Die Schweiz will Lhamo nicht. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat das Asylgesuch der 21-jährigen Tibeterin abgelehnt. Vor drei Jahren teilte ihr die Behörde mit: «Sie müssen die Schweiz bis 9. Dezember 2014 verlassen, ansonsten können Sie in Haft genommen und unter Zwang in Ihren Heimatstaat zurückgeführt werden.»

Wo dieser Heimatstaat sein soll, schreibt das SEM nicht. Auf jeden Fall nicht China. Das SEM verfügt nämlich: «Der Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China wird ausgeschlossen.» Dass Lhamo chinesische Staatsbürgerin ist, glaubt ihr das SEM nicht, weil ihre chinesische ID eine Totalfälschung war. Lhamos tatsächliche Staatsbürgerschaft sei somit unbekannt.

Das SEM vermutet, dass Lhamo gar nie in China gelebt hat, sondern in der exiltibetischen Diaspora in Indien oder Nepal. Eindeutige Beweise fehlen. Lhamo habe «keine konkreten, glaubhaften Hinweise auf einen längeren Aufenthalt in einem Drittstaat geliefert», heisst es im Asylentscheid. Daraus schliesst das SEM, dass nichts gegen eine Rückkehr an den «bisherigen Aufenthaltsort» spreche, lässt aber offen, wo dieser Ort sein soll.

Ohne Papiere keine Ausreise

Lhamo ist kein Einzelfall. In einem Brief ans SEM schreibt die Tibetische Sans-Papiers-Gesellschaft Schweiz Ende August dieses Jahres: «Es ist eine nicht bewiesene Annahme des SEM, dass die etwa 260 abgewiesenen tibetischen Asylbewerber aus Indien respektive Nepal stammen und in diese Länder zurückkehren können.»

Zahlreiche Asylbewerber hätten versucht, Kontakt mit der indischen und nepalesischen Botschaft aufzunehmen, was jedoch unmöglich sei. «Die Kontaktaufnahme wird vonseiten der Botschaften abgelehnt.» Und ohne gültige Papiere ist eine Ausreise nicht möglich. Das bedeutet wiederum: Es ist unmöglich, diese Personen aus der Schweiz wegzuweisen. Viele Tibeterinnen und Tibeter seien «angesichts der perspektivlosen Situation zunehmend verzweifelt», heisst es im Brief.

Ihr drohen 80 Tage Gefängnis

Lhamo ist eine von ihnen. Sie lebt in der Notunterkunft in Dottikon, zusammen mit anderen Frauen, die eigentlich nicht mehr in der Schweiz sein dürften. 7.50 Franken bekommt sie pro Tag. Sie darf nicht arbeiten. Gerät sie in eine Polizeikontrolle, kann sie wegen rechtswidrigen Aufenthalts bestraft werden.

Seit Ende April 2015 zudem wegen Missachtung der Ein- oder Ausgrenzung. Damals verfügte das kantonale Migrationsamt, dass sich Lhamo nur noch im Kanton Aargau aufhalten darf. Sie darf den Kanton nicht verlassen, dürfte zum Beispiel nicht ohne Bewilligung des kantonalen Migrationsamts nach Rikon im Kanton Zürich reisen, um das Tibetische Kloster zu besuchen.

Am 6. Februar 2016 wird Lhamo zum ersten Mal kontrolliert. Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis verurteilt sie per Strafbefehl wegen Missachtung der Ein- oder Ausgrenzung und rechtswidrigen Aufenthalts zu einer bedingten Geldstrafe von 3000 Franken. Am 12. Juni 2017 gerät sie in Zürich erneut in eine Kontrolle. Weil sie vorbestraft ist, gibt es dieses Mal keine bedingte Strafe.

Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl verurteilt sie – weil sie eine hohe Busse mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ohnehin nicht bezahlen könnte – zu einer Freiheitsstrafe von 80 Tagen wegen rechtswidrigen Aufenthalts und Missachtung der Ein- oder Ausgrenzung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Im Kanton Zürich war Lhamo, weil dort ihre Freunde leben. Als sie das zweite Mal kontrolliert wurde, war sie auf dem Weg zu ihrer Freundin, deren Baby krank war. Ausserdem werden in Zürich gratis Deutschkurse angeboten, an denen sie teilnehmen möchte. Ihr Ziel ist es, im Januar das B1-Zertifikat zu machen. Im Aargau gebe es keine vergleichbaren kostenlosen Angebote.

Während Lhamo bemüht ist, sich zu integrieren, die Sprache lernt und ihre Freundschaften pflegt, macht sie sich strafbar. Weil sie nicht in der Schweiz sein darf. Dabei kann sie gar nicht ausreisen. «Das ist doch absurd», findet Ruedi Oehninger aus Aarau. Der 70-Jährige lernte die junge Tibeterin im Netzwerk Asyl kennen, wo er Deutsch unterrichtet. «Mir fielen ihre saubere Schrift und guten Deutschkenntnisse auf», sagt er.

In der Klasse sei sie stark unterfordert gewesen. Ruedi Oehninger versteht deshalb sehr gut, dass Lhamo die Schule in Zürich besuchen möchte, wo sie sich weiter verbessern und ein Zertifikat machen kann. Er hat ihr zudem Privatunterricht angeboten. Seither treffen sich die beiden immer am Mittwochnachmittag bei Ruedi Oehninger zu Hause, um zusammen Deutsch zu lernen.

«Strafen ändern gar nichts»

Ruedi Oehninger hat sich bei der AZ gemeldet und war beim Treffen mit Lhamo dabei. Es ist ihm ein Anliegen, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Er versteht nicht, warum Menschen wie Lhamo, die nichts verbrochen haben, 80 Tage ins Gefängnis sollen. Lhamos Anwältin Lena Weissinger geht es gleich: «Es ist absurd, dass man Menschen auf diese Weise kriminalisiert, die nicht kriminell sind.»

Lena Weissinger hat gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl Einsprache erhoben und wird Lhamo vor Gericht vertreten. Sie war auch bei der Einvernahme durch den Staatsanwalt dabei.

Es sei «kaum zumutbar» für Lhamo gewesen, die zeitweise nur noch weinte. Für Lena Weissinger ist klar: «Solche Strafen ändern gar nichts. Meine Klientin kann gar nicht ausreisen.» Stattdessen könne sie sich immer wieder nur durch ihre Anwesenheit in der Schweiz strafbar machen – auch nach Verbüssen der Haftstrafe.

Strenge Richter

Wie die Chancen für Lhamo bei Gericht stehen, sei schwer zu sagen. Selbst wenn sie in einem Notfall gegen die Eingrenzung verstossen habe, seien die Gerichte oft streng. Beim rechtswidrigen Aufenthalt hingegen ist Lena Weissinger grundsätzlich zuversichtlicher: «Das SEM sagt zwar, theoretisch wäre eine Ausschaffung nach Indien oder Nepal möglich. Wenn die Behörden aber noch nicht alles Zumutbare für den Vollzug der Wegweisung getan haben, ist eine Freiheitsstrafe wegen rechtswidrigen Aufenthalts schwer durchzusetzen.»

Ruedi Oehniger wird Lhamo wenn möglich an die Verhandlung begleiten und für sie da sein. Meistens bleibt Lhamo mittwochs nach dem Unterricht bei Ruedi Oehninger und seiner Frau zum Znacht. Es ist ein Stück Familie, weit weg von ihrem früheren Zuhause. Weit weg von ihrer Mutter, von der sie nicht weiss, ob sie noch lebt. «Die Chinesen haben meine Mutter nach einer Demonstration verhaftet», sagt Lhamo.

Tags darauf habe ihr Onkel entschieden, dass sie, damals 18 Jahre alt, China verlassen sollte. Der Onkel hat ihr auch die Identitätskarte organisiert, die sich als Totalfälschung herausstellte. Mit dieser konnte sie zwar vor der Unterdrückung als Tibeterin aus China in die Schweiz fliehen. An einem Ort, an dem sie bleiben darf, ist sie damit aber noch nicht angekommen.