Atommüll
Attiger redet Klartext: «Wir wollen das Tiefenlager nicht im Aargau»

Der Baudirektor ist überrascht, dass die Nagra nur noch zwei Endlager-Standorte weiterverfolgen will. Und er kündigt jetzt schon Widerstand an für den Fall, dass der Atommüll aus politischen Gründen im Aargau entsorgt werden sollte.

Mathias Küng
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Endlager Atommüll Bözberg
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Diese Gemeinden wären von einem Endlager im Bözberg betroffen.
So würde die Oberflächenanlage für das Endlager am Bözberg aussehen – sie ist in Villigen geplant.

Endlager Atommüll Bözberg

Daniel Desborough

Herr Regierungsrat, statt wie erwartet zwei hat die Nagra vier der sechs möglichen Tiefenlager-Standorte gestrichen. Hat Sie das überrascht?
Stephan Attiger: Wir wussten, dass eine Einengung erfolgen und der eine oder andere Standort wegfallen würde. Die Einengung auf nur noch zwei Standorte und damit auf das Minimum der möglichen Optionen hat die Aargauer Regierung tatsächlich ausserordentlich überrascht. Da schliesslich der Bundesrat entscheidet, könnten also weiterhin auch von der Nagra gestrichene Standorte infrage kommen. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gross, dass man da nicht mehr zurück kann.

Warum die Überraschung? Glauben Sie, dass die Entscheidgrundlagen dafür nicht ausreichten?
Eins vorweg: die zwei Gebiete Nördlich Lägern und Jura-Südfuss, die auch den Aargau tangieren würden, fallen laut der Nagra weg. Darüber ärgern wir uns gewiss nicht. In der jetzigen Phase musste die Nagra die eindeutigen Nachteile der einzelnen Regionen nachweisen. Ob diese so gross sind, dass bereits vier mögliche Gebiete wegfallen, werden wir noch überprüfen.

Das heisst?
Sollte an einem dieser Standorte ein No-go eintreten, etwa eine wasserführende Schicht, bleibt plötzlich nur noch einer übrig. Wir zweifeln nicht an der Arbeit der Nagra. Aber für deren Einengung schon jetzt auf zwei Standorte muss es sehr gut nachvollziehbare, klare Gründe geben. Wir sind skeptisch, ob die zurzeit vorliegenden wissenschaftlichen Kenntnisse tatsächlich ausreichend sind, um schon auf zwei Standorte zu reduzieren.

Dann sehen Sie in dieser Einengung ein hohes Risiko?
Ich erachte sie als riskant. Ich kann aber natürlich nicht bloss aufgrund der gestrigen Medienkonferenz des Bundesamtes für Energie sagen, was richtig und was falsch ist. Die Vorschläge der Nagra basieren auf vieltausendseitigen Unterlagen. Wir bekommen die Detailunterlagen erst. Dann fängt bei uns die Arbeit richtig an.

Wie viel Zeit haben Sie dafür?
Eineinhalb Jahre. Diese Zeit nehmen wir uns, um die Vorschläge genau zu prüfen. Übrigens wird der Kanton vom Bund dann zum ersten Mal offiziell angehört, vorher konnten wir uns zur Etappe 2 nicht offiziell äussern. Wir werden mit den betroffenen Gemeinden und Regionalplanungsgruppen reden und 2016 eine umfassende Stellungnahme abgeben. Unser Ziel ist, mit einer Stimme zu sprechen. Wir werden uns nicht scheuen, auch Stellung zu Fragen zu nehmen, die der Bundesrat womöglich nicht stellt. Parallel dazu prüfen auch das BFE und das Eidgenössische Nuklear-Sicherheitsinspektorat (Ensi) die Unterlagen.

Zusätzliche Sondierbohrungen sollen folgen. Deren Resultate liegen aber noch nicht vor, solange Sie die Vorschläge prüfen können?
Das ist so. Zwar macht die Nagra schon ab diesem Herbst seismische Messungen. Doch eine vertiefte Standortuntersuchung folgt erst in der dritten Etappe ab 2017, sofern der Bundesrat zuvor die Standortvorschläge der Nagra gutheisst.

Könnte die Aargauer Regierung verlangen, den Standortfächer grösser zu halten, bis man verlässliche Informationen über den Untergrund hat?
Wir müssen gänzlich offenlassen, ob wir am Schluss die Vorschläge der Nagra nachvollziehen können oder ob wir Antrag stellen müssen, diese Reduktion nicht vorzunehmen. Wir verweigern uns aber nicht, gehen unvoreingenommen an die Unterlagen heran und prüfen diese intern genauestens. Diese Prüfung findet auch im Ausschuss der Kantone statt, in dem wir mitvertreten sind.

Worauf achten Sie?
Uns interessiert sehr, ob Standorte wegen fehlender Eignung ausgeschieden sind oder ob die Unterschiede «nur» gradueller Art sind. Klar ist: am Schluss kann ohne Frage nur der sicherste Standort für das Tiefenlager infrage kommen. Sicherheit ist nicht verhandelbar.

