Vor 75 Jahren
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges: Glocken läuteten zum Aktivdienst

Vor 75 Jahren brach der Zweite Weltkrieg aus, die Auswirkungen waren im Aargau sogleich spürbar.

Manuel Bühlmann
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Mobilmachung während des zweiten Weltkrieges.

Mobilmachung während des zweiten Weltkrieges.

AZ

Die Glocken läuteten Sturm in Baden, in Brugg – im ganzen Kanton. Allen war klar, was das Glockengeläut am 1. September 1939 zu bedeuten hatte: Mobilmachung. Hitlers Soldaten waren in Polen einmarschiert, die Schweiz bot daraufhin all ihre wehrfähigen Männer auf. Auch Tausende Aargauer rückten ein, tauschten ihre zivile Kleidung gegen die Uniformen, mussten ihre Familien im Ungewissen zurücklassen.

Jakob Käch, damals Lehrer an der Landwirtschaftlichen Schule in Brugg, schrieb in seinem Tagebuch: «Die Schweiz macht mobil. Ernst und würdig geht alles in Ruhe vor sich. Aus friedlicher Arbeit wurde das Volk herausgerissen und an die Grenze gestellt. Gestern das arbeitende – heute das wehrhafte Schweizervolk.» Käch erlebte die Stimmung anders als beim Ersten Weltkrieg: Die Soldaten würden nicht wie 1914 singend an die Grenzen ziehen. «Heute weiss man, was der Krieg ist.»

Auf einen Schlag fehlten im Aargau Lehrer, Bauern, Gerichtsschreiber, Förster. Der Leiter des Labors im Kantonsspital Aarau beklagte sich beim Regierungsrat, sämtliche seiner männlichen Mitarbeiter seien eingezogen worden. Um dennoch bakteriologische und gerichtsärztliche Untersuchungen anbieten zu können, brauche er dringend Aushilfen. Und auch die Kinos hatten mit Personalmangel zu kämpfen: «Unsere Badener Kinos stehen natürlich auch im Zeichen der Kriegsmobilmachung. Angestellte und Arbeiter haben die schmucke Theateruniform mit derjenigen des wehrhaften Soldaten vertauscht», meldet das «Badener Tagblatt» am 2. September. Vorläufig bleibe nur das Kino Sterk offen. Im Programm: «Ben Hur».

Wer keinen Militärdienst leistete, musste länger arbeiten: Beamte, Angestellte und Arbeiter seien verpflichtet unbezahlte Überstunden zu leisten – bis zu 54 Stunden pro Woche, beschloss der Regierungsrat. Alle sollten sich in der ungewissen, bedrohlichen Zeit solidarisch zeigen. Das «Aargauer Tagblatt» veröffentlichte am 2. September auf der Frontseite den Aufruf: «Mitbürger, Mitbürgerinnen! Von heute ab sind wir alle Soldaten des Vaterlands.»

Die Bevölkerung sollte sich insbesondere im Umgang mit Nahrungsmitteln diszipliniert verhalten. Um Hamsterkäufe zu vermeiden, war die Bevölkerung bereits Monate vor Kriegsausbruch dazu angehalten worden, einen Notvorrat für zwei Monate anzulegen. Ab Ende August waren Verkauf und Erwerb – bei Bussen bis zu 5000 Franken – gewisser Lebensmittel wie Zucker, Reis, Teigwaren oder Mehl verboten. Die Behörden hatten aus den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg gelernt. «Im Unterschied zum Kriegsausbruch von 1914 trafen die Ereignisse des Jahres 1939 Behörden und Volk nicht unvorbereitet», schreibt Willi Gautschi in der Aargauer Kantonsgeschichte.

Doch nicht überall waren die Vorbereitungen auf den Krieg getroffen worden. Die Badener Ortsleitung beschwerte sich im «Badener Tagblatt» über Mängel bei Verdunklungseinrichtungen und Schutzräumen. «Es scheint, dass in dieser Hinsicht immer noch eine gewisse Gleichgültigkeit und allzu grosse Sorglosigkeit herrscht.» Bei den nächsten Kontrollen sei keine Nachsicht mehr zu erwarten: «Es ist wirklich höchste Zeit.»

Der Kriegsausbruch wirkte sich im Aargau auch in anderen Bereichen aufs alltägliche Leben aus. Auf Wettervorhersagen etwa mussten die Aargauer vorderhand verzichten, wie eine Meldung des «Aargauer Tagblatts» zeigt: «Aus einem Teil des Auslandes treffen die Wettermeldungen nicht mehr ein. Dies und Gründe der Wahrung der Neutralität veranlassen, die Wetterprognosen nicht mehr bekannt zu geben.»