Podium
Auf der Suche nach Sparideen

Ist die Bildung unantastbar – oder gibt es für Schüler verträgliche Kürzungen?

Fabian Hägler
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Bildungsdirektor Alex Hürzeler und Schulleiter Alois Zwyssig: Am gleichen Tisch, aber nicht gleicher Meinung. Chris Iseli

Bildungsdirektor Alex Hürzeler und Schulleiter Alois Zwyssig: Am gleichen Tisch, aber nicht gleicher Meinung. Chris Iseli

Chris Iseli

«Wir brauchen eine gute Bildung» – das stand auf den gelben Tafeln, die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz der Schulanlage Unterkulm in die Höhe hielten. Sie liessen sich vom leichten Regen nicht davon abhalten, dem kantonalen Bildungsdirektor Alex Hürzeler ihre Botschaft vor Augen zu führen. Dieser traf kurz vor 19.30 Uhr zur Podiumsdiskussion über den Bildungsabbau ein, schritt am bekannten pinkfarbenen Antisparschwein vorbei – und wurde drinnen in der vollbesetzten Turnhalle mit Applaus empfangen.

Der SVP-Politiker, den Moderator Hans Fahrländer – ehemaliger Chefredaktor der az und Bildungsexperte – für seinen Mut lobte, in die «Höhle der Sparsau» zu kommen, zeigte Verständnis für den Unmut bei Eltern und Lehrerschaft über die geplanten Sparmassnahmen. Tatsächlich sei es unschön, die Stundentafel zu kürzen – konkret sind Reduktionen bei Deutsch, Musik, Geschichte/Geografie und Geometrisch-technischem Zeichnen geplant. «Aber in der aktuellen Situation sieht der Regierungsrat, als Beitrag an ausgeglichene Kantonsfinanzen, keine andere Lösung.»

Aargau: jetzt schon weniger Schule

Thomas Leitch, SP-Grossrat und Präsident der Bildungskommission, machte klar, dass dieser Sparvorschlag im Parlament kaum Chancen haben dürfte. «Einstimmig hat sich unsere Kommission, in der vier SVP-Vertreter sitzen, gegen Kürzungen ausgesprochen, die direkt die Schüler betreffen.» Schon heute hätten diese im Aargau in sechs Jahren Primar zwölf Wochen weniger Schule als der durchschnittliche Schüler der 21 Deutschschweizer Kantone, in drei Jahren Real seien es gar 20 Wochen.

Wo man stattdessen sparen könnte bei der Bildung – dies war die zentrale Frage des Abends. SP-Grossrat Manfred Dubach, Geschäftsführer des kantonalen Lehrerverbandes, hat dazu eine klare Meinung. «Ich finde, bei der Bildung darf man überhaupt nicht sparen, die Schule ist nicht vergleichbar mit dem Strassenbau, wo wir unmässig Geld ausgeben.» Stattdessen müssten Steuersenkungen rückgängig gemacht werden. Unterstützung erhielt er aus dem Publikum: Eine Frau sagte, sie würde für gute Bildung gern mehr Steuern zahlen. Hürzeler entgegnete, weniger Ausgaben für die Strassen würden den Bildungsbereich nicht entlasten. «Die Strassenkasse läuft ausserhalb des Budgets, wird durch Motorfahrzeug- und Schwerverkehrsabgaben gespeist, da ist nichts zu holen.»

Alois Zwyssig, der Schulleiter der Kreisschule Mittleres Wynental, sieht kaum noch Sparpotenzial. «Wir müssen heute schon abwägen, welche Fächer wir anbieten können, wenn nun in der Primarschule noch mehr gekürzt wird, muss das die Oberstufe ausbaden.» Die gleichen Leute, die zum Beispiel das Geometrisch-technische Zeichnen streichen wollten, würden sich nachher beklagen, dass Schulabgänger nicht gut genug ausgebildet seien.

Genau diese Kritik brachte SVP-Grossrat und Dachdecker Franz Vogt an. Er habe bei einem Schulbesuch zwar eine «erfreulich straffe Führung und gute Disziplin» in den Klassen festgestellt, allerdings hätten viele Jugendliche grosse Lücken bei Grundfertigkeiten für handwerkliche Berufe. Er schlug vor, mit dem Informatikunterricht später zu beginnen – musste sich aber von Zwyssig belehren lassen, dass Informatik gar kein eigenes Fach sei, sondern im Rahmen anderer Fächer unterrichtet werde.

Renate Gautschy, FDP-Grossrätin und Präsidentin der Gemeindeammänner-Vereinigung, möchte derweil bei den Kontrollen und der Schulevaluation kürzen. Ausserdem sollte der Kanton weniger an die Fachhochschule Nordwestschweiz zahlen.

Hürzeler entgegnete, die Abschaffung der Schulevaluation würde vielleicht 2 Millionen Franken bringen. Und ein bisschen Kontrolle brauche es bei Bildungsausgaben von 850 Millionen pro Jahr schon. Auch bei der Fachhochschule werde es in den kommenden Jahren kein Wachstum geben.

Doch warum erhöht der Kanton nicht einfach die Schülerzahl pro Klasse? Manfred Dubach rechnete vor, für 23er-Klassen seien Schulzentren mit rund 1000 Schülern nötig. «Das kann man machen, aber dann müsste man viele kleine Standorte schliessen, und ich bezweifle sehr, dass dies politisch gewollt ist.»