Gotteshäuser

Atelier statt Amen: Drei Beispiele von Kirchen im Wandel

Holzbildhauer Thomas Lüscher, mit Tochter Nelly, arbeitet und lebt in einer ehemaligen Kirche in Staffelbach.

Holzbildhauer Thomas Lüscher, mit Tochter Nelly, arbeitet und lebt in einer ehemaligen Kirche in Staffelbach.

Eine Kirche dient heute als Zahnarztpraxis, eine andere als Atelier. In Turgi ist man sich derweil nicht einig, was mit dem Gotteshaus geschehen soll. Drei Beispiele von Kirchen, die keine Kirchenfunktion mehr haben oder bald soweit sein könnten.

Staffelbach: Der ideale Ort

Familie Lüscher wohnt in Staffelbach an der Kirchgasse. Nur, dass hier keine Kirche mehr steht. Wobei: Die Kirche steht noch, aber sie ist keine mehr. Sie ist jetzt das Atelier von Holzbildhauer und Bronzeplastiker Thomas Lüscher. Hier skizziert er, drechselt und schleift er , giesst und schnitzt er. Und jetzt im Winter bringt er Interessierten aus der Region das Schnitzen bei. Die drei Kurse waren schnell ausgebucht, «nächstes Jahr biete ich wahrscheinlich einen vierten an», freut sich der 47-Jährige.

«So wohl wie hier haben wir uns nirgends gefühlt!» Künstler Thomas Lüscher mit Tochter Nelly in der Werkstatt, die einst eine Kirche war.

«So wohl wie hier haben wir uns nirgends gefühlt!» Künstler Thomas Lüscher mit Tochter Nelly in der Werkstatt, die einst eine Kirche war.

Thomas Lüscher sitzt im Obergeschoss der ehemaligen evangelisch-methodistischen Kapelle, lässt einen Löffel Nescafé ins Glas fallen, giesst Heisswasser darüber. Nelly, eine der zwei Töchter, kommt in die Küche und wünscht einen guten Morgen. Neben dem selbst entworfenen Holztisch steht ein Christbaum mit gedrechselten Christbaumkugeln. Wo einst ein Pfarrer wohnte und Predigten für die Messe im Parterre schrieb, lebt jetzt Familie Lüscher. Die Kinder spielen Klavier und Schlagzeug. Auch das Klavier im Atelier, welches aus dem Originalinventar der Kirche stammt und 100-jährig sein dürfte, wird immer noch gespielt.

«Es isch eim eifach wohl do», sagt Thomas Lüscher. Die Atmosphäre stimme. Das habe viel damit zu tun, dass das Gebäude eine Kirche sei. «Wer früher Kirchen baute, wählte dafür einen idealen Ort, achtete auf die Ausrichtung und eine gute Bausubstanz. Was auch bei diesem Gebäude der Fall ist.»

Er habe schon an verschiedenen Orten gewohnt. «So wohl wie hier haben wir uns nirgends gefühlt!» Für einen Bildhauer sei es «der ideale Ort». Im grossen Saal der Gemeinde habe es viel zu feiern gegeben: «Andacht, Taufen, Hochzeiten. Dieses Positive spürt man bis heute.» Hin und wieder kämen ehemalige Gemeindemitglieder und erzählten, dass sie hier als Kinder zur Sonntagsschule gegangen seien, an welchem Platz sie gesessen hätten. Der Parkplatz wird auch von Nachbarn und Kollegen genutzt. «In einer Kirche sind alle willkommen. Das soll auch weiterhin so bleiben.» Überhaupt gab es im Dorf keine Skepsis gegenüber der Familie, die in eine Kirche zog. Anwohner bedankten sich – dafür, dass Lüschers das Gebäude wieder belebten.»

Bremgarten: Praxis statt Predigt

Am Anfang dieser Geschichte stehen die vier evangelisch-methodistischen Kirchgemeinden (EMK) Bremgarten, Lenzburg, Schafisheim und Rupperswil. Jede hatte zwischen 10 und 20 Mitglieder und eine eigene Kapelle samt Wohnung im OG. In allen Kirchen traf man sich regelmässig, der Unterhalt wurde mit Spendengeldern bestritten. Personell kamen die Gemeinden aber ans Limit: Den einen fehlten Leute in den Gottesdiensten, den anderen in der Jugendarbeit. Die Freiwilligen, die sich engagierten, waren müde. Dann kamen die Pfarrer Marc Nussbaumer und Thomas Matter. Sie halfen mit, die vier eng verbundenen Gemeinden wieder auf die Beine zu bringen. Sie wählten einen systemischen Ansatz: Organisationsentwicklung. Nussbaumer erinnert sich: «Wir haben gemerkt: Was uns verbindet, ist die Sehnsucht nach Gott und die Liebe zu den Mitmenschen. Das muss nicht an einen Ort gebunden sein.» Fazit des kreativen Prozesses: Man entschied, die vier Kirchen zu verkaufen und den Erlös als Eigenmitteil für ein gemeinsames grosses Gebäude einzubringen. In Hunzenschwil wurde die Halle eines Ersatzteillagers von Auto-Germann frei, und die EMK richtete darin die neu 3×3-Halle ein.

