Debatte
Asyl- und Sozialwesen mit Minderheiten: Stimmt im Aargau etwas nicht?

Die az hat diese Frage fünf Persönlichkeiten gestellt – in einigen Antworten schwingt tatsächlich Angst mit. Ein Psychiater ortet ein neues Selbstbewusstsein, ein Historiker zieht Parallelen von 1855 zu heute, ein Schriftsteller ist etwas ratlos.

Aline Wüst
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Der Aargau hat sich mit Aktionen gegen Asylbewerber und Sozialhilfebezüger in ein schlechtes Licht gerückt (im Bild Schloss Habsburg).

Der Aargau hat sich mit Aktionen gegen Asylbewerber und Sozialhilfebezüger in ein schlechtes Licht gerückt (im Bild Schloss Habsburg).

Gaetan Bally/Keystone

Der Aargau. Das sind 313 632 Frauen und ein bisschen mehr Männer. Einer davon ist der Psychiater Philipp Hauser. Er ist vor dreissig Jahren in den Aargau gezogen. Trifft er heute seine Zürcher Bekannten, fragen sie ihn: «Sag mal, wie geht es dir im Aargau, hältst du es da überhaupt noch aus?»

Der Aargau. Er hat in den vergangenen Monaten oft Schlagzeilen gemacht: mit dem Güllenwagen-Protest in Bettwil, mit dem Badi-Verbot von Bremgarten oder dem Bratwurst-Protest in Aarburg. Diese Woche nun gab der Umgang mit Sozialhilfebezügern zu reden.

Was ist los im Aargau? Warum richtete sich der Zorn hier so häufig und lautstark gegen Minderheiten?
Wir haben diese Frage nicht den Politikern gestellt, sondern Leuten wie dem ehemaligen Aargauer Kulturchef Hans Ulrich Glarner, dem Schriftsteller Klaus Merz oder dem Historiker Pirmin Meier. Menschen, die im Aargau leben oder mit dem Kanton verbunden sind.

«Wie weit kann man gehen?»

Für den Psychiater Philipp Hauser hat die aktuelle Stimmung mit einem neuen Selbstbewusstsein des Kantons zu tun. Der Aargau wachse, geniesse aber zwischen den grossen Zentren wie Zürich, Bern und Basel eine gewisse Narrenfreiheit. Provozierende Aussagen, wie sie gewisse SVP-Politiker machen, sind für den Psychiater darum eine Art Versuchsballone, die in den Himmel gelassen werden, um zu schauen: Wie weit kann man gehen? Wie viel verträgt es?

Abwehrreflex wegen Verlustangst

Pirmin Meier, Historiker: «Früher war das Asyl- und Sozialwesen hart, zum Teil sogar grausam. Das heutige Verhalten der Aargauer als inhuman zu bezeichnen, ist deshalb im Spiegel der Geschichte falsch.»

Pirmin Meier, Historiker: «Früher war das Asyl- und Sozialwesen hart, zum Teil sogar grausam. Das heutige Verhalten der Aargauer als inhuman zu bezeichnen, ist deshalb im Spiegel der Geschichte falsch.»

ZVG

Die Diskussionen im Aargau verfolge er mit wachsender Sorge. Die Frage, was mit dem Kanton los sei, habe ihn zwar nicht um seinen Schlaf gebracht, aber sehr lange nachdenken lassen. Er kam dabei zu folgendem Schluss: In einem Kanton wie dem Aargau, der sich in kurzer Zeit aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist die Verlustangst möglicherweise grösser als andernorts, wo man sich schon lange gewohnt ist, dass es einem einigermassen gut geht.

«Die Angst, das zu verlieren, was man sich erarbeitet und durch günstige Umstände erhalten hat, hat Abwehrreflexe zur Folge.» Diese Abwehrreflexe würden sich in erster Linie gegen Veränderungen, gegen Fremdes und Unbekanntes richten, sagt Glarner. «Was sich hier im Individuellen abspielt, kann zu einem kollektiven Empfinden werden.»
Entscheidend ist für Glarner, dass die gewählten Behörden Besonnenheit zeigen und aufklären, statt Angst zu schüren. «Von diesen Verantwortungsträgern erwarte ich, dass sie sich umfassend informieren und ihren Wissensvorsprung entsprechend nutzen.»

