Tennistalente

Aufschlag zur Weltkarriere: So trainieren Aargauer Tennistalente

Was drei junge Tennis-Hoffnungen am grössten Juniorenturnier Europas lernen. Und warum Roger Federer nicht das einzige Vorbild ist.

Vor einer Woche begeisterte ein Schweizer mit seinem Tennisspiel in Wimbledon die Welt. Und an diesem Wochenende war die Welt zum begeisterten Tennisspielen im Aargau zu Gast. Die Nummernschilder auf dem Parkplatz vor der Anlage des TC Entfelden zeigen es deutlich: Frankreich, Litauen, Niederlande. AI, TG, TI. Um halb 10 Uhr an diesem Julimorgen brennt die Sonne unerbittlich auf das Gelände. Fast schon ein wenig gemein, sehen die Spielerinnen und Spieler vom Court aus direkt in die Bassins der benachbarten Badi. Aber wer hierher kommt, will nicht baden gehen, sondern gewinnen – und dereinst um die ganz grossen Pokale spielen. Die «Fromm Swiss Junior Trophy» ist Europas grösstes Junioren-Tennisturnier. Seit dem 15. Juli und bis gestern Sonntag kämpften 310 Talente aus 41 Ländern um den Turniersieg. Genauer: die Turniersiege. Gespielt wurde in den Kategorien U14, U16 und U18; unterteilt in Boys, Girls und Doubles (Doppel). Wer hier vorne mitspielt, hat alle Chancen, erfolgreicher Profi zu werden.

«So chum, wiiter!»

«Baudouin and Siegrist, to the tournament desk!», ruft Assistant Referee Manuel die nächsten Spielerinnen auf. Er gibt ihnen je eine Flasche Evian (Etikett: «The Official Water of The Championships Wimbledon») und Powerade (Manuel: «blau oder orange?»). Neben dem Platz geht es den Jungen wie den Grossen: Sie werden chauffiert, verpflegt, untergebracht. Der grosse Unterschied: Auf dem Platz müssen sie alles selber machen. Die Punkte zählen, den Sandplatz abziehen, die weissen Linien sauber fegen. Es gibt keine Balljungen, keine Tuchhalter – und keinen Schiedsrichter auf dem Stuhl. Sondern einen im Büro, erreichbar per Handy, und Assistant Referees wie Manuel, die quasi als Aussendienstler gleich für mehrere Courts zuständig sind.

Tanja Siegrist zählt zu den grössten Tennis-Hoffnungen im Aargau. Die Schöftlerin mit Jahrgang 2004 spielt für den TC Entfelden, verbesserte sich seit letzter Saison in ihrer Stärkeklasse um 165 Ränge. Gegen die Französin Lou Baudouin kommt sie gut ins Spiel, gewinnt den ersten Satz. Auch das wie bei den Grossen: Geballte Faust nach einem Punkt, Schreien beim Schlag, Händeverwerfen nach einem Doppelfehler.

Doch dann läuft es Tanja nicht mehr. Ihr Rücken schmerzt, schon gestern hatte sie dieses Problem. Sie ruft Assistant Referee Manuel – das dürfen die Kontrahentinnen immer, etwa, wenn sie sich ob eines Punkts uneinig sind, oder wenn eine Spielerin den Physiotherapeuten braucht. 15 Minuten später steht der auf dem Platz: «Medical time-out, three minutes!» Tanja und Physio verschwinden in der Garderobe, Manuel postiert sich mit verschränkten Armen vor der Tür. Ruft etwas später hinein: «One minute!» Tanja kommt zurück auf den Platz, zupft die Dächlikappe zurecht, nimmt eine Schluck Powerade blau und sagt zu sich: «So chum, wiiter!» Gegnerin Lou quittiert: «Alors!»

Französinnen geben nie auf

Was in Wimbledon die «Players Box» ist, ist beim TC Entfelden die Terrasse der Club-Beiz. Mami, Schwester und Coach sitzen auf lindgrünen Sitzkissen in Alustühlen, klatschen nach besonders schön gewonnenen Punkten. Die Mutter sagt, Tanja brauche Energie, vielleicht ein Schoggistängeli. «Aber du musst es ihr bringen», sagt sie zum Coach, «von mir nimmt sie es nicht.» Tanja kämpft, ruft zu sich selber: «Come on!» oder «Zeigs dene!» Doch alle Selbstmotivation kann das Spiel nicht mehr drehen. Tanja verliert den zweiten und dritten Satz. Danach sagt sie: «Wäre der Rücken nicht gewesen, hätte es gereicht.» International seien die Gegnerinnen stärker. «Gerade Französinnen. Die geben nie auf.» Das Lachen verliert sie deswegen nicht. Sie habe gelernt: «Ich muss positiv denken. Der Rest kommt von alleine.»

Tanja sagt, sie wolle im Tennis «so hoch hinaus, wie es geht». Damit ist sie in guter Gesellschaft mit anderen Talenten wie dem 13-jährigen Nicolas Kobelt. Der Oltner trainiert auch im TC Entfelden. Während die Zuschauer unter den Sonnenschirmen Schatten suchen, spielt Nicolas am anderen Dorfende in der Nachmittagshitze auf dem Areal der Tennisschule Aarau-West. Den ersten Satz verliert er, die weiteren zwei gewinnt er. Er spiele so gern Tennis, weil «jeder Punkt etwas Neues» sei. Sein Ziel: einmal in den ATP World Tour Finals, dem Turnier der acht Besten der Welt, anzutreten. Tennisschulleiter Freddy Blatter (Text unten) traut ihm das zu: «Er hat ein super Händli.» Nun müsse er vor allem auch «am Kopf arbeiten», dann könnte es gut kommen. Roger Federer ist mit sechs Triumphen World-Tour-Finals-Rekordsieger. Nicolas Vorbild? «Alle Spieler sind auf ihre Art ein Vorbild. Aber Federer finde ich megacool wegen seiner Einstellung. Es sieht so locker aus, doch er ist immer hoch konzentriert.»

In der Abendsonne zieht Janis Simmen in Suhr den Sandplatz ab. Er ist gerade ausgeschieden. Mit seinen elf Jahren ist Janis zwei Jahre jünger als praktisch alle U14-Gegner. Dem Talent des TC Lenzburg ist das egal. Am vergangenen Wochenende gewann er U12-Bronze an der Schweizer Meisterschaft. Jetzt sagt er: «Ich lerne mehr, wenn ich gegen Bessere spiele und verliere, als wenn ich gegen Schlechtere hoch gewinne.» Sein Ziel seien die Top 200 der Weltrangliste. Federer imponiere ihm schon, so gut wie der spiele «in seinem Alter». Eigentlich sei sein Idol aber der Argentinier Juan Martín del Potro: «Er ist gross, wie ich.» Wer irgendwann in Wimbledon spielen will, kann gesundes Selbstvertrauen sicher gut gebrauchen.

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