Integrationsbericht
Asylsuchende im Aargau könnten besser betreut werden – helfen soll eine Gesetzeslücke

Zwei bislang unveröffentlichte Berichte zeigen, wie Asylsuchende ohne Entscheid besser betreut wären.

Mario Fuchs
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Deutsch lernen ja, integrieren nein: Das Gesetz gibt klar vor, was geht.Andres Kaufmann

Deutsch lernen ja, integrieren nein: Das Gesetz gibt klar vor, was geht.Andres Kaufmann

Andreas Kaufmann, Solothurner Ze

Wie gut sollen Personen, die noch nicht wissen, ob sie in der Schweiz als Flüchtlinge aufgenommen werden, integriert werden? Im Gesetz steht zusammengefasst: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Deutschunterricht und teilweise Arbeitseinsätze sind erlaubt; dafür zahlt der Bund auch Geld an die Kantone. Alles, was darüber hinaus geht, ist während des Asylverfahrens offiziell kein Thema – obwohl sich Asylexperten einig sind, dass bei denen, die am Schluss tatsächlich hier bleiben, jene Integrationsangebote am wirkvollsten gewesen sein werden, die sie von Anfang an nutzen konnten. Hierfür gibt es eine Art Schlupfloch: die Freiwilligenarbeit. Im Aargau setzen sich dafür im Asylbereich vor allem Vereine, die Landeskirchen und Hilfswerke ein.

Drei Minuten pro Person und Tag

Ein Paradebeispiel ist der Verein Netzwerk Asyl Aargau, der vor drei Jahren das Pilotprojekt «BBB» (Asyl mit Bildung, Begegnung und Beschäftigung) lanciert hatte. Ziel war, nach der Testphase die Angebote in die Regelstrukturen des Asylwesens zu überführen. Die Projektleitung führte deshalb im Frühling 2015 Sondierungsgespräche, wie dies realisiert werden könnte. Teil der Gespräche war eine Fachveranstaltung, die die Anlaufstelle Integration Aargau im Auftrag des Projekts BBB organisierte. So kamen im Mai vor einem Jahr die Leitungen der Anlaufstelle und des Projekts BBB mit Vertretern des Staatssekretariats für Migration, des kantonalen Sozialdiensts, der FHNW, der sozialen Dienste der Stadt Luzern sowie diverser privater Akteure zusammen.

Ziel des halbtätigen Workshops war, «Ideen und Massnahmen zu entwickeln, um im Aargau die bildungsorientierte Beschäftigung für Asylsuchende in der Regelstruktur zu verankern.» Daraus entstanden ein Bericht der Anlaufstelle Integration sowie ein Papier des Netzwerks Asyl mit Schlussfolgerungen daraus. Beide Berichte, die der az vorliegen, waren bislang keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Roland Juen, Sektionsleiter Asyl beim kantonalen Sozialdienst, betont darin etwa, dass es bei den «niederschwelligen Deutschkursen», die der Kanton anbiete, Wartelisten gebe. Für die individuelle Betreuung von Asylsuchenden fehle es zudem an personellen Ressourcen: «Einer betreuenden Person des KSD stehen rund drei Minuten pro Asylsuchendem pro Tag zur Verfügung», rechnet Juen vor.

Unter dem Motto «Best Practice» berichteten Gäste aus Luzern von einem Versuch, während dem von 2010 bis 2012 Integrationsmassnahmen für Asylsuchende mit Status N (ohne Aufnahme- oder Abweisungs-Entscheid) aus Somalia und Eritrea durchgeführt wurden. Fazit: Der frühzeitige Zugang etwa zu Praktika, Vernetzung und Partizipation sei «aus finanzieller und sozialer Sicht sinnvoll», die Somalier und Eritreer hätten so schneller eine Arbeit gefunden, die Sozialhilfequote sei gesunken.

Auch auf Rückkehr vorbereiten

In der Diskussion zeigte sich, dass es im Aargau zwar einige Angebote für Asylsuchende mit N-Status gibt, die Nachfrage das Angebot aber bei weitem übersteigt. Zudem erschwert die Grösse des Kantons etwa den Besuch von Deutschkursen: Die Anreise mit den öV ist teuer; freiwillige Kursanbieter können die Kosten nicht übernehmen. Weiter stellte die Expertenrunde fest, dass es zwar viele Angebote für und Anliegen von Asylsuchenden gibt, diese aber nicht koordiniert werden. Freiwillige leisteten zwar «eine grosse Arbeit», es fehle ihnen aber an Ressourcen, um diese zu professionalisieren.

Als Resultat aus dem Fachtreffen gab die Anlaufstelle Integration Aargau sieben Empfehlungen ab, wie die Situation verbessert werden könnte. Der Verein Netzwerk Asyl Aargau hat daraus konkrete Ziele abgeleitet. Er fordert etwa, eine Koordinationsstelle zu schaffen, um die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu verbessern, neue liberale Regelungen für Bewilligung, Entschädigung und Versicherung von gemeinnützigen Arbeitseinsätzen, Bewilligungen für Anstellungen in Branchen mit Personalmangel oder die Prüfung einer vermehrten Abgabe von Abonnements.

Vor allem aber sollen künftig verstärkt reintegrative Angebote gefördert werden. Das sind Projekte, welche die Kompetenzen für den Verbleib in der Schweiz wie auch für die allfällige Rückkehr ins Herkunftsland fördern. BBB-Projektleiter Rolf Geiser erklärt es auf Nachfrage der az so: «Integration ist keine Einbahnstrasse in Richtung Schweiz, sie soll einem Flüchtling auch helfen, Würde, Selbstverständnis und Kraft zu gewinnen, dass er auch eine Rückkehr wagen kann.» Damit würde auch das gesetzliche Dilemma entfallen, da es sich nicht um reine Integration handeln würde.