Detailhandel

Auf den Spuren von Amazon: die digitale Offensive der Migros Aare

Migros-Aare-Boss Anton Gäumann will neue zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln.

Migros-Aare-Boss Anton Gäumann will neue zukunftsfähige Geschäftsmodelle entwickeln.

Die Migros Aare büsst leicht an Umsatz und Gewinn ein. Zugleich eifert sie den Online-Grössen nach. Mehrere neue digitale Projekte sollen vorangetrieben werden.

Der orange Riese steht vor grossen Herausforderungen. Die Margen schrumpfen, die Konkurrenz wächst (siehe unten). Das liegt am Eintritt der deutschen Discounter in den Schweizer Markt. Und natürlich an dem im Vergleich rasant wachsenden Onlinehandel. Genau da setzt die Migros Aare nun einen neuen Schwerpunkt. «Ziel der Migros Aare ist es, weiterhin im Kernbereich erfolgreich zu bleiben, aber auch neue zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln», sagt Migros-Aare-Geschäftsleiter Anton Gäumann.

Vier Projekte laufen bei der Migros unter dem Begriff «New Business». Es sind Pilotprojekte, die auch für die anderen Migros-Genossenschaften wegweisenden Charakter haben könnten. Mit der App «My Migros» testen die Migros einen personalisierten Onlineshop für Lebensmittel in Bern und Agglomeration. Basierend auf Cumulus-Daten der letzten zwölf Monate zeigt «My Migros» dem Nutzer zum Beispiel, welche Produkte ihm auszugehen drohen. Die App soll bald im ganzen Migros-Aare-Gebiet angewendet werden können.

In der Coronakrise wartete die Migros mit einer weiteren digitalen Neuheit auf: der Live-Videoberatung in den Fachmärkten. Laut Migros Aare erfreue sich das Tool unterdessen «grosser Akzeptanz und Beliebtheit». Offenbar erfüllt es einen Wunsch nach Menschlichkeit in Kombination mit Technik bei der Kundschaft. Dann will man mit «My Sidekick» professionelle Beratung in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Entspannung anbieten. Coaching über digitale Kanäle.

Gibt es von der Migros dereinst auch Streaming?

Das vierte Projekt erinnert stark an «Amazon Prime». Einen Zusammenhang will die Migros Aare weder bestätigen noch dementieren. «M-Plus» heisst das Ganze beim Schweizer Detailhändler und ist nichts anderes als ein bezahlter Mehrwert-Service im Abosystem. Was genau dieser Service kosten soll und was genau er umfassen wird, ist in der Pilotphase noch nicht fix. Im Moment fallen Mindestbestellwerte und Liefergebühren weg. Noch umfasst das Servicepaket nicht das ganze «Migros-Ökosystem», um ein Wort von Gäumann zu bemühen, sondern bloss gewisse Onlineplattformen und gewisse Fachmärkte. Aber das Ziel ist klar: Irgendwann will man den Kunden ein «ganzheitliches Erlebnis» bieten – egal, ob online oder stationär. Egal, ob Digitec, Le Shop, Micasa, Fitness oder was auch immer. Das ganze «Ökosystem» eben. Vielleicht entwickelt sich die Migros gar ganz in Richtung eines Schweizer Amazons. Auf die Frage, ob man gedenkt, dereinst auch Software-Applikationen, Musik- oder Filmstreaming anzubieten, sagt Gäumann, man fokussiere vor allem auf bestehende Kunden und Daten aus dem Pilotprojekt, aber man prüfe auch in diese Richtung.

Kulturwandel beim orangen Riesen

Dazu gehört auch ein Kulturwandel. Auch dort will der orange Riese den Schritt ins digitale Zeitalter machen. Denn die Migros hat ihre digitalen Kompetenzen bisher vorwiegend gekauft (bspw. Le Shop, Digitec). Aber kaum integriert. Ralf Wölfle, Leiter Kompetenzschwerpunkt E-Business an der Fachhochschule Nordwestschweiz, sagt: «Die Herausforderung für die Migros besteht darin, die neuen Kompetenzen aus den elektronischen Geschäftsmodellen mit den bestehenden zu verbinden.» Das falle ihr schwerer als Coop, da die Migros dezentraler organisiert sei. Wölfle sagt aber auch: «Interessant ist, dass jetzt vieles auf Genossenschaftsebene passiert, nicht mehr beim Genossenschaftsbund. Es erinnert ein bisschen an die Freiheiten, die erfolgreiche Onlineplayer wie Amazon oder Zalando ihren Mitarbeitern geben, um Innovationen zu fördern.»

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