Regierungsratswahlen

Auch bürgerliche Frauen unterstützen Christiane Guyer: Frauensolidarität mit Zwischentönen

Christiane Guyer

Christiane Guyer

Auch bürgerliche Frauen unterstützen, neben ihren eigenen Kandidaten, die Grüne Christiane Guyer für die Regierungsratswahl. Ist das Geschlecht also das stärkere Kriterium als die Partei?

Die vier bisherigen Regierungsräte sind für die Wiederwahl am 18. Oktober unbestritten, die SP will den Sitz von Urs Hofmann mit ihrem Co-Fraktionschef im Grossen Rat, Dieter Egli, vertei­digen. Fünf Frauen treten an, ausser der Grünen Christiane Guyer gelten sie aber als chancenlos. Die Frauenfrage ist im Regierungsratswahlkampf unter diesen Voraussetzungen rasch ins Zentrum gerückt, denn die Chancen, dass eine Frau die Wahl schafft, ist arithmetisch viel kleiner, als dass der Regierungsrat ein Männergremium bleibt.

Doch Guyer hat Unterstützung: Von den Parteien empfehlen sie Grüne, SP und GLP zur Wahl. Auch Bürgerliche geben auf Guyers Website ein Testimonial für die Grüne ab: so etwa der Zofinger Stadtammann und Grossrat Hans-­Ruedi Hottinger, CVP-Grossrätin Sabine Sutter-Suter und alt Ständerätin Christine Egerszegi (FDP).

Egerszegi und Sutter-Suter machen weiter bei einer Inserate-Kampagne für Guyer mit. Zusammen mit den Nationalrätinnen Yvonne Feri (SP) und Irène Kälin (Grüne), Grossrätin Renata Siegrist (GLP) und Vera Becker (Junge Grüne) fordern sie «Eine starke Frau für den Aargau». Das Inserat ist neutral in Blau gehalten, Christiane Guyers Partei­zugehörigkeit steht nirgends.

Frauensolidarität kommt vor Parteizugehörigkeit

Ist das Geschlecht also das stärkere Kriterium als die Partei? Nicht zwingend, in diesem Fall für sie persönlich aber durchaus, sagt Christine Egerszegi: «In einem Kollegium geht es darum, Lösungen zu finden. Man wird von einer Partei nominiert, von der Mehrheit gewählt, und dann ist man für alle da.» Sie kenne Christiane Guyer schon lange und traue ihr das Regierungsratsamt zu, «sie leitet eine grosse Verwaltungsstelle und ist seit zwölf Jahren Stadträtin. Sie kann das», so Egerszegi.

Einen Widerspruch zu ihrer eigenen Parteizugehörigkeit sieht die FDP-Frau nicht, zumal sie mit Stephan Attiger auch den freisinnigen Kandidaten unterstütze. «Eine Frau hat aber einen anderen Erfahrungshintergrund als ein Mann, deshalb sollen auch Frauen im Regierungsrat vertreten sein.»

Egerszegi sagt, sie habe keine negativen Rückmeldungen aus der FDP zu ihrer Unterstützung von Guyer erhalten. «Warum sollte ich auch? Es gibt ja fünf Linien», sagt die erste Aargauer Ständerätin und erste Gemeinderätin von Mellingen. Für sie als Pionierin für Frauen in der Politik sei es eine Selbstverständlichkeit, fähige Frauen bei Wahlen zu unterstützen.

Christine Egerszegi über die Aargauer Gross- und Regierungsratswahlen

Christine Egerszegi im Tagesgespräch von TeleM1 über die Aargauer Gross- und Regierungsratswahlen

      

Auch Sabine Sutter-Suter unterstützt die Grüne aus Frauensolidarität: «Ich wähle Christiane Guyer, weil wir beide eine bessere Frauenvertretung in der Politik anstreben», lässt sie sich in ihrem Testimonial zitieren. Als Präsidentin der CVP-Frauen habe sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen spezifische Lebenserfahrung mitbringen. Deshalb unterstütze sie mit Guyer eine Frau mit dem nötigen Rüstzeug für den Regierungsrat, auch wenn sich deren politische Ansichten nicht unbedingt mit ihren eigenen deckten.

