» breitet sich das Partyvolk wie gewohnt auf den gesamten Tunnel unter der Bahnlinie aus. Es wird gequasselt, gelacht – und draussen eben vor allem geraucht. Ein paar Meter weiter vorne, vor dem «Time», ein ähnliches Bild: Hier trifft sich das Partyvolk auf einen oder mehrere Drinks, den einen oder anderen wird es später in die Clubs weiterziehen.

Kiste: Endlich ein richtiger Club

Die Bars in Baden konzentrieren sich vor allem auf die Achse Schlossbergplatz–Mittlere Gasse, mit einzelnen Lokalen noch in der Unteren Halde oder der Rathausgasse. Weil ich mir vor allem die Clubs anschaue, führt mein Weg an «Nouba», «Zäni» und den anderen Beizen vorbei in Richtung «Kiste», des Badener Clubs für elektronische Musik.

Es ist das erste Mal, dass ich da hingehe, seit das Lokal nicht mehr Ventil heisst. Und mein erster Eindruck überrascht mich durchweg positiv: «Doch, das ist endlich mal ein richtiger Club», denke ich mir, als ich an dem roten, fast ans Rotlichtmilieu anmutenden Eingangsbereich vorbeilaufe und sozusagen «in die Kiste steige». Drinnen treffe ich auf ziemlich dunkle, teilweise asiatisch eingerichtete Räume mit roten oder blauen Lichtspots, Discokugeln und diversen anderen glitzernden Gegenständen. Der Tanzbereich wird von kleinen Kammern umgeben, jeweils mit Sitzkissen zum Verweilen oder einige Momente lang ganz Verschwinden. Die Musik ist düster und lädt ein, in träumerische Welten abzutauchen und dahinzuschweben. Allgemein denke ich mir: Diese «Kiste» ist schon ein richtiges Loch. Jedes Wochenende muss ich mir das nicht antun, aber falls ich mal Lust darauf habe, dem Alltag so richtig «adieu» zu sagen, ist es gut zu wissen, dass es in Baden so einen Ort gibt. Solche echten Clubs sind denn auch das, was man im Ausgang in Zürich sucht.

Um vier Uhr macht die «Kiste» dicht. An die Afterparty im Moonlight, dem noch tieferen Ausgangsloch Badens, mag ich nicht mehr; da reicht mir der tiefe Graben der Baustelle beim Schulhausplatz nebenan schon. Zudem muss ich am Abend noch fit sein für Aarau.

Aarau – Teil zwei der Tour

Beginnen tue ich den Abend an einer Hausparty im Gönhard-Quartier. Und dort diskutieren meine Aarauer Freunde, ob es nicht unfair sei, dass ich als Badener das Nachtleben in Aarau quasi bewerten gehe. Weil ich aber seit einigen Jahren in der Kantonshauptstadt aktiv bin, halte ich mich für ideal dafür. Einen Tipp geben sie mir dann noch auf dem Weg: Ich soll mir unbedingt die «Bar im Stall» anschauen gehen. In der war ich tatsächlich noch nicht.

Als ich aber dort ankomme, ist sie bereits zu. Dafür ist nebenan im «Penny Farthing»-Pub etwas los. Überhaupt hat Aarau, was die Bars betrifft, mächtig zugelegt. Auch zum Leid des einen oder anderen Bewohners verwandelt sich die Altstadt jedes Wochenende in einen heiteren, lebendigen Kessel, in dem einige Beizen auch einen kleinen Dancefloor unterhalten. Zwar fehlen die grossen Clubs KBA oder Opium nach wie vor, doch barmässig schlägt Aarau Baden in der konzentrierten Menge, vielleicht auch in der Vielfalt.

KiFF: Gut, aber nischenlastig

Ich knöpfe mir dann die Clubs vor, angefangen beim KiFF, dem Kulturlokal in der Telli. Im Saal im Obergeschoss treffe ich auf harten, intensiven Drum ’n’ Bass, unter anderem vom britischen DJ Inside Info. Für Personen aus der Szene scheint der dunkle Saal mit den Laserprojektionen und der lauten Musik wie der Himmel auf Erden: Sie tanzen energisch, geben sich der Musik richtig hin. Inmitten der Tanzwütigen treffe ich einen Freund aus Basel, der eigens für die Party nach Aarau gefahren ist.
Im Erdgeschoss im Foyer dann ein kompletter Szenenwechsel: Eine Gothic-Party. Alle Gäste kommen hier schwarz gekleidet als fabelhafte Wesen daher. Männer etwa als Vampire in langen Gewänden, Frauen als burleske, schwarze Prinzessinnen, teilweise in Strapsen und Korsett. Sie tanzen baumelnd hin und her, singen die deutschen Liedtexte über Liebe und Abgrund mit. Vor der Bühne sitzt als Dekoration ein Skelett. Diese schwarz gekleideten, angeblich böse anmutenden Menschen sind mir sofort sympathisch. Es ist toll, dass diese Nischen in einer kleinen Stadt wie Aarau bedient werden.

Flösserplatz schwach, Boiler 08/15

Dies ist denn auch bitter nötig, fehlt doch auch in Aarau immer mehr der Platz für die Subkultur. Mit den Abrissen im Torfeld Süd fehlen spürbar etwa das Atelier Bleifrei, die Partys im «Rolling Rock» oder der Zoo Club. Letzterer feiert ausgerechnet an dem Abend eine Erinnerungsparty im Jugendkulturhaus Flösserplatz. Diese verspricht viel – einhalten tut sie aber nur wenig. Zu viele Gäste stehen lieber im Saal herum und reden, zu wenige tanzen zum Electrosound, der den früheren Zoo Club ausgemacht hatte. Den angeblich legendären Zoo-Partys wird das kaum gerecht.

Bald schon führt meine Tour weiter in den letzten Club: Den «Boiler» an der Aarauer Rathausgasse. Es ist bereits drei Uhr, der Dancefloor vielleicht deshalb schon ziemlich leer – was je nachdem auch gut ist, denn der Club hat seinen Namen ja nicht von irgendwoher. Schwitzen tut man im «Boiler» heute also nicht. Keiner ist hier besonders chic gekleidet, aus den Boxen dröhnen Songs von Michael Jackson oder eine Cover-Version von «I’m so excited». An diesem Abend zeigt sich der «Boiler» mit seinem breiten Pop-Spektrum als krasser Gegenteil zum KiFF, ähnlichstes Pendant in Baden wäre wohl das LWB.

And the winner is ...

Mein Fazit über das Nachtleben fällt klar aus: Was die Clubs betrifft, hat Baden die Nase vorn. Doch Baden muss aufpassen: Verliert es nächstes Jahr das Royal, wird ein wichtiger Kulturschuppen für die Ü30-Generation fehlen. Aarau kann im Gegenzug ein bis zwei neue Clubs gut gebrauchen – oder hat sie gar dringend nötig.

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