In Afghanistan hat Azad Gul (26) Stromer gelernt. Strom gab es in den drei Jahren nie. Stattdessen gab es Raketen. Sie flogen von den Taliban zum Camp der Amerikaner und von dort flogen Raketen zurück zu den Taliban. Mittendrin – in diesem östlichen Zipfel ganz an der Grenze zu Pakistan – lebt Guls Familie: ein Vater, drei Frauen, 17 Kinder. Es gab viele Tote, viele Selbstmordanschläge. «Immer wieder Fleisch zusammennehmen», sagt Gul.

Die Kindheit? Gul erinnert sich an die Schule unter dem Baum, die mit dem Schatten mitwanderte. Er erinnert sich an das Pferd, das er hatte, daran, dass er Volleyball spielte und wie er Bauer werden wollte.

Mit 16 heiratet der Afghane. Drei Töchter hat er: Asna, Afsana und Safna. Safna ist vier Jahre alt. Azad Gul hat sie noch nie gesehen. Nachts hört er die Nachrichten – sie sind immer schlecht.

Zurück nach Afghanistan

Als Gul Afghanistan verliess, wusste er nicht, dass er seine Familie lange nicht wiedersehen würde. In die Schweiz kam er, weil sein Vater alt wurde und jemand weiterführen musste, was er begonnen hatte: Zusammen mit einer deutschen Hilfsorganisation eine Schule aufbauen. In der Schweiz sollte Gul deshalb Deutsch lernen. Doch sobald er hier war, verschlechterte sich die Sicherheitslage in Afghanistan dramatisch. Die Organisation wollte nicht mehr investieren.

Gul war verzweifelt. Wie sollte er für seine Familie sorgen, wenn er nicht in Sicherheit arbeiten konnte? Er beschloss, Asyl zu beantragen, und besuchte alle Deutschkurse, die gratis waren. Sein Ziel: Bauer werden – seiner Familie eine Lebensgrundlage schaffen. Er wartete damals noch auf den Asylentscheid.

Doch der junge wissbegierige Mann fiel auf: Das Netzwerk Asyl Aargau empfahl ihn für das Integrationsprogramm der kantonalen Schule für Berufsbildung. «Das war mein Glück.» Zwei Jahre dauert diese Schule. Gul hatte es eilig. Schon nach einem Jahr fand er eine Lehrstelle bei einem Aargauer Bauern. Gul hatte grosse Angst vor der Berufsschule. Er fürchtete sich vor den Mitschülern. Von den «Scheissasylanten» sprachen sie am ersten Schultag. Gul sagt heute: «Die waren jung und dachten, alle Asylanten sind schlecht.»

Der Asylbewerber gab nicht auf. Er fragte seine Mitschüler nach Worten, die er nicht wusste – um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie freundeten sich an. In seiner Freizeit spielt er Volleyball. Nachts lernte er Deutschwörter. Sein Begleiter: die Angst. Angst, zu versagen, Angst, nicht alles zu verstehen, Angst um die Familie. Er wechselte von der drei- in die zweijährige Lehre – auch aus Angst. Einmal wechselte er den Bauernhof. Bei der neuen Bauernfamilie in Gipf-Oberfrick blühte er auf. Er konnte viel lernen – auch über das Schweizer Familienleben.

Wovon Gul träumt

Azad Gul erzählt: Waren die Kinder anderer Meinung als die Eltern, wurde diskutiert und gemeinsam eine Lösung gesucht. Der Lehrmeister bezog Gul mit ein. «So habe ich jeweils auch die afghanische Sichtweise eingebracht.» Die Anlehre schloss der Asylsuchende als Bester ab. Notendurchschnitt: 5,7. Eine Stelle hat er trotzdem nicht gefunden. Dabei will er noch so viel lernen: Klauenpflege – in Afghanistan weiss der Tierarzt nicht, wie das geht. Obstbäume schneiden und Maschinen reparieren – «das muss ich dort können». Denn bleiben will er nicht. «Ich bin Afghane, ich muss in Afghanistan leben. Er vermisse sein Land, obwohl es hier so schön sei wie im Paradies.

Wovon Gul träumt: ein bisschen mehr Frieden, damit er zurückkehren kann, eine kleine Landwirtschaftsschule, an der er sein Wissen weitergeben kann. Eine B-Bewilligung, damit er von Zeit zu Zeit in die Schweiz zurückkehren kann – um sich mit den Bauern auszutauschen und Neues zu lernen. Was Gul sich wünscht: seine Familie zu sehen und die kleine Safna ein erstes Mal in die Arme zu schliessen.