Wie Egerszegi will aber auch Sutter nicht nur auf Guyer setzen: «Ich unterstütze selbstverständlich und vor allem auch unseren eigenen Regierungsrat Markus Dieth», sagt sie. Und auch sie verweist darauf, dass schliesslich jede Stimmbürgerin fünf Personen wählen kann.

«Nicht die Parole der CVP-Frauen»

Entsprechend wenig Freude hatte die Grossrätin an der Parolenfassung des Vereins Frauenaargau: Wer eine Frau im Regierungsrat haben wolle, solle Christiane Guyer auf den Wahlzettel schreiben und die restlichen vier Linien leer lassen. Fast alle Organisationen, die sich im Kanton für Frauen-Anliegen einsetzen, gehören zu Frauenaargau, auch die Frauen-Sektionen der Parteien. Sutter-Suter präsidiert die CVP-Frauen-Aargau, stellt aber klar: «Die Parole von Frauenaargau ist nicht jene der CVP-Frauen. Wir distanzieren uns davon.» Das habe sie Frauenaargau so mitgeteilt.

Auch CVP-Kantonalparteipräsidentin und Nationalrätin Marianne Binder stutzte ob der Wahlempfehlung, sie hat ihren Unmut beim Verein schriftlich deponiert. «Bedenken Sie, dass Ihre Nichtempfehlung beziehungsweise Abwahlempfehlung den Strategien der involvierten Parteien zuwiderläuft», schrieb sie.

Sie schätze den Einsatz von Frauenaargau, so die Nationalrätin, gibt aber entgegen den Aussagen von Sutter und Egerszegi zu bedenken, dass die Bevölkerung letztlich nach ihrer politischen Präferenz wähle: «Gewählt wird jemand halt nach wie vor nicht gemäss dem Geschlecht, sondern nach völlig anderen Kriterien. Und diese sind für Männer wie Frauen gleich.»

Marianne Binder richtet ihren Protest nicht gegen Guyers Kandidatur, stellt sie klar, sondern gegen die den CVP-Frauen in den Mund gelegte Wahlempfehlung. Auch Sabine Sutter-Suter macht deutlich, dass sie hinter ihrer persönlichen Empfehlung für Christiane Guyer stehe, diesbezüglich aber nicht für die CVP-Frauen rede.

Guyer will die Mehrheit des Aargaus repräsentieren

Kurz vor dem grossen Wahltag wagt Christiane Guyer keine Prognose, ob ihr die Unterstützung aus anderen Parteien reichen wird, auch wenn sie die Solidarität im Wahlkampf spüre. Dass sie auf diese angewiesen ist, weiss die Grüne – ihre eigene Partei hatte bei den Nationalratswahlen 2019 einen Wähleranteil von 9,8 Prozent. Zwar sei die Grüne Partei aus ihrer Sicht sowieso jene, die sich am konsequentesten für die Frauen einsetze, wie sie auch naturgemäss ihre anderen Anliegen am besten repräsentiere, aber: «Eine Regierung funktioniert nur mit überparteilicher Zusammenarbeit. Sie nimmt eine gemeinsame Haltung ein.»

Warum ist es dann so wichtig, dass eine Frau dort dabei ist? Gerade wegen dieser Zusammenarbeit, erklärt Guyer, funktionierten gemischte Teams besser als homogene, so sei ihre Erfahrung. Ausserdem seien derzeit jene 51 Prozent der Aargauer Bevölkerung, die Frauen sind, im Regierungsrat nicht vertreten: «Dieses Missverhältnis hat mit den Parteizugehörigkeiten der Regierungsräte nichts zu tun. Aber es muss sich ändern.»

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