Früher war es schlimmer

Hans Ulrich Glarner ehemaliger Aargauer Kulturchef «In einem Kanton wie dem Aargau, der sich in kurzer Zeit aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist die Verlustangst möglicherweise grösser als andernorts.»

Hans Ulrich Glarner ehemaliger Aargauer Kulturchef «In einem Kanton wie dem Aargau, der sich in kurzer Zeit aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist die Verlustangst möglicherweise grösser als andernorts.»

ZVG

Hart sei es ebenfalls gewesen, ein Asylsuchender zu sein. Meier denkt dabei etwa an die Hugenotten, die ab dem 17. Jahrhundert als Asylsuchende in die Schweiz, auch in den Berner Aargau kamen. Wer nicht für sich selber schauen konnte, musste das Land verlassen. Früher sei das Asyl- und Sozialwesen hart, zum Teil sogar grausam gewesen, folgert Meier. Das heutige Verhalten der Aargauer als inhuman zu bezeichnen, sei deshalb im Spiegel der Geschichte falsch.

«Nie hat es in der Schweiz, rein finanziell, eine vergleichbare Grosszügigkeit gegeben, wie das heute der Fall ist.» Allerdings waren Flüchtlinge aus Griechenland (1824), Ungarn (1956) und Tschechien (1968) klar erwünschter, weil die politischen Hintergründe einsichtig und die Kosten für die Aufnahme sehr bescheiden waren, so Meier.

Für den Historiker besteht die Parallele von damals zu heute in der Verlegung sozialer Probleme, einer Art Schwarzpeter-Ritual. Der «Grenznutzen» – also in diesem Fall die Einsicht, dass der Aufenthalt von willkommenen Flüchtlingen in der Gemeinde sinnvoll ist – sei in Aarburg überschritten. Die Auswirkungen in Form explodierender Sozialkosten gar negativ.

Der Protest gegen aufgedrängte Asylsuchende sei deshalb ein Mittel, dem Luft zu verschaffen. «Das ist allerdings weit weniger krass als damals in Rothrist, wo die eigenen Leute nach Amerika ausgeschafft wurden», sagt Pirmin Meier.

Keine organisierte Opposition

Im Hier und Jetzt argumentiert Lelia Hunziker. Sie leitet die Anlaufstelle Integration Aargau. Hunziker vermutet, dass der Protest gegen Asylsuchende im Aargau lauter und dominanter ist als in anderen Kantonen, weil es in dörflichen Strukturen schwierig sei, eine Opposition zu organisieren.

Vernehmbar seien deshalb meist nur die wenigen, aber sehr dominanten Stimmen dieses Protests gegen Asylsuchende. «In Kantonen mit Grossstädten hingegen existiert für jede Minderheit eine aktive, gut organisierte und laute Lobby – auch für die Schwächsten. Vielleicht fehlt das im Aargau», sagt Hunziker.

Hunziker wehrt sich auch dagegen, vom Aargauer zu sprechen. Auch das sei ein Stereotyp – latent rassistisch, laut polternd, dörflich soll er demnach sein, der Aargauer. Gerne bediene man sich auch in den Medien den Archetypen dieses Stereotypen. «Ich bin auch Aargauerin und überhaupt nicht so», sagt Hunziker und schiebt nach, «gut, laut polternd, das bin ich vielleicht ein bisschen.»

Etwas pulsiert

Der Schriftsteller Klaus Merz sagt, dass er die Diskussionen um Asylsuchende und Sozialhilfebezüger irritiert und etwas ratlos verfolge. Scheinbar pulsiere da etwas, sagt Merz, der im Wynental wohnt. Was genau es sei, darauf habe er keine Antwort. Merz sagt aber noch: «Früher hiess es, der Aargau sei der Gradmesser der Nation. Falls wir noch immer dieser Gradmesser sind, dann bedeutet das etwas Trauriges.»

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