Asylunterkünfte
Asylbetreuer: «Würde man jedes Schicksal an sich heranlassen, ginge man kaputt»

Jede Nacht sind drei Teams des Aargauer Sozialdienstes unterwegs, um die Mehrheit der 60 Asylunterkünfte zu besuchen. Die Teams kontrollieren, ob keine Fremdschläfer da sind, und schreiten bei Streitigkeiten sofort ein.

Nora Bader
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Asylunterkunft, im Spiegel junge Männer aus Afghanistan, die sich die Zeit beim Kartenspiel vertreiben.

Asylunterkunft, im Spiegel junge Männer aus Afghanistan, die sich die Zeit beim Kartenspiel vertreiben.

Mark Wyss

Wenn die meisten Schweizer den Feierabend geniessen, legen sie erst los: Die zwei Betreuer vom kantonalen Nachtdienst packen den Medizinkoffer unter den Arm, stecken den Pfefferspray in die Hosentasche und machen sich auf den Weg. 12 bis 15 Asylunterkünfte im Kanton besuchen sie zwischen 17 und 1 Uhr.

Ihre Aufgabe ist es, nach dem Rechten zu sehen und im Notfall Security, Polizei oder Ambulanz zu alarmieren. «Wir sind Psychiater, Pfarrer, Friedensrichter und Sanitäter in einem», sagen die beiden.

Notunterkunft in Oftringen

Es riecht nach indischem Curry, abgestandenem Schweiss und modrigen Militärwolldecken. Kajütenbetten aus klapprigen Stahlgestellen sind mit Tüchern umhüllt. Im kleinen Fernseher laufen Musik-Video-Clips mit halb nackten Frauen. Ein Mann in langen Unterhosen rührt in einem Topf. Andere sitzen auf Betten und reden. – Wer noch nie eine Asylunterkunft von innen gesehen hat, erschrickt beim Betreten der Notunterkunft Oftringen.

Die Räumlichkeiten wirken verlottert, viele Menschen leben auf engstem Raum zusammen. Um uns versammelt sich eine Gruppe stämmiger Männer und redet auf uns ein, in mindestens fünf Sprachen. Das Geld reiche nicht, klagt einer. Ein anderer hat Kopfschmerzen.

In Oftringen sei eine spezielle Klientel untergebracht, sagt Roland Juen, Leiter Asyl beim Kantonalen Sozialdienst. Hier leben abgewiesene Asylsuchende, die das Land nicht verlassen wollen. Manche sind monatelang unauffindbar. Weggeschickt werde vom Kanton aber niemand.

Fremdschläfer als Problem

Für die Betreuer ist es in der Nacht auf Freitag eher ruhig, am Mittwoch sei mehr los gewesen: «Die Asylbewerber haben ihr Wochen-Salär erhalten. Viele haben getrunken und es kam zu Tätlichkeiten.» Auch seien gleich mehrere Fremdschläfer aufgegriffen worden. Fremdschläfer sind Leute, die sich in ein Asylheim einschleichen und dort übernachten, obwohl sie nicht angemeldet sind. Sie verstossen gegen die Hausordnung: Nach 22 Uhr dürfen Asylsuchende in den Unterkünften keinen Besuch mehr empfangen. Wobei sie selber nicht um eine bestimmte Zeit im Haus sein müssen.

Wird jemand nach 22 Uhr in einer fremden Unterkunft aufgefunden, gibts ein Hausverbot. Eine Wiederholungstat führt zu Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Das Hausverbot verhängt der Nachtdienst. «Die meisten Asylunterkünfte im Kanton haben mit solchen Problemen zu kämpfen», sagt Roland Juen.

Die Folgen solcher Aufenthalte sind Streitereien und Unsicherheiten. Pro Nacht wird im Aargau durchschnittlich ein Fremdschläfer erwischt, auch mal mehrere am selben Ort und vorwiegend Männer.

Unterkunft und Versorgung

Ein Asylbewerber bekommt pro Tag zehn Franken, ausgehändigt, einmal die Woche. Abgewiesene Asylbewerber bekommen ihre Fr. 7.50 täglich. Das Geld muss im Büro der Unterkunft beim Tagesbetreuer persönlich abgeholt werden, sonst gibts nichts. «Jeder Asylbewerber hat das Anrecht auf ein Bett und medizinische Versorgung», sagen die Betreuer. Sie sind gut aufgelegt.

Überhaupt muss man diesen Job mit dem nötigen Galgenhumor angehen: «Wichtig ist die richtige Sozialkompetenz und ein dickes Fell», sagen die beiden. Wenn man jedes Schicksal an sich heranlassen würde, ginge man kaputt. Und Schicksale gibt es viele.

Die Kontrolltour führt von Schafisheim bis ins Fricktal, mit Halt unter anderem in Aarburg und Aarau. Die unterschiedlichsten Leute kommen aus Eritrea, Syrien, Afrika, Russland, Afghanistan, Sri Lanka. Manche bestätigen Vorurteile, die Asylbewerbern gegenüber gehegt werden, andere widerlegen sie komplett.

Familie aus Syrien beleidigt

Eine Familie aus Syrien bittet in ihr kleines Zimmer, in dem vier Personen leben. «Sit down», sagt die Frau und will Dessert anbieten. «Wir dürfen nichts annehmen», sagen die Betreuer. Die Familie ist beleidigt. Ein anderer Mann, ein Schwarzafrikaner mit Dreadlocks, freut sich, dass er fotografiert wird. Er müsse sich aber erst frisieren, sagt er, und eilt zum Spiegel. In einer weiteren Unterkunft, einer kleinen Hütte, spielen jugendliche Afghanen mit Jasskarten. An die Wand steht mit Bleistift gekritzelt: «Danke Schwiss!».

Die Besuche in den Unterkünften verlaufen ähnlich. Die Betreuer gehen ein Stück voran. Bei neueren Bewohnern verlangen sie Ausweise, die meisten kennen sie bereits. Manche bitten um eine Schmerztablette oder Waschmittel. Viele beantworten breitwillig alle Fragen – auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Einmal kommt es zu einer Handgreiflichkeit zwischen zwei Asylsuchenden. Die Betreuer schreiten sofort ein. «Hören, sehen, denken, handeln», das sei sein Leitspruch, sagt der ältere der Betreuer, der diesen Job seit 15 Jahren ausübt. Der Aargau ist der einzige Kanton, der ein derartiges Team einsetzt.

Jede Nacht viele Kontrollen

60 Asylunterkünfte gibt es im Kanton. Drei Viertel davon werden nächtlich kontrolliert. Im Einsatz sind jeweils drei bis vier Teams von zwei bis drei Männern. Betreuer werden einem strengen Prüfungsverfahren unterzogen und haben drei Vorstellungsgespräche. Viele kommen aus dem Polizei- oder Sicherheitsbereich. Die Betreuer arbeiten sechs Nächte am Stück und haben dann drei frei. Man müsse den Rhythmus umstellen, sagt der jüngere der beiden. Aber er arbeite lieber nachts, da habe es keinen Stau auf den Strassen. «Nach Feierabend tun wir auch nicht mehr als andere Leute: Fernsehen und ein Bierli trinken, es wird dann halt einfach 4 Uhr morgens, bis man schlafen geht.»