Weg der Reformation

Aufgewühlte Menschen landauf, landab – acht Aargauer Kirchen zeigen, weshalb

Manchmal liegt alles näher, als man glaubt, fast erschreckend nah. Manchmal befasst man sich erst auf Einladung näher damit. Das kann man aktuell tun bei der Reformation; dazu kam gestern die Einladung.

Wer bei der Reformation die geistige Karte im Blick hat, zieht eine wichtige Linie so: Erasmus-Zwingli-Calvin. Auf der geografischen Karte erweiterte das den Kreis von Zürich über die westliche Welt, eingeschlossen die USA. Vor 500 Jahren wurde also von Zürich aus tatsächlich «welthistorisch» etwas angestossen.

Nun hat die Ausbreitung einer Idee immer auch lokale Landkarten und regional-historische Relevanz. Davon war gestern die Rede in Reinach. Eröffnet wurde da, anlässlich einer Feier, der «Weg der Reformation im Aargau».

Diesen Weg kann ab sofort aufsuchen, wer will. Auf Schuhsohlen, Bahnrädern oder Pneus. Es ist mitnichten ein Weg retour, ein halbes Jahrtausend zurück. Es ist ein Weg, der an die Gegenwart klopft, mächtiger, als manche ahnen. Selbst kirchenferne Leute könnten sich wundern, weshalb so viel Politisches während 500 Jahren komplett in Vergessenheit geraten ist, Dinge des Glaubens hingegen nicht (wobei das natürlich keine getrennten Sphären waren, vor allem am Anfang nicht). Darum ging das nie in Vergessenheit, weil es bei Glaubensfragen stets um die Seele geht: Heil oder Unheil? Um die Frage, welcher Weg auf welcher Karte für sie der wahre ist.

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Die Väter bissen sich gegenseitig

Die Auseinandersetzung darüber war ein wildes Gezänk – und das ist noch diplomatisch ausgedrückt.

Angefangen bei den Reformationsvätern selbst. Die stritten nicht nur um die Wahrheit, sie zogen auch übereinander her. Luther über Zwingli: «Sie rühmen Zwingli und Müntzer heute als Heilige. Es ist aber viel besser und ein Werk der Liebe, sie zu verdammen, auch wenn man ihnen damit Gewalt antut, um die Nachwelt durch dieses abschreckende Beispiel zu bewahren.» Zwingli an Luther: «Wir sind ein Leib, das Haupt ist Christus, das eine Auge ist Luther. Es möge ihm fernliegen, das Ohr zu neiden, dass es das Ohr ist.»

Bullinger über Luther: «Ich werde nicht mit wenigen Worten aufgezählt haben das Widersinnige, Falsche und Verdrehte, das sich in dieser Ansicht Luthers zeigt. Aufgrund des Vorgefallenen muss befürchtet werden, dass dieser Mensch noch einmal grosses Unglück über die Kirche bringen wird.» Und schliesslich Calvin über Luther: «Wohin lässt sich Euer Perikles (gemeint ist Luther) in seinem masslosen, blitzeschleudernden Zorn reissen? Was bewirkt denn ein solches Lärmen?»

Lärmig ging es in der Tat auch im Aargau zu und her. Die Reformationshäupter hatten im Nahbereich willige Verstärker, die gern noch lauter anschlugen, aber – wie immer, wo man bloss laut wird – auch mit weniger Finesse. Etwa Andreas Honold, Leutpriester in Aarau (Leutpriester nannte man die Volksprediger).

Honold höhnte in Richtung Beromünster, die Chorherren dort seien «Torherren». Kirchenväter nannte er «Strohbutzen» (Strohmasken). Niemals müde wurde er beim Beschimpfen aller katholischen Pfarrherren der Umgebung. Auf höheren Wink wurde das Feuermaul dann einfach entfernt aus der Stadt; über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

«Und bist du nicht willig ...»

