Frühgeburten
Auf der Suche nach Betten für Frühchen zählen die Sekunden

Immer mehr kommt es vor, dass Babys zu früh auf die Welt kommen und intensiv behandelt werden müssen. Doch es gibt zu wenig Betten. Gisela Gautschi aus Suhr hat vor sechs Jahren am eigenen Leib erfahren, wie sich der Bettennotstand auswirken kann.

Christine Fürst
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Immer mehr Babys kommen zu früh auf die Welt
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Cyrill kam viel zu früh auf die Welt
Cyrill kam zu früh auf die Welt
Cyrill heute

Immer mehr Babys kommen zu früh auf die Welt

Keystone

«Es gibt immer mehr Frühgeburten», bestätigt Monya Todesco Bernasconi, Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin im Kantonsspital Aarau. Das habe verschiedene Gründe: Frauen werden immer älter, bevor sie Kinder kriegen, dieser Umstand sei mit medizinischen Problemen wie Bluthochdruck oder einer Schwangerschaftsvergiftung verbunden. Zudem werde bei Sterilitäts-Problemen öfter auch künstliche Befruchtungen gemacht. Oft würden sich daraus Mehrlings-Geburten geben, die ebenfalls in vielen Fällen zu früh auf die Welt kommen.

Ein Kind sollte sich 40 Woche im Mutterleib entwickeln können. Kommt es vor der 37. Woche zu Welt, spricht man von einer Frühgeburt. Im Zentrumsspital Aarau kommen von rund 1400 Geburten pro Jahr 15 Prozent, also ca. 200 Babys, zu früh auf die Welt. «Unter 24 Wochen haben die Frühchen kaum Chancen zu überleben, je älter sie werden, desto besser», sagt Todesco Bernasconi. Bis zu einem Gewicht von 1500 Gramm sei häufiger mit schwerwiegenden Komplikationen zu rechnen.

In der Schweiz bieten neun Spitäler sogenannte Intensivbetten mit Beatmungsgeräte für die kleinsten Patienten an. Es sind dies: Lausanne, Genf, Bern, Basel, Aarau, Luzern, Chur, Zürich und St. Gallen. In einem Online-Netzwerk geben die Spitäler jeweils die freien Betten an.

Von Spital zu Spital im Krankenwagen

Dieses Netzwerk gab es auch schon 2006 und Gisela Gautschi musste damit Bekanntschaft machen. Sie erwartete ihr erstes Kind. Zu Beginn der 27. Woche traten jedoch Komplikationen auf, sie hatte Blutungen und wurde um 8 Uhr morgens ins Spital in Menziken gebracht.

Doch dort war schnell klar, dass sie nicht in Menziken bleiben konnte. Sie wurde transportfähig gemacht und sollte in die Neonatologie-Abteilung nach Aarau gebracht werden. «Doch diese war voll», sagt Gautschi heute. Noch im Krankenwagen wurde der Kurs geändert, die Fahrt ging weiter nach Luzern. Doch auch dort war nichts frei, sie sollte deshalb nach Basel. Als auch dort nichts frei war, wurde sie nach Zürich verlegt.

Nach einer langen Fahrt kam sie dort an, keine Sekunde zu spät, wie sich später zeigen sollte. Denn kaum fünf Minuten später wurde der kleine Cyrill per Kaiserschnitt auf die Welt geholt, es war der 24. November 2006, 10.45 Uhr. Eigentlich hätte Cyrill Anfang März zur Welt kommen sollen. «Wenn ich nochmals an einen anderen Ort gebracht worden wäre, wäre alles zu spät gewesen», sagte die frischgebackene Mutter damals gegenüber der Sendung «Schweiz Aktuell».

Noch immer gibt es zu wenig Betten

Cyrill wog 960 Gramm, war 36 Zentimeter gross. Er musste beatmet werden, hatte eine leichte Hirnblutung. Als in Aarau ein Platz frei wurde, wurde er in die Kantonshauptstadt verlegt. Insgesamt verbrachte er vier Monate dort. «Ich besuchte ihn jeden Tag und es ging ihm immer besser», sagt seine Mutter heute. «Ich war danach einfach froh, dass er gesund war.» Einige Jahre später bekam Cyrill ein Brüderchen, die Schwangerschaft verlief problemlos.

Doch an der damaligen Situation, dass es viel zu wenige Intensivbetten in der Schweiz gab, hat sich bis heute nichts verändert. Und das wühlt Gisela Gautschi auf, sie erinnert sich an die bangen Minuten im Krankenwagen. «Ich fand es damals sehr schlimm und unmöglich, dass es für meinen Sohn keinen Platz hatte», sagt sie. Sie hofft nun, dass für die fehlenden Betten wenigstens das fehlende Personal ausgebildet werden kann, dass die Situation schnell verbessert werden könne.

Heute geht Cyrill in den Kindergarten, es gehe im gesundheitlich gut. Er habe kleine Entwicklungsstörungen, Mühe mit Sprechen und der Grobmotorik. Deswegen geht er in die Ergo- und Physiotherapie. Doch seine Mutter ist zuversichtlich: «Er macht grosse Fortschritte.»