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Auf dem Wasser durch den Aargau: Schon dieses kleine Boot stört die Natur empfindlich

Eddy Schambron paddelt los

Eddy Schambron paddelt los: In Oberrüti macht er sich auf die Reise.

In einem roten Schlauchboot nimmt AZ-Redaktor Eddy Schambron seine Tour auf Aargauer Flüssen in Angriff. Der erste Abschnitt auf der Reuss im Freiamt führt durch ein Gebiet, das für Wasservögel wichtig ist.

Die Reuss rauscht am Damm entlang. Ich steige in Oberrüti in mein kleines Boot und mache mich flussabwärts auf die Reise. Ich will den Aargau von Süden nach Norden auf Reuss, Aare und Rhein durchqueren.

Das Wetter macht nicht so mit, wie ich es möchte. Die Vorhersage für diese Woche im Juni bietet alles, ist aber nicht wirklich gut.

Aber einmal muss man sich festlegen und losziehen. Das Gepäck ist wasserdicht auf dem Bug meines Packrafts, ein ultraleichtes und klein zusammenfaltbares Boot, festgeschnallt. Ich habe nur das Nötigste dabei, aber weil ich im Freien übernachten will, kommt doch einiges zusammen.

Wie lange ich unterwegs sein werde? Die Fliessgeschwindigkeit der Flüsse, das Wetter und nicht zuletzt die Hindernisse, die ich zu Fuss umgehen muss, werden das beeinflussen.

Ich halte mich zuerst am linken Ufer, paddle in die Flussmitte und lasse die Reusslandschaft an mir vorbeiziehen. Nach der Sinser Holzbrücke gilt es links zu halten, weil eine Steinansammlung leicht aus dem Wasser ragt. Dann folgt ein Zeichen nach rechts; in jüngerer Zeit wurden im linken Flusslauf Buhnen eingebaut, die den Fischen das Laichen einfacher machen. Immer wieder steigen Vögel aus dem dichten Grün auf, Taucherli und Enten weichen aus und fliegen auf, wenn mein rotes Boot auftaucht.

Im Sommer viele Boote

«Ja», sagt Josef Fischer, Geschäftsführer der Stiftung Reusstal, «Bootsfahrer stören die Natur manchmal erheblich.» Die Abschnitte zwischen der Mühlauer- und der Werderbrücke sind für die Wasservögel bedeutend, ganz abgesehen vom Flachsee bei Rottenschwil selber. «An warmen Sonnentagen sehen wir oft Bootsbetrieb vom Morgen bis in den späten Abend.» Das stört zum Beispiel die Reiherente, die im Sommer zur Hauptbade- und -bootszeit brütet.
Nicht nur Fluss-Trekking nimmt zu. Neu gesellen sich die Stand-up-Paddler dazu, «eine ganz neue Kategorie von Störung».

Im Gegensatz zu Bootfahrern geben sie für die Vogelwelt durch ihre stehende Position eine ganz andere Störkulisse ab. Mit Neoprenanzügen ausgestattet, wird diese Aktivität auch in kühleren Monaten ausgeübt. Dazu kommt, dass durch klimatische Veränderungen die heutigen Sperrzeiten beim Flachsee – von 1. November bis 15. März herrscht hier ein komplettes Bootsfahrverbot – nicht mehr stimmen: «Die Zugvögel kommen im Herbst früher vom Norden und bleiben zum Teil länger. Wir beantragen, die Sperrzeiten anzupassen», sagt Fischer.

Plastikflaschen im Schilf

Immer wieder sind in diesem Zug- und Wasservogelgebiet von nationaler Bedeutung, das ich gemächlich auf dem Wasser durchquere, Anzeichen von menschlichen Freizeitaktivitäten zu sehen: Da hat sich eine leere PET-Flasche im Schilf verfangen, dort liegen leergetrunkene Bierflaschen am Ufer. Über den Brücken ist gut leserlich vermerkt, dass entlang der Reuss und in der Reussebene das Campieren verboten ist. Josef Fischer weiss von krassen Fällen, wo Bootsfahrer auf Brutinseln angelandet sind und dort gar ihr Zelt aufgeschlagen haben. Sie müssen mit einer Anzeige rechnen.

Aber er macht sich keine Illusionen: «Wir haben zwar einen Informations- und Aufsichtsdienst, der jeden Tag unterwegs ist. Aber es bleibt bei Stichproben, das Gebiet ist zu gross.» An schönen, heissen Sommertagen ist viel los auf und neben dem Wasser. Littering, Hunde, die nicht an der Leine geführt werden, unerlaubtes Campieren – «wir suchen zuerst das Gespräch».

Mein Boot gleitet unter der Rottenschwiler Brücke hindurch. Am linken Ufer gibt es eine Fahrrinne für Böötler, damit die Vogelwelt im Flachsee nicht allzu sehr gestört wird. «Wir stellen fest, dass es für viele schwierig ist, die Fahrrinne von 25 Metern einzuhalten», weiss Josef Fischer. «Viele können die Distanzen nicht einschätzen oder kennen schlicht und einfach die Signalisationstafeln für Wasserfahrer nicht.»

Wer sich passiv treiben lässt, kommt zwangsläufig neben die vorgegebene Fahrrinne und damit viel zu nahe an den Inselbereich. Es beginnt zu regnen, das Paddeln wird anstrengend, weil hier kaum Zug ist in der Reuss. Ich gleite langsam am Kloster Hermetschwil vorbei und beende schliesslich in Zufikon meine erste Etappe der Flusswanderung. Hier muss ich das Kraftwerk ohnehin umgehen.

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