Grau und trist die Landschaft, pflotschnass Schirme und Kapuzen: Wat für ein Schietwetter würde der Hamburger sagen. Im «Nock»-Vorzelt auf der Fricker Ebnet wurde am Samstagabend nicht lange geflucht: Manche ein Bier in der linken, einen Hot Dog in der rechten Hand, der eine oder andere Knirps mit beiden Händen ein Glacé-Cornet umklammernd, standen die Leute dicht an dicht, in ihren Gesichtern pure Vorfreude. Drei Stunden später war diese drinnen heller Begeisterung gewichen und die trübe Landschaft draussen von glitzerndem Schneeweiss überzogen.

Es ist immer dasselbe: Beim ersten Schritt ins Vorzelt, bleiben – bravo, bravissimo – Alltag und Wetterkapriolen draussen! Dass der «Nock», als diesjähriges Motto «bravo bravissimo» gewählt hat, ist ein Versprechen ans Publikum, ein wunderbares Erlebnis zu bieten. Während Besucher der Mailänder Scala, lauthals «bravo bravissimo» rufen, wenn ihnen ein Sänger ausserordentlich gut gefällt, zeigen Schweizer ihre Begeisterung mit nicht-enden-wollendem Klatschen.

Düsen durch die Stahlkugel

So geschehen am Samstag nach der Saison-Premiere. Wetten, dass sich dabei bei manchem Zuschauer ein beklemmendes Gefühl in der Brust löste. Denn eben noch war man Zeuge geworden von sechs Motorradfahrern, die kreuz und quer durch eine leicht elliptische Stahlkugel mit einem Maximaldurchmesser von rund fünf Metern gedüst waren. «The Robles» aus Kolumbien fangen zu zweit an, was noch fassbar ist. Als sich ein drittes und viertes Motorrad dazu gesellen, beginnt der Atem zu stocken. Bei Sechsen aber vergisst der Zuschauer vor lauter Hangen und Bangen sekundenlang Atem zu holen, während die Töff-Fahrer drauflos «blochen», als würden sie die Freiheit auf der Route 66 geniessen.

Die den Schlusspunkt bildendenden «The Robles» sind in der nunmehr 158. «Nock»-Saison einer von vielen Höhepunkten. Während die klassischen artistischen, ebenso wie die clownesken Nummern von immer wieder frischen Künstlern neu interpretiert zu geniessen sind, stagnieren die Tiernummern etwas. Die edle Hohe Schule und Freiheitsdressur von Franziska Nock mit ihren prächtigen Friesen-Rappen, Andalusier-Schimmel und schwarzen Kleinpferden sind zwar sehr gerne gesehen. Frische Dressur-Variationen und etwas mehr Pep würde ihnen allerdings ebenso gut anstehen, wie der Exotennummer vom Tessiner Paolo Finardi mit Kamelen, Lamas und Eseln.

Am Rande eines durchsichtigen Pools zeigt Melany Lester Dalton Handstand-Akrobatik. Zwischen den perfekten artistischen Darbietungen, springt sie immer wieder ins Wasser, planscht und spritzt darin so lustvoll, dass man leisen Drang zum Mitmachen verspürt. Nicht weniger faszinierend – und überzeugend – ist der weitere Auftritt der Portugiesin, wenn sie auf Rollschuhen mit ihrem Vater über eine kleine Plattform wirbelt, aber auch – am Hals ihres Vaters hängend – in rasantem Tempo darüber fliegt.

Netz leistet gute Dienste

Zweifach, dreifach sind die Salti, welche vier junge, sympathische Brasilianer als «The Flying Matos» zeigen. Wenn wechselweise eine der beiden Frauen oder der eine Mann sich – vom Trapez durch die Lüfte fliegend – vom Fänger in Empfang genommen werden, wirkt wenigstens das aufgespannte Netz etwas beruhigend auf die Anspannung der Zuschauer. Prompt hat dieses Netz an der Premiere bei zwei Versuchen des Dreifach-Saltos sehr gute Dienste geleistet. Ebenfalls am Trapez aber solo, schwingt sich die Chilenin Camilla Palma in atemberaubenden Positionen über die Manege.

Auf dem Boden verweilt hingegen Steacy Giribaldi. Jedenfalls theoretisch, nicht aber praktisch, denn ihr Arbeitsgerät ist eine Leiter. Ständig auf den beiden Holmen das Gleichgewicht haltend, wechselt die Italienerin, sich durch zwei Sprossen windend, die Seite, auch balanciert sie über nicht sehr grosse Metallpfähle.

Der Boden, der auf den Zuschauerrängen, ist ebenfalls die künstlerische Welt von Johnny Rico Popey. Der Clown aus Spanien ist ein ebenso guter Musiker, wie Animateur, versteht er sich doch blendend darauf, Leute aus dem Publikum ihn köstliche Spassmacher zu verwandelt. So bringt er fünf Zuschauer dazu, unter seinem Dirigat auf Handglocken «New York, New York» zu interpretieren. Er selber tönt, Pingpong-Bälle auf unterschiedlich gefüllte Glasflaschen spuckend, unmissverständlich Beethovens «Ode an die Freude» an.