Was kann denn für oder gegen einen Standort sprechen?
Es gibt meines Wissens keinen Standort, der unter allen Kriterien klar obenauf schwingt. Der eine mag ein besseres Volumen, der andere eine bessere Zugänglichkeit vorweisen, beim einen kann man weniger tief gehen usw. Uns interessiert auch sehr, wie die einzelnen Kriterien gewichtet werden, ob die Bewertung richtig gemacht wurde. All diese Fragen klären wir technisch genauestens ab, um uns ein eigenes Bild machen zu können.

Man könnte an einem Standort die hoch- und am anderen die mittel- und schwachaktiven Abfälle lagern.
Diese Möglichkeit besteht grundsätzlich. Auch deswegen braucht es vertiefte Untersuchungen. Wenn sich gar beide Standorte als ungeeignet erweisen sollten, müssten wir von vorn beginnen und würden rund 20 Jahre Zeit verlieren! Man könnte kaum einfach auf die von der Nagra ausgeschiedenen Standorte zurückgreifen. Die Leute dort erhielten gestern von ihr das Signal: «Ihr könnt Eure Plakate runternehmen, die Sache ist für Euch erledigt.» Natürlich besagt das Kleingedruckte, dass am Schluss der Bundesrat entscheidet. Aber darauf zurückzukommen, wäre sehr schwierig. Auch deshalb ist die Einengung zu diesem frühen Zeitpunkt heikel.

Sie sind aber wohl nicht überrascht, dass der Aargau mit der Region Jura Ost «im Rennen» bleibt?
Dass diese noch dabei ist, ist keine Überraschung. Zu klären ist aber, warum die anderen vier wegfallen sollen. Das Gebiet Südranden im Schaffhausischen zum Beispiel ist auch als möglicher Favorit gehandelt worden. Eins ist mir sehr wichtig: Die Aargauer Regierung sagt klar, wir wollen das Tiefenlager im Aargau nicht. Wir nehmen so schon grosse Belastungen auf uns. Wir haben zum Beispiel neben den Kernkraftwerken das Zwischenlager, in dem die Fässer jahrzehntelang zwischengelagert werden. Aber wir stehen auch zur Aussage: Es muss der sicherste Standort sein.

Sie sagen, es müsse der sicherste Ort sein, aber nicht hier, weil der Aargau genug andere Lasten habe. Das ist doch ein Widerspruch.
Nein. Zentral ist die Sicherheit, daran gibt es nichts zu deuteln. Zu dieser Aussage steht auch die Zürcher Regierung, mit der wir in gutem Kontakt sind. Sollte sich indes herausstellen, dass zwei oder mehr Standorte gleichwertig sind, gehen wir davon aus, dass das Tiefenlager nicht in den Aargau kommt.

Warum?
Weil dann die von mir erwähnten Lasten des Aargaus gegen einen Standort im Aargau den Ausschlag geben.

Bei der Variante Jura Ost gibt es Diskussionen über den Standort der Oberflächenanlage in Villigen,
neben dem PSI. Was sagen Sie?
Eine zentrale Forderung von uns ist, dass das PSI als wichtigstes Forschungszentrum der Schweiz mit seinen Grossforschungsanlagen in seiner Entwicklung nicht eingeschränkt werden darf. Dazu gehört SwissFEL, wofür auch der Aargau 30 Millionen Franken investiert hat. Das ist eine Generationeninvestition!

Wo läge das Problem?
SwissFEL-Ingenieure sagen mir, dass sie spüren, wenn draussen ein Auto vorbeifährt. Da frage ich mich schon, wie man in der Nähe ein Tiefenlager bohren und eine Oberflächenanlage hinstellen will. Wir haben grösste Vorbehalte zur Vereinbarkeit des Standortes für die Oberflächenanlage mit dem PSI. Und wir fragen, wie ein Tiefenlager mit dem Bözberg und dem Jurapark kompatibel sein soll.

Sie betonen die Sicherheit. Viele Leute erwarten letztlich aber einen politischen Entscheid und dass der Atommüll sowieso im Aargau landet.
Sollte am Schluss ein politischer Entscheid resultieren, machen wir einen Aufstand. Der Entscheid muss dereinst 100 Prozent faktenbasiert sein. Auch die Kosten wären absolut kein Argument. Einen politischen Standortentscheid würden wir niemals akzeptieren.

Südranden und Nördlich Lägern liegen sehr nahe bei Deutschland, das sich vehement gegen ein nahes Tiefenlager wehrt. Könnten da politische Überlegungen mitspielen?
Wir gehen davon aus, dass die Nagra ihre Vorschläge rein aus Sicherheitsüberlegungen macht. Sollten wir im Verlauf des Verfahrens aber sehen, dass irgendwo ein Standort aus politischen Gründen aus dem Rennen fallen sollte, würden wir sofort intervenieren.