Neben der kantonalen Asylunterkunft in Laufenburg, der alten Villa der Holz-Dynastie Balteschwiler, befindet sich zufälligerweise eine Anwaltskanzlei. Die zwei Parkplätze vor der Unterkunft sind an diesem Märzmorgen besetzt. Für Christoph Urech, Blue Jeans, Trekkingschuhe, Mammutjacke, respektive für seinen Biodiesel-Saab, hat es keinen Platz mehr.

Er stellt den Wagen auf einen der freien Besucherparkplätze der Kanzlei, spricht am Empfang vor, sagt: «Wir sind schnell auf Besuch in der Nachbarliegenschaft, dürften wir 15 Minuten bei Ihnen parkieren?» Dann hält er die Hand vor den Mund, lächelt spitzbübisch, schiebt nach: «Wir dachten, bei den Anwälten geht man gescheiter kurz fragen.»

Aber natürlich dürften wir das Auto stehen lassen, sagt die Mitarbeiterin. Es sei sehr nett, dass wir gefragt hätten. Beim Hinausgehen sagt Urech: «Muesch eifach redä mit de Lüüt. Und öppe en Spruch loh gheie.» Ohne es zu realisieren, fasst er damit seinen Erfolg in einem Satz zusammen.

Zu weich als Geschäftsmann

Urech hat einen Beruf, bei dem Reden mit den Leuten das Wichtigste ist. Und einen, den es nur einmal gibt im Aargau: Er ist Asyl-Bauchef des Kantons. Die Stelle übernahm er vor einem Jahr. Nachdem die az die Asylmöbel-Affäre aufgedeckt hatte, kam es in der Sektion Asyl des Departements Gesundheit und Soziales zu Rochaden. Gleichzeitig hatte sich Urech, 50, ausgebildeter Maurer, Polier und Bauleiter, gedacht: «Es kommen so viele Flüchtlinge. Beim Kanton haben sie sicher einen Job für einen wie mich, der erprobt ist, schnell etwas aufzubauen.»

Sie hatten. Auf der Kantons-Website sah er das Inserat, meldete sich, wurde eingestellt. 20 Jahre lang hatte Urech vorher eine eigene Baumaschinenvermietung geführt, «alles vom Spitzhämmerli bis zum Hydraulikbagger.» 11 000 Kunden in der ganzen Schweiz, Sechs- und Sieben-Tage-Wochen. Am Schluss verkaufte er alles: «Ich war einfach ein zu weicher Geschäftsmann.»

Wir fahren mit dem Saab nach Holderbank. Hier steht die Unterkunft für abgewiesene Asylsuchende, die 2016 für Aufsehen sorgte: Das Online-Portal Watson hatte publik gemacht, dass die Bewohner etwa mit Schimmel und Algen in der Dusche lebten.

So sah die Asylunterkunft vor der Renovation aus:

«Die Kritik war berechtigt, die Renovation war zu diesem Zeitpunkt aber bereits in den Startlöchern», sagt Urech, als wir aus dem Auto steigen, zum Eingang gehen. Aber die Berichterstattung sei nicht «über alle Zweifel erhaben» gewesen: «In der ‹Arena› blendeten sie eine halbe Stunde lang ein Foto der Küche ein und sagten, das sei Schimmel. Dabei war die Wand einfach in einem sehr gewöhnungsbedürftigen Grünton gestrichen worden.»

Im Haus leben bis zu 40 Männer: «Kein Wunder, ist die einzige Dusche überbeansprucht.» Die enge Nasszelle wurde inzwischen renoviert, eine Lüftung eingebaut. Und trotzdem tropft es von der neuen Holzdecke. Die Fensterscheiben beim Hauseingang, sagt Urech, könnte man alle drei Wochen reparieren. Zwei-bis dreimal im Jahr müsse man neu streichen. Sein Lieblingswort: zweckmässig. «Wir machen das Nötigste. Schliesslich sind wir ja kein Hotel, das auf einen möglichst langen Gästeaufenthalt aus ist.»

Handarbeit statt teurer Kran

Auf den ersten Blick verwundert es, dass einer, der sich selber als «Freestyle-Bauer» bezeichnet, dort arbeitet, wo alle Regeln besonders genau eingehalten werden müssen. Während die Dusche in Holderbank renoviert wurde, wurde ein Sanitär-Container im Garten aufgestellt. Auf einen teuren Mietkran verzichtete Urech. Mit zehn Bewohnern wurde der Container von Hand in die Wiese geschoben: «Ich musste ihnen einfach sagen, dass sie die Flipflops aus- und Schuhe anziehen müssen.»

