Strassenverkehr

Attiger: «Das Wichtigste ist, die Erreichbarkeit der Zentren zu erhalten»

Baudirektor Stephan Attiger: «Wir rechnen bis 2040 mit zusätzlichen 180 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wir müssen die Infrastruktur entsprechend vorausplanen.»

Baudirektor Stephan Attiger: «Wir rechnen bis 2040 mit zusätzlichen 180 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wir müssen die Infrastruktur entsprechend vorausplanen.»

Der Aargauer Baudirektor Stephan Attiger erklärt, warum die Verkehrsinfrastruktur im Ostaargau bis 2040 für eine Milliarde Franken ausgebaut wird und warum eine doppelstöckige Autobahn nicht in Frage kommt.

Brugg und Mellingen bekommen bald eine Umfahrung, der Badener Schulhausplatz wird teuer saniert, weitere Projekte sind im Gang. Braucht es im Ostaargau überhaupt noch zusätzliche Verkehrsinfrastruktur?

Stephan Attiger: Der Schulhausplatz wird saniert, ja. Das bringt aber keine Kapazitätssteigerung. In den Zentren Baden/Wettingen und Brugg/Windisch haben wir über 80 Prozent Ziel-Quellverkehr. Wir müssen diese Zentren entlasten. Denn dort können wir die Verkehrsfläche nicht weiter ausdehnen. Wir brauchen diese nicht nur für den motorisierten Individualverkehr, sondern auch für Langsam- und öffentlichen Verkehr. So kommen die Busse pünktlich zum Bahnhof und wieder von dort weg.

Wie wollen Sie das erreichen?

Durch Entflechtung der Verkehrsträger. Wir bauen zentrumsnahe Umfahrungen für den motorisierten Individualverkehr. So gewinnen wir im Zentrum Fläche für Langsamverkehr und Busspuren.

«Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Gut»: Regierungsrat Attiger über die Grundgedanken hinter dem Verkehrsprojekt «Oase».

«Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Gut»: Regierungsrat Attiger über die Grundgedanken hinter dem Verkehrsprojekt «Oase».

Was, wenn wir dereinst plötzlich zu viel Infrastruktur haben?

Dieses Risiko ist relativ klein. Die Bevölkerung im Aargau wächst um gegen 7000 Personen jährlich – ungebremst. Wir rechnen bis 2040 mit zusätzlichen 180 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Das ist kein Ziel, aber diese Erwartung ist realistisch. Wir müssen die Infrastruktur entsprechend vorausplanen. Jetzt machen wir primär Trasseesicherungen, denn das wird mit jedem Neubau schwieriger!

Warum klappte das bisher nicht?

Bisher eilt die Siedlungsentwicklung dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur voraus. Wir versuchen, dies anzugleichen. Die Limmattalbahn ist ein gutes Beispiel. Hier bauen wir parallel zur Siedlungsentwicklung. Das Wichtigste ist, die Erreichbarkeit der Zentren zu erhalten.

Was halten Sie vom Vorschlag von Nationalrat Bernhard Guhl für eine Schnell- und Umfahrungsstrasse von Wettingen bis Aarau Ost?

Wir haben die Autobahn als nationales Strassennetz, dazu die Kantons- und die Gemeindestrassen. Jeder Strassentyp hat eigene Aufgaben. Wir bauen Kantonsstrassen, die den Verkehr aus den Tälern der Autobahn zuführen. Es wäre falsch, die Autobahn mit Kantonsstrassen zu entlasten. Wenn die Autobahn nicht mehr genügt, ist sie auszubauen. Deshalb muss die A 1 im Aargau jetzt rasch sechsspurig werden.

Sie sagen aber auch, dass selbst dies im Raum Baden dereinst nicht mehr reicht. Braucht es zuletzt eine doppelstöckige Autobahn, wie Ueli Giezendanner vorschlägt?

Doppelstöckigkeit klingt einleuchtend, ist aber kaum machbar. Denken Sie an die vielen Tunnels und Brücken. Für die Auf- und Abfahrten in den zweiten Stock bräuchte es monströse Anlagen. Es käme enorm teuer – und der Lärmschutz wäre kaum machbar. Da wäre ein Tunnel kaum aufwendiger, aber siedlungs- und landschaftsverträglicher.

«Jetzt müssen die Schweizer Highways kommen»: Ulrich Giezendanner will die Autobahn vertikal ausbauen.

