Endlager-Entscheid
Atommüll-Gegner hoffen nun auf die Aargauer Solidarität

Drei Vereine kämpfen gegen ein Atommüll-Endlager in ihrer Region. Zwei von ihnen können aufatmen – aber auch aufhören? Der Verein «Kein Atommüll im Bözberg» hofft auf Unterstützung der ehemaligen Mitstreiter.

Manuel Bühlmann
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Der Widerstand geht weiter: KAIB bleibt im Kanton der letzte Verein, der sich gegen ein Endlager radioaktiver Abfälle in der Gegend wehren muss.

Der Widerstand geht weiter: KAIB bleibt im Kanton der letzte Verein, der sich gegen ein Endlager radioaktiver Abfälle in der Gegend wehren muss.

Sandra Ardizzone

Zwei Kandidaten sind noch übrig in diesem Auswahlverfahren, das niemand gewinnen will. Der Bözberg und das Zürcher Weinland. Beide kommen sie infrage für die Lagerung von radioaktiven Atomabfällen – mehr denn je. Überraschend gab die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) am Freitag bekannt, die Liste der potenziellen Standorte auf zwei statt auf vier zu reduzieren. Des einen Leid ist des anderen Freud. Die zwei übrigen potenziellen Aargauer Standorte Jura-Südfuss und Nördlich Lägern dürften nun verschont bleiben.

Aufatmen können allen voran Astrid Andermatt und Eva Schaffner. Beide kämpfen seit Jahren gegen ein Atomendlager in ihrer Region. Beide haben dazu einen Verein gegründet. Andermatt präsidiert «Nördlich Lägern ohne Tiefenlager» (LoTi), Schaffner «Kein Atommüll im Ballungsgebiet Aarau-Zofingen (KAAZ). «Froh, dass wir nun draussen sind», sagt Andermatt. «Erleichtert, dass der Atommüll nicht genau vor der Haustür gelagert wird», sagt Schaffner. Doch in Begeisterungsstürme verfallen beide nicht. Der Grund: Das Problem sei damit keineswegs gelöst. Eva Schaffner sagt gar: «Für den Aargau ist die Situation schlechter als vorher.» Weil nur noch zwei statt wie geplant vier Standorte im Rennen seien, liege der Fokus nun noch stärker auf dem Bözberg. «Die Gefahr ist gross, dass der Aargau zur Atommüllhalde wird.»

Geht es nach Schaffner, soll KAAZ weiter bestehen. «Es braucht uns noch als Widerstandsorganisation, die den Verantwortlichen auf die Finger schaut.» Sie befürchtet, ein Lager am Jura-Südfuss könnte plötzlich wieder zur Option werden, sollten bei den anderen beiden Standorten unvorhergesehene Probleme auftauchen. Darauf will der 230-köpfige Verein vorbereitet sein. Definitiv über die Zukunft von KAAZ entschieden wird an der nächsten GV.

Anders tönt es bei LoTi: Der Verein werde wohl aufgelöst, sagt Astrid Andermatt. Vielleicht bereits an der Generalversammlung im April. Der Kampf gehe zwar weiter, sagt sie, doch nicht mehr mit der gleichen Intensität. «Aber natürlich werde ich auch in Zukunft ein Auge auf die Entwicklung werfen und weiterhin bereit sein, die anderen in ihren Bemühungen um mehr Sicherheit zu unterstützen.» Das Interesse der 169 Mitglieder – Aargauer, Deutsche, Zürcher – sei nach dem Entscheid gegen einen Standort in ihrer Region vermutlich nicht mehr gleich gross wie davor.

Die dritte Aargauerin, die an vorderster Front ein Endlager im Kanton verhindern will, ist Elisabeth Burgener. Für sie geht der Kampf nun umso heftiger weiter. Der Verein, den die SP-Grossrätin als Co-Präsidentin anführt, heisst «Kein Atommüll im Bözberg (KAIB)». Mit 620 Mitgliedern die grösste aller schweizweiten Gruppierungen, die sich gegen ein Lager in der eigenen Region wehren. «Stärkster Widerstandsverein», nennt es Burgener. Und er wächst weiter, die ersten Neuanmeldungen sind kurz nach dem Nagra-Entscheid eingetroffen. Sie kommen gelegen. Burgener sagt: «Der Widerstand muss nun noch viel stärker werden.» Doch die Massen zu mobilisieren sei schwierig – gerade in einem AKW-freundlichen Kanton wie dem Aargau. «Keinen leichten Stand» habe, wer gegen ein Atommüll-Lager kämpfe.

Burgener hofft, dass der überraschende Entscheid der Nagra zu einem Weckruf werden könnte, der den gesamten Kanton aufrüttelt. «Innerhalb des Aargaus braucht es mehr Solidarität.»

Dafür plädiert auch Eva Schaffner vom KAAZ: «Der Aargau muss solidarisch sein.» Keine leichte Aufgabe in einem Kanton, der für seine grossen regionalen Unterschiede bekannt ist. «Wir müssen den Leuten klar machen, dass das Endlager nicht weit weg ist von uns», sagt Schaffner. «Geht am Bözberg mit dem radioaktiven Müll etwas schief, betrifft es uns alle auch.»

Schaffner stellt Unterstützung für KAIB in Aussicht. Wie diese aussehen könnte, lässt sie noch offen. «Ob personell, finanziell oder sonst wie, muss sich erst noch zeigen.»

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