Drei Regionen, grob gesagt, agierten verschieden und krempelten alles um. Oder krempelten die Dinge teilweise um. Krempelten bereits Umgekrempeltes auch wieder zurück, re-katholisierten etwa zuvor reformierte Gemeinden. Manchmal ging das freiwillig, manchmal nur durch Druck oder Zwang. In den Kirchen war der «Bildersturm» mal heftig, mal flau.
Zu gewissen Zeiten pflegte man mit Andersdenkenden noch zu reden (zu «disputieren»). Der Gedanke, sich rhetorisch zu messen, war edel, die Ausführung dann oft gespickt mit Kleinlichkeit. Die einen wollten etwa nicht «disputieren», ohne den Beizug des Alten Testaments, die anderen beharrten allein auf das Neue Testament. Als besonders hartnäckig erwiesen sich die Täufer, am Anfang eigentlich noch Mitstreiter. Als die Geduld mit ihnen erschöpft war, wurden manche in der Aare oder Limmat einfach ersäuft.

Was mit den Leuten geschieht, wenn Glaubensinhalte angefochten, aufgeweicht, uminterpretiert werden, wenn die Welt ihre Drehachse ändert oder aus den Fugen gerät, je nach Anschauung, kann man bestens studieren an den Vorgängen vor 500 Jahren. Je näher man hierbei einer lokalen Geschichte kommt, vielleicht sogar einem Einzelschicksal, desto deutlicher treten alle Kräfte hervor, die am Zeitalter rissen. So wie heute vielleicht noch nicht restlos geklärte Kräfte an der Gegenwart reissen und einen neuen oder anderen Dreh zu bekommen scheinen.

Wahrheit und Legenden

Um solche Vorgänge jetzt in unmittelbarer Nähe zu studieren, hob die Reformierte Kirche Aargau acht Kirchen hervor. Sie nennt die Häuser «die bedeutendsten Kirchen für die Reformation im Aargau». Es sind – in alphabetischer Reihenfolge: Aarau, Erlinsbach, Gränichen, Kulm, Reinach, Suhr, Windisch und Zofingen. Ein Faltblatt mit Erläuterungen führt zu den Örtlichkeiten. Die Vertiefung des Themas ist zu empfehlen und möglich auch dank weiterer Information auf der Homepage der Landeskirche. 91 reformierte Kirchen insgesamt gibt es im Kanton. Die Kirche Reinach, erbaut 1529, war die erste davon im bernischen Hoheitsgebiet; sie orientiert sich noch an der vor-reformatorischen Kirchenarchitektur. Da fand gestern Abend die Feier statt zur Eröffnung des Reformationswegs.

Die Kirche war voll. KirchenratsPräsident Christoph Weber-Berg begrüsste die Gäste. Projektleiter Frank Worbs und der Historiker Markus Widmer-Dean skizzierten den Weg und die acht genannten Kirchen. Emidio Campi, emeritierter Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte, sprach über «Mythen, Legenden und Wahrheiten» der Reformation.
Einer dieser Mythen, sagte Campi, beruhe «auf einer Überbewertung des Stellenwerts von Zwinglis politischem Aktivismus für die Reform der Eidgenossenschaft.» Überhaupt werde der Einzelheld in der Bewegung überbewertet, sei es Luther, Zwingli oder Calvin.

Der Begriff Zwinglianismus sei bei gewissen Reformatoren eine «Vereinnahmung, die die komplexen Verhältnisse damals eher verdunkelt als erhellt.» Campi zog denn auch die These vom Anstossen «welthistorischer» Entwicklungen, ausgehend von Zürich, in Zweifel. Wie jeder Kenner trennte auch der Professor eine dem Laien homogen erscheinende Szene in viele Bereiche und Protagonisten. Die Entfaltung des Calvinismus sei nicht mit der reformierten Konfession gleichzusetzen, sagte er, und der Zwinglianismus auch nicht zwingend ein Vorbote des Calvinismus. Stets hätten sich «sehr heterogene Gedanken und Erfahrungen miteinander vermischt».

Für die Männer der Kosmos?

Professor Campi nannte einige Namen von Reformatoren, die nicht vergessen gehen sollten. Ein Magazin zur Reformation listet für Europa an 141 Orten 115 Reformatoren auf, die massgeblich mitgewirkt haben.

Und die Frauen? Galt vor 500 Jahren auch bei den Neuerern: Stube und Küche soll die Frau aufräumen, den Kosmos die Herren? Wir fanden eine einzige: Katharina Zell, nicht im Aargau, aber in Strassburg.

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