Windisch/Büsserach

Ausbruch von Karl J.: Sicherheitslücken in Königsfelden

Die Polizei sucht nach Karl J.. Der Mann, der seinen Bruder umgebracht hat, entwich aus der geschlossenen Abteilung in Windisch. Dort offenbaren sich Sicherheitslücken.

Am Mittwochmorgen um 5.10 Uhr ging der Notruf bei der Kantonspolizei ein. Zwei Männer sind aus der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Windisch entwichen. Die Kantonspolizei leitete sofort eine Fahndung ein. Im Laufe des Vormittags konnte einer der Flüchtigen in einem Nachbarkanton angehalten werden. Von Karl J., der seinen Bruder im Wahn erschoss, fehlt allerdings weiterhin jede Spur.

Die Polizei bittet Personen, die Angaben über seinen Aufenthaltsort machen können, sich unter der Notrufnummer 117 zu melden. Sie sollten nicht versuchen, Karl J. auf eigene Faust anzuhalten. Der heute 52-Jährige hat 2013 in Büsserach im Kanton Solothurn seinem Bruder mit einer Schrotflinte in den Bauch geschossen und ihn so schwer verletzt, dass dieser noch am gleichen Tag starb.

Massnahme statt Gefängnisstrafe

Im Juli 2015 musste sich J. vor dem Amtsgericht Thierstein-Dorneck verantworten. Laut psychiatrischem Gutachten leidet er unter paranoider Schizophrenie, weshalb ihn das Gericht für die vorsätzliche Tötung seines Bruders als schuldunfähig erklärte. Er habe diesen im Wahn erschossen. Statt einer Gefängnisstrafe ordnete das Gericht eine stationäre Massnahme an.

Gegen das Urteil wehrte sich J. ohne Rechtsbeistand bis vor Bundesgericht. Er wollte ins Gefängnis. Er sei nicht schuldunfähig und habe in Notwehr gehandelt. Die Richter in Lausanne konnten seine Argumente allerdings nicht nachvollziehen. Sie wiesen seine Beschwerde im März 2017 ab.

Obwohl J. im Kanton Solothurn wohnte und ihm dort der Prozess gemacht wurde, befand er sich im Aargau in der stationären Massnahme. Das sei nicht untypisch, sagt Peter Wermuth, Chefarzt und Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie der PDAG: «In der Klinik werden kantonale und ausserkantonale Massnahmepatienten behandelt.» Samuel Helbling, Mediensprecher beim zuständigen Departement Volkswirtschaft und Inneres, sagt: «Wer wo untergebracht wird, ist abhängig von den Sicherheitsanforderungen und davon, wo es gerade freie Plätze hat.»

Doppelt gesicherte Abteilung

In Windisch befand sich Karl J. auf einer geschlossenen forensischen Massnahmeabteilung. «Diese Stationen verfügen über eine Innen- und eine Aussensicherung», sagt Wermuth. Die Innensicherung erfolge in Form eines Doppelschleusensystems. «Der Patient kann dieses ohne entsprechende Badges oder Schlüssel nur mit Gewaltanwendung durchdringen – und nicht, ohne Aufmerksamkeit zu erregen», sagt der Chefarzt. Die psychiatrische Klinik ist mit Fenstern aus doppeltem Sicherheitsglas ausgestattet, die sich laut Wermuth nicht öffnen lassen. Ausserdem verfüge die geschlossene Abteilung über einen gesicherten Innenhof.

Wie genau es J. und dem zweiten Ausbrecher gelungen ist, am Mittwochmorgen aus der Klinik zu flüchten, ob sie gewaltsam vorgingen und dabei gar jemanden verletzt haben, kann die PDAG mit Verweis auf das ärztliche Berufsgeheimnis sowie die laufenden Ermittlungen nicht sagen.

Nicht der erste flüchtige Mörder

Der Fahndungsaufruf der Kantonspolizei Aargau ist nicht der erste seiner Art. Im Mai 2016 brach der damals 22-jährige Kris V. aus der Klinik Königsfelden aus. Er hatte 2009 als 16-Jähriger die 17-jährige Lehrtochter Boi im Tessin mit einem Holzscheit erschlagen.

Kris V. gelang es in Königsfelden, mit einem Werkzeug das Sicherheitsnetz vor dem Balkon zu öffnen und sich von der Station abzuseilen. «Ich habe mich aufgeregt, als ich von der Flucht hörte», sagte Regierungsrat Urs Hofmann damals. Er kündete an, eine kantonale Arbeitsgruppe einzusetzen, um den Sicherheitsstandard der geschlossenen Abteilung zu erhöhen und eine weitere Flucht zu verhindern.

Wie konnte es dennoch zum erneuten Ausbruch kommen? Chefarzt Wermuth sagt, 2016 seien «Sofortmassnahmen zur Erhöhung der Sicherheit eingeleitet worden, die auch heute noch Bestand haben». Ein Teil der Massnahmen, die sich aus einem im letzten Jahr durchgeführten Sicherheitsaudit ergeben hätten, könnten jedoch «erst im Laufe eines noch laufenden umfangreichen und aufwendigen Projekts umgesetzt werden», sagt Wermuth.

49-Jähriger erschiesst wegen Erbstreit seinen Bruder.

TeleM1-Bericht vom 14. August 2013: 49-Jähriger erschiesst wegen Erbstreit seinen Bruder.

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