Asyl-Unterkunft Holderbank: «Hier kann man nicht leben»

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Tele M1-Beitrag vom 12. April 2016: Nach den Berichten von «Watson» blieb Tele M1 der Zutritt zum Haus am Montag verwehrt. Der TV-Journalist konnte dafür mit den Bewohnern und mit Balz Bruder, Leiter Kommunikation des Aargauer Sozialdepartements, sprechen.

Wann immer möglich, arbeitet er mit Asylsuchenden im Beschäftigungsprogramm. «Wir haben so viele Leute, die nichts zu tun haben. Das tut denen gut.» Mit seiner «Bausprache» könnten sie gut umgehen. Beim Kantonalen Sozialdienst nicht immer: «Einige müssen sich noch ein wenig daran gewöhnen.» Er habe nicht nur Freunde, sei halt manchmal etwas zu direkt. «Dafür weiss man bei mir immer, woran man ist.»

Auf den zweiten Blick wird klar, warum Urech und die Sektion Asyl harmonieren: Um schnelle, möglichst günstige Lösungen zu finden, braucht es einen wie ihn. Mit pragmatischen Vorschlägen und Improvisationstalent. Dass das auf dem Bau gefragt ist, hatte er in der Lehre beim Aarauer Traditionsunternehmen Zubler gelernt. Auch die Gugger bei den «Speuzer Schränzern» sind immer wieder froh um seine Kreativität, ob mit dem Akkuschrauber beim Bauen des Umzugswagens oder mit dem Euphonium auf ebenjenem.

Beim Eidgenössischen Volksmusikfest 2015 in Aarau war Urech mitverantwortlich für die Infrastruktur. Jetzt, Ende März, gibt es ein paar Tage Ferien. Um im Wallis das Festival «Zermatt Unplugged» auf- und abzubauen. Urech sagt: «Ech schaffe halt gärn!» Wirklich frei nimmt er sich eigentlich nur für die 17-jährige Tochter.

Chips und Bier

In Frick, im ehemaligen A3-Werkhof, wurden in den letzten Wochen Wohncontainer von der Sedruner Gotthard-Baustelle aufgestellt. Im April ziehen die ersten Asylsuchenden ein, 180 dürfen es maximal werden. Urech geht kurz durch die Unterkunft, die eine Baustelle kurz vor Fertigstellung ist. Er gibt im Vorbeigehen Anweisungen, nimmt ein Telefonat entgegen. Zwei Asylsuchende streichen Holztafeln, die auf den Containern montiert wurden, damit niemand hinaufklettern kann. Vorher hatten die gleichen Schalttafeln in Aarau als Zeltböden gedient.

Heute ist für die Handwerker Abgabetermin. Nicht offiziell, aber Urech hat für eine Art Vor-Abnahme einen eigenen Termin gesetzt. Er ist zufrieden: Es sei schon fast alles fertig. Obwohl man noch ein paar Tage Zeit hätte. «Man muss immer auch mit dem Schlechteren rechnen. Aber nicht danach leben.» Für die Arbeiter gibt es an diesem Abend ein spontanes Aufrichtfest mit Chips und Bier. Bezahlen werde er das natürlich aus dem eigenen Portemonnaie. «Das gehört dazu. Dafür werden sie beim nächsten Mal wieder gute Büez für mich machen.»

Und was hält der Asyl-Bauchef von der Asylpolitik? Genau: Auch das sieht er pragmatisch. «Ich kann wählen gehen, aber alles andere ist entschieden. Wir müssen nur schauen, dass sie ein zweckmässiges Dach über dem Kopf haben.» Und, er müsse schon sagen, er komme zwar nicht aus der linken Ecke, aber eines müsse man sich in der Schweiz bewusst sein: «Wir haben hier ein Schlaraffenland hoch 7. Da können wir auch etwas zurückgeben.» Er tue das, indem er sein Fachwissen einsetze. Und insgeheim hofft er, dass ihm auch der Kanton bald etwas zurückgibt. Sollte das Eidgenössische Turnfest 2019 in Aarau noch einen Bauchef suchen, wäre er sofort dabei. Falls ihn sein Arbeitgeber temporär zur Verfügung stellen würde. Es ist nur ein Spruch, den er fallen lässt. Aber die können einen ja ziemlich weit bringen.