Wo einst Andacht gehalten wurde, werden heute die Patientinnen und Patienten der Zahnärzte Bremgarten GmbH behandelt.

Wo einst Andacht gehalten wurde, werden heute die Patientinnen und Patienten der Zahnärzte Bremgarten GmbH behandelt.

Zur gleichen Zeit brauchte Zahnarzt Frank Jablonski in Deutschland eine Pause vom Arbeitsleben. Er machte mit seiner Frau und den vier Kindern Ferien bei Freunden in der Schweiz. «Wir wollten einen Neuanfang», erzählt Jablonski. Mit seiner langjährigen Praxispartnerin suchte er in Bremgarten nach einer Liegenschaft. Und fand sie in der EMK-Kapelle. Sie hatten bewusst in Bremgarten gesucht: «Einfach, weil wir es hier so wunderschön fanden.» Bereut haben es Frank Jablonski und Praxispartnerin Cornelia Heukrodt-Matthies bis heute nie. Die Zahnärzte Bremgarten GmbH fing 2007 bei null an – und ist längst etabliert. Nach dem Ankommen suchte Jablonski für seine Familie eine neue Kirchgemeinde. Und fand sie – zufällig übers Internet – in der methodistischen 3×3. «Ich habe erst dann erfahren, dass sie die vormaligen Besitzer waren», sagt Jablonski lachend. Die Räume seien ideal, weil grosszügig und hell. Dass dies einst eine Kirche war, sieht man heute nur noch dem breiten Treppenaufgang an. Und der Bibel im Wartezimmer. 

Turgi: Doch nicht ersetzbar?

Lange nicht mehr machte eine einzelne Kirche solche Schlagzeilen: Die reformierte Kirche in Turgi soll abgebrochen und neu gebaut werden. So entschied es die Kirchgemeinde Birmenstorf-Gebenstorf-Turgi 2013. Doch eine Petition mit 400 Unterschriften forderte einen Planungsstopp. Die politische Gemeinde, zehn Jahre zuvor mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet und motiviert, dem Ortsbild Sorge zu tragen, verhängte eine Bausperre. Der Kanton hatte die Kirche – gleichzeitig mit der katholischen, die auch aus den 1960er-Jahren stammt und so mit der reformierten ein baugeschichtlich interessantes Ensemble abgibt – schon vor der Petition ins Bauinventar aufgenommen. Die Gemeinde Turgi will die Kirchen als kommunale Schutzobjekte aufnehmen. Ein Abriss wäre dann unmöglich. Das Pfarrhaus daneben würde nicht geschützt und dürfte einem Neubau Platz machen.

Die reformierten Kirchen von Turgi (Bild) und Villmergen sind die einzigen landeskirchlichen Kirchen, bei denen ein Abriss diskutiert wird.

Die reformierten Kirchen von Turgi (Bild) und Villmergen sind die einzigen landeskirchlichen Kirchen, bei denen ein Abriss diskutiert wird.

2017 holte die Gemeinde in einem Mitwirkungsverfahren die Meinungen ab. Diesen Monat wird nun der Entscheid gefällt. Christoph Zehnder, Leiter Ressort Liegenschaften der reformierten Kirchgemeinde, sagt: «Sollte es zu einer Unterschutzstellung kommen, werden wir dagegen vorgehen.» Er betont, dass man keinen Konflikt wolle – das Einvernehmen mit Gemeindeammann Adrian Schoop sei gut. Zehnder argumentiert: «Wir haben einen Beschluss unserer Kirchbürger, der Abbruch und Ersatzneubau verlangt. An diesen sind wir bis heute gebunden.» Geplant war 2013 nebst Kirchenräumen auch altersgerechtes Wohnen.

Die Bausperre beruhigte die Emotionen – und machte kreativ. Man probierte neue Nutzungen aus: Mittagstisch, Theaterkurs, Malen für Asylsuchende. Um herauszufinden, was in einem Neubau funktionieren könnte. «Dieser Prozess erfolgte in ständiger Kommunikation mit der Gemeinde und hat uns näher zusammengebracht», sagt Zehnder. Ammann Schoop sagt, dem Gemeinderat sei ein guter Dialog wichtig. Er verstehe die Emotionalität: «Viele Turgemer haben über Jahre Zuflucht an diesem Ort gesucht und ihren Glauben gelebt.» Über den Entscheid kann er noch nichts sagen. Man sei gerade daran, das Mitwirkungsverfahren abzuschliessen. Und wolle zuerst die Kirchgemeinden direkt informieren. Neue Schlagzeilen möchte in Turgi niemand.

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