Gränichen
«Auf unserem Dorfplatz sind unsere schönen Frauen - das gibt Probleme»

Der Kanton will auf der Liebegg 60 Asylsuchende unterbringen. Der Widerstand liess nicht auf sich warten. Der Gemeinderat will das Vorhaben mit allen rechtlichen Mitteln bekämpfen. Die landwirtschaftliche Schule hat Angst um ihre Schülerinnen.

Aline Wüst
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Hier, in der landwirtschaftlichen Schule Liebegg, will der Kanton 60 Asylsuchende unterbringen.

Hier, in der landwirtschaftlichen Schule Liebegg, will der Kanton 60 Asylsuchende unterbringen.

Annika Bütschi

60 Asylsuchende will der Kanton im Kommandoposten Liebegg unterbringen, und zwar unterirdisch. Der Gränicher Gemeindeammann Rolf Arber findet das unzumutbar.

Ausserdem befürchtet er, dass die Ruhe im Dorf durch die fremden jungen Männer gestört werde: «Die Asylsuchenden sind unterbeschäftigt. Wir haben einen schönen Dorfplatz, dort sind unsere schönen Frauen. Das gibt Probleme», sagt er.

Die Gemeinde will darum alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Unterkunft zu verhindern. Die Bevölkerung verlange das.

«Wehret den Anfängen», sagt Arber dann auch zum Versprechen des Kantons, die Unterkunft sei nur provisorisch. «Aus einem Provisorium wird schnell ein Providurium.»

Von Widerstand, wie er in Bettwil ausgeübt wurde, distanziert sich Arber klar. «Wir lassen uns von niemandem einspannen.» Konfliktpotenzial sieht der Gemeindeammann aber beim Zusammentreffen von Schülern der landwirtschaftlichen Schule und Asylsuchenden.

SVP-nahe Schüler

Die 700 jungen Leute, die auf der Liebegg ausgebildet werden, seien tendenziell eher SVP-nahe. «Das geht keine Woche, bis es dort blutige Köpfe gibt», prophezeit Arber.

Und mit der Erinnerung an Bettwil, wo die Bauern mit Traktoren die Wege versperrten, sagt er: «Traktoren haben sie auf der landwirtschaftlichen Schule mehr als genug.»

Möglicher Standort für Asylunterkunft Liebegg in Gränichen
4 Bilder
Möglicher Standort für Asylunterkunft Liebegg in Gränichen
Möglicher Standort für Asylunterkunft Liebegg in Gränichen
Möglicher Standort für Asylunterkunft Liebegg in Gränichen

Möglicher Standort für Asylunterkunft Liebegg in Gränichen

Annika Bütschi

Aktuell leben 15 Asylbewerber in Gränichen. «Wir haben bisher nie schlechte Erfahrungen gemacht.» Arber ärgert sich in dieser Sache vor allem darüber, dass sich viele Gemeinden vor der Aufnahme von Asylsuchenden freikaufen.

«Würden alle Gemeinden ihre Verantwortung wahrnehmen, wäre das Problem gelöst.» Es gebe doch in vielen Gemeinden alte, leerstehende Häuser.

Auch die landwirtschaftliche Schule ist gar nicht amüsiert über die Pläne des Kantons. Man sei am selben Tag wie die Öffentlichkeit über die Pläne des Kantons informiert worden.

Im Sinne einer Information über einen bereits gefällten Beschluss und nicht im Sinne eines Gesprächs mit einem Direktbetroffenen. «Wir sind erstaunt über dieses forsche Vorgehen», teilt die Schule mit.

Sie stellt klar, dass der Standort falsch beurteilt worden sei. «Betrachtet man die räumliche Situation an der Schule, sind Konflikte vorprogrammiert.» Die Asylsuchenden würden unterirdisch untergebracht.

Oberirdisch gebe es keine Möglichkeit für Aufenthaltsräume. «Unsere Schüler müssten sich also die Ausbildungs- und Pausenplätze mit den Asylbewerbern teilen», so die Schule.

Der Kanton versprach, dass die Unterkunft überwacht werde. Die Schule hat bedenken: Eine dauernde Überwachung der weitläufigen Anlage sei nicht umsetzbar. «Es ist ausserdem nicht legitim, dass der Unterricht und die Pausen unserer Schüler auf einem dauerhaft überwachten Areal stattfindet.»

Die Schule sieht noch ein weiteres Problem. Auf der Liebegg finden Abendkurse statt. Die würden auch von vielen Frauen besucht werden. «Die Kurse würden stark an Attraktivität verlieren.»

Die landwirtschaftliche Schule geniesse einen guten Ruf, weit über die Landesgrenzen hinaus. Eine Asylunterkunft würde diesen Ruf nachhaltig gefährden, so die Schule.

Sobald das Baugesuch aufliegt, will der Kanton die Öffentlichkeit informieren. «Wir werden uns normal und gesittet verhalten», verspricht Gemeindeammann Arber.

Das Baugesuch werde geprüft. Für den Kanton würden dabei die gleichen rechtlichen Bestimmungen gelten, wie für Herr und Frau Müller.

Die Situation bei der Unterbringung von Asylsuchenden ist im Aargau nach wie vor äusserst angespannt. Die kantonalen Unterkünfte sind seit Monaten überbelegt. Derzeit betrage die Belegungsquote 115 Prozent.

Der Kantonale Sozialdienst sucht seit Monaten intensiv nach zusätzlichen Unterkünften.

Allerdings gestaltet sich dieses Unterfangen nicht zuletzt aufgrund des Widerstands vor Ort zunehmend schwierig. Viele Unterkünfte würden auf dem Rechtsweg bekämpft. Dies führe zu Verzögerungen und erschwere den gesetzlichen Unterbringungsauftrag massiv.