Aargau

Auf den Abschuss folgt das Strafverfahren: Jäger fürchten sich vor Anzeigen

Unter Beschuss: Jäger machen sich Sorgen, vermehrt in Strafverfahren verwickelt zu werden.

Unter Beschuss: Jäger machen sich Sorgen, vermehrt in Strafverfahren verwickelt zu werden.

Der Verein Jagd Aargau sorgt sich wegen einer Entwicklung, die den Jägern zu schaffen macht. Rainer Klöti, Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins Jagd Aargau, befürchtet gar einen neuen Trend.

Der Jagdaufseher köpfte die Pekingente Bella. Er wollte das vermeintlich verletzte Wildtier von seinem Leiden erlösen. Dass die 15-jährige Hausente an Gleichgewichtsstörungen litt, stellte sich erst im Nachhinein heraus. Der Vorfall hatte für den Jagdaufseher ein juristisches Nachspiel, gegen ihn wurde eine Strafuntersuchung geführt.

Keine Strafe für den Jagdaufseher, der in Baden Ente Bella tötete - Online Redaktion Tageszeitungen ausgeschnitten

Keine Strafe für den Jagdaufseher, der in Baden Ente Bella tötete.

 

Kein Einzelfall. Ein anderer Jäger sah sich vergangenen Herbst ebenfalls mit einem Strafverfahren konfrontiert. Sein Hund roch auf der Treibjagd im Bezirk Zofingen ein verletztes Reh, das sich ein wenig ausserhalb des Jagdgebiets versteckt hatte, spürte dieses auf und griff es – so schien es zumindest – an. Eine Gruppe Reiter beobachtete den Vorfall und alarmierte die Polizei.

Rechtsbeistand für Jäger

Im Fall der Ente Bella wie auch im anderen wurden die Verfahren inzwischen eingestellt. Die Jäger atmen auf – vorläufig. Die Sorge, künftig vermehrt mit Anzeigen wegen angeblicher Widerhandlungen gegen das Tierschutzgesetz eingedeckt zu werden, ist deswegen nicht verschwunden. Im Gegenteil: Rainer Klöti, Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins Jagd Aargau, befürchtet einen neuen Trend. Er erklärt sich die Entwicklung einerseits mit dem hohen Stellenwert, der dem Tierschutz zukommt, andererseits mit den fehlenden Kenntnissen einiger Waldbesucher: «Die Aufgaben der Jagdaufsicht sind der urbanen Bevölkerung nicht bekannt.»

Der Jagdschutzverein hat bereits reagiert und will künftig seinen Mitgliedern einen Rechtsbeistand anbieten. «Wir haben Massnahmen zum Schutz der unentgeltlich tätigen Jagdaufseherinnen und Jagdaufseher vor unsachlichen Anzeigen und Verunglimpfungen eingeleitet», sagt Klöti.

Die Rechtskonsulentin der Aargauer Jäger, Vera Beerli, teilt die Sorge des Präsidenten: «Wir beobachten natürlich alle uns bekannt werdenden Strafverfahren mit Jagdbezug, auch ausserkantonale, und ziehen daraus unsere Schlüsse. Da zeichnet sich insgesamt tatsächlich eine Tendenz zu mehr Strafverfahren ab.» Sie erklärt die Entwicklung mit dem Spannungsfeld zwischen Tierschutz- und Jagdgesetz. Ersteres ist verhältnismässig neu, gilt erst seit neun Jahren und macht in Bezug auf die Jagd nur allgemeine Aussagen. Deshalb sagt Beerli: «Nun müssen Gerichtsurteile für Klarheit sorgen, welches Gesetz wann Vorrang hat.»

«Das ist dicke Post»

Anwältin Vera Beerli, die in ihrer Freizeit selbst auf die Jagd geht, ist sich bewusst, dass gewisse Situationen für Aussenstehende missverständlich aussehen können. «Spaziergänger oder Jogger beobachten etwas, das ihnen wie Tierquälerei vorkommt, und rufen die Polizei.» Sie rechnet damit, dass sich solche Vorfälle in Zukunft häufen werden. Dazu trägt bei, dass im Wald längst nicht mehr nur Jäger anzutreffen sind. «Auch in der Natur leben wir immer dichter zusammen.»

Über die Entscheide, beide Strafverfahren gegen die betroffenen Jäger einzustellen, ist Vera Beerli «sehr glücklich», wie sie sagt. Insbesondere der Fall mit dem verletzten Reh habe die betroffene Jagdgesellschaft in «helle Aufregung» versetzt. Der Aufseher habe das Tier so schnell wie möglich von seinem Leiden erlöst und somit alles richtig gemacht, sagt Beerli. «Auch der Hundebesitzer ist sich keiner Schuld bewusst. Wegen eines normalen Verhaltens in ein Strafverfahren zu geraten, ist dicke Post.» Die Rechtskonsulentin sagt deshalb: «Würden Jäger wegen solcher Zwischenfälle verurteilt, könnten wir gar nicht mehr auf die Jagd mit Hunden gehen und unseren gesetzlichen Auftrag nicht mehr erfüllen.»

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