22.04.: «Jetzt müssen die Schweizer Highways kommen»: Ulrich Giezendanner will die Autobahn vertikal ausbauen.

Was würden Sie denn tun?

Eins vorweg: Wir reden hier von drei Zeithorizonten. Der erste bis 2025 umfasst Projekte wie Bad Zurzach, Mellingen etc., die jetzt unterwegs sind. Der zweite, das Projekt Oase inklusive 6-Spur-Ausbau der A1, wird bis 2040 realisiert. Falls dies für die Zeit nach 2040 nicht genügt, könnte ich mir eine Lösung vorstellen wie bei der Eisenbahn. Diese kürzte die Fahrt von Zürich nach Bern mit dem Heitersbergtunnel ab. Das gab Baden Luft. Mit der Autobahn könnte man es dereinst genauso machen.

Sie präsentieren vier «Best-Varianten» für die betroffenen Regionen. Welche priorisieren Sie?

Anders als früher haben wir diese Vorschläge nicht gewissermassen hinter verschlossenen Türen erarbeitet. Wir haben die Gemeinden und Regionalplanungsverbände eingeladen, Ideen zu bringen, haben grosse Workshops gemacht. Es kamen über 100 Ideen. Wir haben alle genau angeschaut und begründet, warum wir eine nicht weiterverfolgten. Mit den je zwei Best-Varianten für beide Regionen gehen wir jetzt in ein normales Anhörungsverfahren. Wir priorisieren keine Variante, sind wirklich offen und hoffen auf viele Inputs!

Sie haben den 1 Milliarde Franken teuren Baldeggtunnel gestrichen. Die teuerste Oase-Lösung käme etwa gleich teuer. Wie viel mehr bringt sie?

Den Baldeggtunnel haben wir nicht wegen der Kosten gestrichen, sondern wegen der ungenügenden Kosten-Nutzen-Rechnung. Er hätte eine grossräumige Umfahrung gebracht, die nur dem Durchgangsverkehr genützt hätte. Aber wie gesagt: Über 80 Prozent in diesen Zentren ist Ziel-Quellverkehr. Mit den jetzigen Varianten entlasten wir diese massiv. Die Kosten sind also etwa gleich hoch, der Nutzen ist aber viel höher.

Verkraftet die Strassenkasse die laufenden und die Oase-Projekte oder droht eine höhere Fahrzeugsteuer?

Wir können die laufenden und die Oase-Projekte aus der Strassenkasse finanzieren. Eine Steuererhöhung ist nicht geplant. Mittelfristig müssen wir aber den Parlamentsauftrag für eine Ökologisierung der Fahrzeugsteuer umsetzen.

SP-Co-Fraktionschef Dieter Egli hat in der AZ gefordert, die Strassenkasse aufzulösen und die Mittel – zweckbestimmt – in die Kantonskasse einzuzahlen.

Die Strassenkasse hat eine klare Zweckbindung. Die ist sehr sinnvoll. Mit dem Strassenfonds können wir grosse Investitionen gut abfedern. Würde dies jedes Jahr über das Budget laufen, wären wir je nach Projektstand einmal 100 Millionen im Minus, einmal 100 Millionen im Plus. In einem Jahr mit wenig Investitionen würde man das Geld wohl für anderes brauchen. Und wenn die Investition kommt, wäre es nicht da.

Und wie binden Sie das Untere Aaretal an die A1 an?

Ein Hauptverkehrsast führt vom Unteren Aaretal über Brugg Richtung Aarau. Die beiden Varianten für Brugg/Windisch dienen auch der Verflüssigung dieses Verkehrs. Das gilt genauso für die Badener Varianten. Aus dem Unteren Aaretal kommt man künftig zuverlässiger zur A1. Und die Fahrt wird planbarer. Zudem bekommt das Untere Aaretal schon diesen Sonntag eine bessere S-Bahn-Verbindung.

Fürs Untere Aaretal sehen Sie zwei zusätzliche Bauwerke vor.

Die Frequenzen sind dort nicht so hoch, dass wir eine vierspurige Strasse bräuchten. Aber wir schlagen eine Umfahrung Station Siggenthal vor, um dort ein Knotenproblem zu lösen. Und wir bauen eine neue Brücke in Koblenz. Die Brücke wollen wir aber vom Oase-Verfahren abtrennen, denn dafür müssen wir uns mit Deutschland abstimmen.

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