Prozess in Baden

«Auch ein netter Räuber ist ein Räuber» – versuchter Banküberfall und Entführung enden vor Gericht

Der Mann und die Frau haben den Banker mit einer Waffe bedroht. (Symbolbild)

Der Mann und die Frau haben den Banker mit einer Waffe bedroht. (Symbolbild)

Ein Mann und eine Frau, die einen Bankangestellten entführt hatten, standen vor dem Bezirksgericht Baden. Beide haben mit diversen Problemen in ihrem Leben zu kämpfen.

«Wahrscheinlich verstehen Sie heute nicht mehr, wie es so weit kommen konnte.» Das sagte Gerichtspräsident Daniel Peyer am Ende der Verhandlung zu Rita (59, alle Namen geändert), die vor gut drei Jahren zusammen mit Robi (32) versucht hatte, eine Bank zu überfallen. Die alleinerziehende Mutter, vor der Tat eine unbescholtene Bürgerin, die nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, hatte einen ungewöhnlichen Plan. Sie wollte einen Bankangestellten entführen, mit ihm in die Filiale fahren und ihn dort zwingen, ihr Geld auszuhändigen.

Das Geld brauchte sie, um für ihren Sohn eine Privatschule zu bezahlen. Dieser leidet unter Dyskalkulie, einer Mathematik-Schwäche, und besucht deshalb eine teure Maturitätsschule. Nach und nach zahlen Verwandte und Freunde nichts mehr, Rita sieht nur den Banküberfall als Ausweg.

Obdachloser als Tathelfer

An einem Tag im März 2015 trifft sie an der Zürcher Langstrasse dann auf Robi und nimmt ihn als Helfer mit. Der junge Obdachlose ist damals alkohol- und drogensüchtig und könnte Geld brauchen. Rita und Robi geben vor, beim Banker zu Hause ein Paket abzuliefern, bedrohen diesen mit der Waffe fahren mit ihm zur Filiale.

Dort wartet schon die Polizei – allerdings wegen eines anderen Alarms. Dennoch scheitert der versuchte Überfall, Rita und Robi verlässt der Mut. Sie geben ihren Plan auf, zwingen den Banker, an seinen Wohnort zurückzufahren, und verschwinden. Doch die Polizei kommt ihnen auf die Spur, und vor Gericht geben sie schon bei der ersten Verhandlung im Februar 2017 alles zu.

Baden:  Versuchter Überfall und Entführung enden vor Gericht

«Meine Klientin steckt in grossen finanziellen Nöten»

Patrick Bürgi, Pflichtverteidiger der Hauptangeklagten, spricht von einer «Verzweiflungstat».

Gutachten verzögern den Fall

Gefällt wurden die Urteile aber erst heute Mittwoch, zuvor wurden für beide Beschuldigten psychiatrische Gutachten erstellt. Rita, die arbeitslos ist und von der Sozialhilfe lebt, leidet unter Angststörungen, ist emotional instabil und kaum belastbar – sie ist aber schuldfähig und in der Lage, ihre Tat einzusehen. Bei der Befragung durch den Richter und beim Plädoyer ihres Verteidigers, der darauf hinweist, dass Rita von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, schluchzt sie oft.

Robi, der bei der Verhandlung unentschuldigt fehlt, erschien mit 2 Promille Alkohol im Blut beim Gutachter. Dieser diagnostizierte bei Robi eine dissoziale Störung und stellte eine verminderte Schuldfähigkeit fest. Er empfahl zudem eine Therapie gegen die Drogensucht des Mittäters.

Rita: Strafe nur zum Teil bedingt

Staatsanwalt Christoph Rüedi fordert für Rita eine Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten. Sie sei treibende Kraft der Entführung gewesen, habe viel kriminelle Energie gezeigt, und für den Bankangestellten sei das Erlebnis schwerwiegend und verängstigend gewesen. Andererseits habe sie echte Reue gezeigt, sich kooperativ verhalten und die Genugtuung von 7000 Franken, welche der Banker verlangte, bei ihrem Anwalt bereits hinterlegt.

Verteidiger Patrick Bürgi verlangte zwei Jahre Haft, dies bedingt. Rita habe bei der Entführung keine Gewalt angewendet, das Opfer sei nicht in Gefahr gewesen. «Sie war ungeeignet für eine Entführung, hat sie dilettantisch und naiv durchgeführt», führte der Anwalt aus. «Es kann nicht sein, dass diese Frau ins Gefängnis muss.»

Doch die Mehrheit des Gerichts sah dies anders und verurteilte Rita wegen Entführung und versuchter räuberischer Erpressung zu zweieinhalb Jahren Haft. Zwei Jahre wurden bedingt ausgesprochen, sechs Monate muss sie absitzen. «Auch ein netter Räuber ist ein Räuber», sagte Gerichtspräsident Peyer. Eine Entführung sei ein schwerwiegendes Delikt, sie habe ihren Plan hartnäckig und zielstrebig verfolgt.

Robi: Drei Jahre und Therapie

Zwei Jahre und acht Monate Haft verlangte der Staatsanwalt für Robi. Zwar sei dessen Tatbeitrag als Helfer untergeordnet, er habe aber keinerlei Reue gezeigt und sei in der Zeit seit der Entführung erneut straffällig geworden.

Verteidigerin Eveline Gloor sagte, Rita habe die Gutmütigkeit und die Drogensucht von Robi ausgenutzt. «Heute würde er nicht mehr mitmachen.» Er habe bei der Tat eine Nebenrolle gespielt und den Banker anständig behandelt. Gloor beantragte 18 Monate Haft bedingt. Das Gericht setzte das Strafmass für ihn deutlich höher an. Robi muss laut dem einstimmigen Urteil für drei Jahre ins Gefängnis. Überdies ordnete das Gericht beim 32-Jährigen eine stationäre Therapie gegen Drogensucht an.

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